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RWJ 04/2021: Editorial

DIE Jäger sind wir – jede(r) Einzelne

In Gelsenkirchen hatte die Feuerwehr neulich einen Großeinsatz mit Höhenretter und Drehleiter, weil sich eine Stadttaube an einem Kirchturm verfangen hatte. Am Ende stellte man fest, dass sie bereits verendet war.

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Nicole Heitzig
Präsidentin des Landesjagdverbandes NRW

Trotzdem sei der aufwändige Einsatz – so die Feuerwehr zum WDR – nicht umsonst gewesen, das habe auch was mit „Feuerwehr-Ethik“ zu tun. Wir Jäger sollten uns jederzeit an unserer, nämlich der Jäger-Ethik, orientieren – doch was waidgerecht ist, unterliegt einem steten Wandel: Was früher als waidgerechte Jagdpraxis galt, ist heute verpönt oder verboten – wie das Abfedern von krankem Federwild, der Postenschuss auf Schalenwild oder der Raubwildfang mit Tellereisen. Heute jagen wir mit Waffen, Optik und Technik, die vor Kurzem noch höchst umstritten waren. Noch Ende des 19. Jahrhunderts fragten sich Jäger, ob das Zielfernrohr eine technische Verbesserung sei oder dem Wild damit gar keine Chance mehr bliebe. Heute führen wir solche Diskussionen um Nachtzieltechnik und Wärmebildkameras. Durch die öffentliche Diskussion zum Gebrauch dieser Geräte und das Nichtinfragestellen haben wir sie selbst salonfähig gemacht, die Technik steht inzwischen bundesweit vor der Zulassung – und damit eine Jagd rund um die Uhr, unabhängig vom Mond. Natürlich mit guter Begründung – ja, wir müssen die Sauen kurz halten und die ASP bekämpfen, dazu ist beinahe jedes Mittel recht.

 

Ebenso beim „waldfressenden“ Schalenwild – populär ist es derzeit, auf Klimawandel, Waldsterben, Trockenheit und Käferkalamitäten hinzuweisen und zeitgleich zum Auf bau klimastabiler Mischwälder einen verstärkten Schalenwildabschuss (Zahl vor Wahl) zu fordern. In aktuellen Debatten um Bundes- und Landesjagdgesetze stellen bestimmte Gruppen selbst den Grundsatz des Muttertierschutzes als verhandelbar dar, wenns um Seuchenvorbeugung oder das Erreichen waldbaulicher Ziele geht.

 

Wenn wir jedoch die Aufhebung von Schonzeiten unwidersprochen hinnehmen, stellen wir selbst die unbegrenzte jagdliche Nutzung von (Schalen)Wild als waid gerecht zur Diskussion. Wenn wir uns zeitgleich nicht mehr ausreichend für eher unpopuläre Jagdpraktiken wie die Fallen- und Baujagd, die Hundeausbildung an lebenden Enten, Sauen im Ausbildungsgatter und Füchsen in Schliefenanlagen einsetzen, weil wir vor lauten Rufen der Tierschützer einknicken, bereiten wir selbst deren Ablehnung als nicht waidgerecht und Verbote durch Gerichte oder neue Jagdgesetze vor. Dabei wird oft verkannt, wie wichtig gerade die Jagd mit der Falle für unser durch immer enger werdende Lebensräume bereits stark gebeuteltes Niederwild und viele gefährdete Tierarten ist. Was können wir daraus lernen ?

 

Wir Jäger selbst sind verantwortlich dafür, wohin die Jagd geht. Wir gestalten die Richtschnur der Waidgerechtigkeit selbst ... und sollten uns vor einem Zeitgeist hüten, der nur auf populistische Forderungen von außen zielt.

 

Wir alle, jede Jägerin und jeder Jäger, tragen eine hohe Verantwortung für die Zukunft der Jagd. Wir müssen uns daher eigene ethische Standards schaffen, um Waidgerechtigkeit nicht als „verstaubten“ Begriff aus der Mottenkiste zu verstehen, sondern mit Leben und Selbstkontrolle zu füllen. Besonders im Hinblick auf technische Neuerungen und immer weitere Möglichkeiten sollten wir uns und unser jagdliches Handeln permanent selbst hinterfragen, damit wir die ewig aktuellen Anliegen jedem erklären können, der uns danach fragt: Warum jagst DU, warum tötest DU Tiere, warum dieses Tier? Die Antworten darauf sind ebenso vielschichtig wie wir Jäger selbst. Viele Aspekte greifen ineinander, aber über allem steht unsere tiefe Liebe zur Natur, der Umwelt und den darin vorkommenden Tieren.

 

In diesem Sinne danke ich jedem LJV-Mitglied für das Vertrauen, das Sie mir und meinem Team mit Ihrer Wahl geschenkt haben. Ich freue ich mich auf die anstehenden Aufgaben und Gespräche mit Ihnen, aber auch mit Vertretern der Partnerverbände, der Falkner, der Land- und Forstwirtschaft, der Politik, der Naturschutz- und Tierschutzverbände und interessierten Bürgern. Waidmannsheil!

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