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RWJ 12/2019: Waldumbau

Jäger fordern Mut zur Lücke

Jäger sehen sich als Partner von Förstern und Waldeigentümern. Doch der Aufbau klimastabiler Wälder darf nicht auf dem Rücken des Wildes ausgetragen werden. Waldumbau nur mit dem Gewehr funktioniert nicht.

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Wildtiere ziehen sich im Winter aufgrund des Deckungs- und Äsungsmangels im Offenland notgedrungen in Waldbereiche zurück. Dort kann der Fraßdruck auf junge Bäume zunehmen. Dem wirken Lebensraumelemente entgegen. Dazu gehören etwa:

 

  • Äsungsangebote durch Wiesen und naturbelassene Freiflächen im Wald schaffen. Stufig aufgebaute, naturnahe Waldränder, krautig bewachsene Wegränder oder auch Schneisen mit ausreichendem Lichteinfall bieten Kräutern und Gräsern gute Bedingungen.
  • Bei der Holzernte knospenreicher Laubbäume (z. B. Eiche) anfallende Baumkronen in den frühen Wintermonaten im Wald belassen: Sie bieten nahrhafte Äsung.
  • Wildruhezonen einrichten.
  • Aufwertung der Feldflur als Lebensraum für Reh- und Rotwild: Ganzjährige Deckung und Äsung im Feld würde Schäden im Wald zuverlässig minimieren und entspräche dem Lebensraumanspruch beider Wildarten: Rehwild ist ein klassischer Waldrandbewohner, Rotwild eine Art des Offenlandes.

 

Präventionsmaßnahmen gegen WIldschaden

  • Jagdschneisen und Wildäsungsflächen in großen Aufforstungsflächen bereits bei der Pflanzung berücksichtigen.
  • Waldbesitzer, Förster und Jäger sollten Standorte für jagdliche Einrichtungen gemeinsam festlegen.

 


Kann Waldumbau mit Naturverjüngung allein gelingen?

Nach Angaben von Experten gibt es in Deutschland immer noch 2,8 Millionen Hektar Nadelholzreinbestände. Das sind 27 Prozent der Waldfläche. Auf Kahlflächen innerhalb großer Fichtengebiete entstehen ohne menschliches Zutun durch Naturverjüngung wieder artenarme Fichtenwälder. Wenn tatsächlich klimastabile Wälder entstehen sollen, müssen fünf Mrd. Bäume gepflanzt werden. Damit ist es nicht getan: Die Jungpflanzen brauchen viel Pflege. Adlerfarn, Brombeere, Gräser oder andere Pflanzen nehmen diesen sonst den Lebensraum. Und sie müssen geschützt werden, etwa mit Wuchs-Hüllen oder biologischen Mitteln: In einem artenarmen Fichtenwald wirken gepflanzte Laubbäume oder die Weißtanne wie ein Magnet auf Pflanzenfresser von der Maus bis zum Reh.

 


Welche Rolle spielt die Jagd beim Waldumbau?

Die Jagd ist ein wichtiges Instrument im Waldumbau, und die Jäger helfen aktiv, ein Gleichgewicht in der Kulturlandschaft zu schaffen. Einen Erfolg im Waldumbau allein mit dem Gewehr – also mit dem Abschuss möglichst vieler Rehe und Hirsche – zu erzielen, ist aber viel zu kurz gedacht. Eine aktive Umwandlung von Reinbeständen in naturnahe Wälder geht nur mit intensiven Pflege- und Schutzmaßnahmen. Schnellwüchsige Baumarten wie Fichte verdrängen zudem ohne entsprechende Pflegeeingriffe förderungswürdige Baumarten wie Eiche oder Weißtanne. Die Jäger sehen sich als Partner von Förstern und Waldbesitzern: Besonders dort, wo nach Schadereignissen jetzt junge Bäume gepflanzt werden, muss schwerpunktmäßig und intensiv gejagt werden. Der Schutz vieler Jungbäume, vor allem von neuen und selteneren Arten im Bestand, ist allerdings trotz Jagd notwendig.

 


Wie sieht ein klimastabiler Wald aus Sicht der Jäger aus?

Jäger fordern Mut zur Lücke. Wald besteht aus vielen Entwicklungsstadien. Dazu gehören temporär offene Flächen, entstanden durch Windwurf, Feuer oder Holzernte. Auf diesen Freiflächen wachsen zunächst Kräuter, Gräser und später Büsche. Das ist Nahrung für viele Wildtiere. Der Fraßdruck auf benachbarte Bäume sinkt. Neben den Aufforstungsflächen muss es deshalb ein integriertes Konzept von temporären und dauerhaft angelegten Nahrungsflächen für Wildtiere geben.

 

Inwieweit sich unsere Wälder steigenden Temperaturen und Trockenperioden tatsächlich anpassen können, ist unmöglich vorherzusagen. Entscheidend wird sein, dass es in Waldbeständen künftig vielfältigere, den jeweiligen Standorten angepasste Baumarten gibt. Der erwartete maximale Holzertrag darf nicht das alleinige Kriterium sein. Laubholzreiche Mischwälder werden die Waldbaukonzepte prägen. Eine breite Altersstruktur im Waldbestand fördert zudem die Stabilität gegen Stürme und verhindert plötzliche flächige Waldverluste, etwa durch Borkenkäfer. Zur Strukturvielfalt gehört auch eine verstärkte Entwicklung von Kraut- und Strauchschicht.

 


Ist eine verstärkte Jagd als Pauschalforderung zielführend?

Von 1970 bis 2014 hat sich die Zahl des erlegten Schalenwildes verdoppelt. Auf Grundlage der Abschusspläne wurden im vergangenen Jagdjahr allein in Deutschland 1,2 Millionen Rehe und 77 000 Stück Rotwild erlegt. Bezogen auf den Waldumbau zeigt sich, dass die Jagd sehr wichtig ist, aber durch Streckensteigerung alleine keine Lösung herbeigeführt werden kann.

 

Voraussetzung für eine nachhaltige Problemlösung im Forst-Jagd-Konflikt ist eine gemeinsame lokale Situationsanalyse von Waldbesitzern, Förstern und Jäger, die alle Faktoren einbezieht und sich nicht nur auf eine Steigerung der Abschusshöhe konzentriert. Im Konzept der Schalenwildsteuerung mit dem Ziel der Schadensverhütung müssen jagdliche und waldbauliche Maßnahmen aufeinander abgestimmt durchgeführt werden. Aber auch andere Gründe für erhöhte Wildschäden wie ungelenkter Freizeitsport und rücksichtsloses Verhalten der Waldbesucher müssen im Blick bleiben.


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