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RWJ 09/2016: Buchempfehlung

Grandios und spannend

Wann wird man von einem Roman besonders gefesselt – wenn man dort abgeholt wird, wo man selber ist, der Autor eine Sprache spricht, die man nur allzu gut kennt – und Situationen schildert, die einem irgendwie vorkommen, als sei man selbst dabei gewesen.

Neue Bücher Grandios und spannend

Werner Schmitz, Wald der toten Jäger, 256 S., , ISBN: 978-3-440-15221-8, Kosmos-Verlag, 16,99 €

Über all diese Gaben verfügt Werner Schmitz in überreichem Maße. Deswegen steigt man bei der Drückjagd- Szene zu Beginn mit Begeisterung in den „Wald der toten Jäger“ ein – und kommt als passionierter Jäger nicht so schnell wieder heraus. Mit unnachahmlichem Gespür zeichnet der Wattenscheider seinen Protagonisten Hannes Schreiber und die facettenreichen Figuren um ihn herum. Wetten, Sie kennen mehrere dieser Charaktere auch? Metzger, Landwirte, Jagdaufseher, Polizisten und eine ehrgeizige, junge Kollegin begleiten Schreiber durch die Untiefen dieser spannenden Geschichte, die damit beginnt, dass er einmal zu viel geschossen hat und sein Nachbarschütze tot zusammensackt.

 

Man kommt bei Schreibers Suche nach den Hintergründen kaum aus dem Schmunzeln heraus – wenns nicht so ernst wäre, denn der reiche Industrie-Kapitän soll nicht die letzte Leiche in den wildreichen Wäldern über der Mosel bleiben … In ganz seltenen Fällen kann man aus Krimis etwas lernen, denn dafür sind sie ja nicht gedacht. Aus „diesem“ lernt man eine ganze Menge: Wie Journalismus in der 1. Bundesliga der Schreiberlinge funktioniert, hat Schmitz als STERN-Reporter und damit zwangsverpflichteter „Witwen- Schüttler“ jahrzehntelang leidvoll selber erfahren. Vieles davon erkennt man auf den Spuren von Hannes Schreiber wieder. Typisch Schmitz auch wohlgesetzte Seitenhiebe auf einen försternden Bestseller- Autor dieser Tage, der junge Bäume „schreien lässt“ oder die Verballhornung des ÖJV-Namens – bei Schreiber heißt der Öko-Jäger-Verein „Wald vor Wild“.

 

Dass der Meister der Ruhrgebiets- und Jägersprache an einigen Stellen bewusste (also keineswegs fahrlässige – er „weiß“, wie das richtig heißt …) Provokationen setzt, nimmt man ihm auch in einem Jagdkrimi nicht übel – so nennt er den musikalischen Leiter eines Bläserkorps „Bandleader“ und lässt Schreiber bei einem Morgenansitz über eine „alleinerziehende Ricke“ schwadronieren! Finden Sie selbst ihre Lieblingstelle, meine (als geborener Westfale) ist eine der brillanten Charakter studien der rheinischen Seele, mit der Schreibers Ausbilder die Schwierig keiten der Saujagd auf den Punkt bringt: „Et Schwazzwild iss enne Zijeuner …“ Fazit: Mehr als lesenswert !

 

Matthias Kruse

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