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RWJ 01/14: Zweite Wildwarnanlage im Reichswald Kleve

Weniger Unfälle mit Rot- und Schwarzwild

Nach der Errichtung einer Warnanlage mit Lichtschranken an einer wildunfallgefährdeten Straße wurde im Reichswald Kleve 2011 am zweiten Unfallschwerpunkt eine technisch abweichende zusätzliche Anlage installiert – mit Erfolg.

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Foto: W. Nagel

Der Reichswald Kleve ist mit etwa 5 100 ha der größte geschlossene Wald im Niederrheinischen Tiefland. Schon im Mittelalter kamen deutsche Fürsten dorthin zur Jagd, wenn sie in der Pfalz in Nimwegen residierten. Im Reichswald Kleve lebt heute eines der letzten autochthonen Vorkommen des Niederrhein- Rotwilds, das ursprünglich die großen Fluss- und Stromauen des Tieflands besiedelte (Ueckermann/1993). Mit zunehmender Landnutzung wurde es in verbliebene Waldinseln zurückgedrängt, nur die jagdliche Nutzung ermöglichte ein Überdauern durch die Jahrhunderte.

 

Das Rotwild im Reichswald ist seit 120 Jahren isoliert – schon ab 1893 verhinderte ein Feldschutzzaun das Auswechseln in umliegende Landwirtschaftsflächen. 1954 wurde der im Krieg zerstörte Feldschutzzaun neu errichtet und hält seither Rotwild, Rehe und 1945 zugewanderte Sauen im Wald auf einer Fläche von 4 200 ha. Der Zaun unterbindet die natürliche Wanderung in die nahe gelegenen Maas- und Rhein-Niederungen und verhindert den genetischen Austausch mit benachbarten Populationen etwa in den Niederlanden. Im Rahmen des grenzüberschreitenden Ketelwaldprojekts wurde 2005 der Feldschutzzaun im Koningsvenn auf niederländischer Seite abgesenkt und dem Rotwild auf 20 ha weitere Äsungsflächen verfügbar gemacht. Damit war der erste Schritt zu einer teilweisen Öffnung getan.

 

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Weniger Unfälle mit Rot- und Schwarzwild

Wildwarnanlage beschränkt Tempo nachts auf 70 km/h

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Um ein unkontrolliertes Auswechseln des Wildes zu vermeiden, wurden diese Gitterroste in die Straße eingelassen.

Der Reichswald wird von zwei überörtlichen Straßen durchschnitten – der L 484 von Grunewald nach Kleve (Grunewaldstraße) und der B 504 von Goch nach Kranenburg (Kranenburgerstraße). Letztere verläuft auf 2,5 km in Nord-Süd-Richtung durch den gezäunten Bereich des Reichswaldes.

 

Um ein Auswechseln des Wildes über die Kranenburgerstraße zu verhindern, wurde am Nordende ein Gitterrost (s. Foto oben) in die Fahrbahn eingelassen, im Süden wird der Feldschutzzaun beidseitig über einen Kilometer parallel zur Straße mitgeführt.

 

Wildunfälle mit Schalenwild werden im Reichswald seit 1987 untersucht durch die Forschungsstelle in Kooperation mit dem Forstamt. Es wurden umfangreiche Daten über verunfalltes Schalenwild (Art, Altersklasse, Geschlecht) sowie Ort und Zeit des Unfalls gesammelt und unterschiedliche Maßnahmen zur Wildunfallvermeidung erprobt (Lutz RWJ 1/12).

 

Diese Daten waren Grundlage zur Planung einer elektronischen Wildwarnanlage an der B 504, die 2011 mit Bundesmitteln realisiert werden konnte. Das Projekt wird durch eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Kreisjägerschaft und Kreispolizei Kleve, der Gemeinde Kranenburg, des Landesjagdverbands NRW, des Landesbetriebs Straßen NRW, des Regionalforstamts Niederrhein und der Forschungsstelle begleitet.

 

Häufigkeit und Schwere von Wildunfällen sind u. a. abhängig von der gefahrenen Geschwindigkeit. Die Wildwarnanlage soll die Fahrgeschwindigkeit bei Nacht und in der Dämmerung nachhaltig senken, um das Unfallrisiko zu vermindern und Wildtieren ein gefahrloses Queren der Straße zu ermöglichen.

 


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Mit solchen LED-Displays sorgt die neue Wildwarnanlage im Klever Reichswald für signifikant sinkende Unfallzahlen.

Die Wildwarnanlage (Hersteller Maibach, Velen) besteht aus sieben LED-Displays, von denen drei in Fahrtrichtung Kranenburg und vier in Richtung Goch am Straßenrand installiert wurden. Die Displays zeigen bei Dämmerung und Nacht die zulässige Geschwindigkeit von 70 km/h und das Warnpiktogramm Wild mit LED-Dreieck an (s. Foto oben).

 

Tagsüber ist die Anlage außer Betrieb. Prinzip der Anlage ist die Kombination aus einem permanent anzeigenden Wildwarndisplay, das im aktiven Zustand dauerhaft leuchtet, mit weiteren radargesteuerten Wildwarndisplays, die nur aufleuchten, wenn ein Fahrzeug schneller ist als die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Die Messeinheit besteht aus einem Doppler-Radar mit einer Reichweite von 130 m bei PKWs. Die registrierten Geschwindigkeiten werden gespeichert.

 

Der Standort muss so gewählt werden, dass der Radarstrahl ankommende Fahrzeuge ohne Störung erfassen und die Reflextion ungehindert empfangen kann: möglichst gerade Strecke, am Fahrbahnrand keine höheren Erdwälle, Holzpolter oder geparkte Fahrzeuge. Ausrichtung und Neigung der Messeinheit müssen optimal an die jeweiligen Geländeverhältnisse angepasst, regelmäßig überprüft und ggf. nachjustiert werden.

 

Eine Lichtschranken-Wildwarnanlage, wie sie im Oktober 2007 an der Grunewaldstraße eröffnet wurde, war wegen des unebenen Geländes an der Kranenburgerstraße technisch nicht realisierbar. Der reguläre Betrieb der Wildwarnanlage begann Anfang Mai 2011. Die Betreuung erfolgt durch das Regionalforstamt Niederrhein: regelmäßige Funktionskontrollen, Wechseln und Aufladen der Akkus (z. T. mehrmals wöchentlich), Wechsel der Speicherkarten, Einstellung der Betriebszeiten, Information des Herstellers bei technischen Problemen und Anpassung der Betriebszeiten an die Dämmerungszeiten.

 


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Weniger Unfälle mit Rot- und Schwarzwild

Autos fahren langsamer

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Wildwarnanlage im Reichswald Kleve

Vor dem Bau der Wildwarnanlage 2009 ergaben Messungen der Kreispolizei Kleve dort Durchschnittsgeschwindigkeiten von 103 –107 km/h (je nach Fahrtrichtung), der Spitzenwert lag bei 230 km/h.

 

Seit Inbetriebnahme der Wildwarnanlage im Mai 2011 konnte die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit in der Dämmerung und bei Nacht deutlich auf unter 75 km/h gesenkt werden. Messungen der Polizei bei Nacht bestätigten, dass sich der Großteil der Verkehrsteilnehmer an die im Bereich der Wildwarnanlage vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h hält.

 


Zahl der Wildunfälle nimmt ab

In den zwei Jahren vor Inbetriebnahme der Wildwarnanlage verunfallten 21 Sauen, 11 Stücke Rotwild und drei Rehe. Verkehrsverluste an Schalenwild gingen in den ersten beiden Betriebsjahren insgesamt um 31 Prozent zurück – 17 Sauen (davon 75 Prozent Frischlinge), drei Stück Rotwild und vier Rehe.

 

Sehr deutlich ist der Rückgang um 63 Prozent bei Rotwild von 11 auf drei, die Art ist beim Queren von Straßen sehr vorsichtig und profitiert offenbar besonders von reduzierter Geschwindigkeit. Die weitere Beobachtung der Situation wird zeigen, ob die Häufigkeit von Wildunfällen dauerhaft sinkt.

 

Dr. Ingrid Hucht-Ciorga

 

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 01/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

 

RWJ_01/14_Forschungsstelle


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