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RWJ 04/2015: Tollwut, Räude und Staupe bei Füchsen in NRW

Warum Wildhygiene wichtig ist

Ein räudiger Fuchs im Revier ist gewiss kein gelungenes Beispiel zur Erhaltung eines gesunden Wildbestandes. Dennoch werden Stammtisch-Parolen, wonach die Natur „schon alles von selbst regelt“ oft ungeprüft weitergegeben …

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Wer will schon an seiner Tür, im Hof oder Garten auf einen räudigen Fuchs treffen? Als potenzieller Tollwutträger und Verbreiter des Kleinen Fuchsbandwurms ist Reineke nirgends wirklich willkommen. Halter von Hühnern und Gänsen sichern ihre Tiere ausreichend gegen Füchse ab, gegen die Tollwut wurden zum Schutz des Menschen Impfköder verabreicht und gegen den Kleinen Fuchsbandwurm projektgebunden Wurmmittel eingesetzt. Die Verabreichung von Medikamenten an frei lebende Wildtiere ist nicht ausschließlich für die Zielart möglich.

Untersuchungen in NRW

Auch nach Tilgung der Seuche durch Impfung werden in NRW zur Überwachung der Tollwut weiter Kontrollfüchse für die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter erlegt. Außerdem werden dort Füchse untersucht, die verendet aufgefunden oder wegen auffälligen Verhaltens getötet wurden.

 

Die Unterlagen der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung umfassen für die Jagdjahre 2012-14 insgesamt 763 Datensätze für Füchse:

 

Alter untersuchter Füchse

2012/13
135 Alt-, 103 Jungfüchse

2013/14
80 Alt-, 64 Jungfüchse

 

Geschlecht untersuchter Füchse (m/w)

2012/13
1 : 0,48

2013/14
1 : 0,83

 

Ob diese Zahlen auch Altersaufbau und Geschlechterverhältnis der Population in NRW wiedergeben, bleibt unbeantwortet.


Verhaltensauffällige Füchse

Füchse sind in der Regel scheu, sie meiden aber nicht die Nähe menschlicher Siedlungen – im Gegenteil: Wo sie Nahrung und Schutz finden, sind sie anzutreffen, doch in ihrem Verhalten heimlich, um ungesehen und unbemerkt zu bleiben. Zum ersten Verhalten, das augenfällig wird, zählt damit die fehlende Scheu vor Menschen. Seit Jahren ist NRW aber tollwutfrei, sodass der reflexartig erste Gedanke Tollwut ! beim Antreffen eines Fuchses ohne Scheu vor Menschen nicht mehr die naheliegende Begründung für das auffällige Verhalten ist.

 

Für die beiden Jagdjahre berichten 34 Kreise/kreisfreie Städte über verhaltensauffällige Füchse, 2012/13 fallen Lippe und Siegen-Wittgenstein auf, 2013/14 ist die Verteilung recht gleichmäßig.

 

2012/13 waren 10 und 2013/14 sogar 17 Prozent aller untersuchten Füchse verhaltensauffällig.

 

Wildtiere leben in der Regel in Wald und Flur und sterben dort am Lebensende in der Regel unbemerkt. Wie viele gesunde, alte, kranke Füchse werden in Hof und Garten angetroffen und warum? Der Diskussion dieser Frage, auch ob und wie viele Füchse in Wohn- und Siedlungsbereichen oder stadtnahen Erholungsräumen überhaupt gewollt sind, sollten sich Betroffene und Verantwortliche nüchtern und sachlich annehmen, um zu einvernehmlichen Antworten und Lösungen zu kommen.


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Staupe und Räude

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Regelungen aus Gründen des Arbeitsschutzes, besonders vor dem Kleinen Fuchsbandwurm in den Chemischen und Veterinäruntersuchungsämtern sehen die Untersuchung auf Tollwut vor. Weitergehende Untersuchungen zur Ermittlung der Erkrankungs- und Todesursachen der Füchse sind nicht die Regel (Staupe, Aujeszyky’sche Krankheit oder Ektoparasiten wie Räude).

 

Gebiete ohne Nachweis von Staupe oder Räude müssen nicht notwendig frei davon sein. Vielmehr wurden keine Wildtiere, besonders auch keine Füchse aus diesen Gebieten auf Staupe untersucht, bezogen auf alle untersuchten Füchse ergaben sich folgende Werte:
2012/13: Räude 4,3 %, Staupe 8,5 %
2013/14: Räude 6,1 %, Staupe 9,1 %

 

Weil nicht alle Füchse untersucht wurden, kann lediglich die Aussage getroffen werden, dass beide Erkrankungen unter Füchsen in NRW zirkulieren.

 

Über Fallwildbefunde erfasste Räudefälle spiegeln nicht das Geschehen in den Revieren wider. So zeigten 2010/11 im Süden von Köln 90 Prozent der Altfüchse starken Befall mit Räude. Auch im Folgejahr wurde von einem starken Befall berichtet (mit Bildern belegt). Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf seinerzeit besondere Herausforderungen zur Bekämpfung der Tollwut auf nicht bejagten Flächen im Kölner Umfeld und den Räudenachweis beim Fuchs im benachbarten Raum Leverkusen 2007.

 

Die hochansteckende Staupe wird durch ein RNA-Virus hervorgerufen. Die Infektion erfolgt durch die Luft oral über Schleimhäute der oberen Atmungs- und Verdauungswege. Angesteckte und kranke Tiere geben den Erreger über Nasen- und Augensekret, Speichel und Harn ab. Hunde gelten als das bedeutendste Virusreservoir.

 

Das Überlappen der Aufenthalts- und Lebensräume von Haus-, Nutz- und Wildtieren birgt nicht nur die Gefahr des Eintrags von Krankheitserregern in die Bestände von Haus- und Nutztieren, sondern auch umgekehrt in Wildpopulationen. So wurde die Staupe-Epidemie unter Wölfen im Abruzzen-Nationalpark (Italien) auf das Überspringen eines Virus- Stammes von Hunden zurückgeführt.

 

Das Wissen über den Gesundheitszustand wild lebender Populationen allgemein ist stark lückenhaft, das gilt auch für Fuchsvorkommen in NRW. Das Auffinden kranker und toter Füchse ist zufällig und noch lange nicht jeder Fund ist überhaupt noch untersuchungsfähig oder wird tierärztlich untersucht. Beim anerkannten Status tollwutfrei ist das Ergebnis der Untersuchung vorhersehbar – wo lediglich auf Ausschluss von Tollwut untersucht wird, besteht wenig Anreiz, den zeitlich-personellen Aufwand für Transport und Anlieferung eines Tierkörpers in ein Untersuchungsamt auf sich zu nehmen.

 

Kranke Wildtiere suchen in der Regel schwer zugängliche oder schwer einsehbare Verstecke auf. Beginn und Ende des Auftretens von Erkrankungen in Wildpopulationen sind schwierig zu ermitteln und können deshalb lange unerkannt verlaufen. Dies dürfte auch für Staupe und Räude zutreffen.


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Wozu Wildhygiene

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Der Gesundheitsstatus von Wildtieren, besonders der des Fuchses, ist in hohem Maß ein Spiegelbild der äußeren Lebensverhältnisse, die ganz entscheidend die körperliche Entwicklung und Aufrechterhaltung einer natürlichen Widerstandskraft beeinflussen. Das Auftreten von Krankheiten und Seuchen ist meist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Bei Staupe und Räude ist bekannt, dass der Faktor Dichte das Auftreten wesentlich bestimmt.

 

Wildhygiene bedeutet Gesunderhaltung des Wildes und seiner Umwelt, und damit Gesundheitsfürsorge für Wild. Zur Umsetzung ist ein langfristig verlässlicher Rechtsrahmen wünschenswert, der Eingriffe mit Notmaßnahmen gegen überhandnehmende Populationen überflüssig macht. Dazu gehört auch die allgemein akzeptierte Entnahme von Wildtieren, um Krankheiten und Seuchen vorzubeugen – schließlich will niemand, dass mit dem Finger auf ihn gezeigt wird. Im allgemeinen Gedankengut mit Wild, Wald und Jagd vertrauter Personen ist das Wissen, dass optimale Lebensbedingungen die beste Voraussetzung zur Gesunderhaltung des Wildes und die Entfaltung seines Leistungspotenziales sind, fest verankert.

 

Dr. Walburga Lutz

 

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228
53229 Bonn
E-Mail: walburga.lutz@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 11/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_04/2015_Forschungsstelle


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