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RWJ 05/2015: Fallwild-Befunde 2013/2014

Warum Rehe krank werden - und wie man ihnen helfen kann

Die meistuntersuchten Wildarten zur Feststellung der Erkrankungs- und Todesursache sind neben Hasen jedes Jahr Rehe – 2013/14 waren es 157. Sorge bereitet der zunehmende Einsatz eines bestimmten Pflanzenschutzmittels.

Auch wenn man sicher nicht sagen kann, dass landwirtschaftliche Einflüsse sich generell negativ auf die Gesundheit von Rehen auswirken, gibt es doch aktuellen Anlass zur Sorge - Grund dafür ist die immer häufigere Anwendung des Pflanzenschutz-Wirkstoffs Glyphosat. 
</br>Foto: M. Breuer

Auch wenn man sicher nicht sagen kann, dass landwirtschaftliche Einflüsse sich generell negativ auf die Gesundheit von Rehen auswirken, gibt es doch aktuellen Anlass zur Sorge - Grund dafür ist die immer häufigere Anwendung des Pflanzenschutz-Wirkstoffs Glyphosat.
Foto: M. Breuer

Für 2013/14 liegen 875 Befunde vor, die Aufnahme im Fallwildbericht gefunden haben, davon 200 Schalenwild, 464 sonstiges Haarwild, 180 Federwild und 31 sonstige Wirbeltiere. Im Bericht wird auf Staupe-Virus-Infektionen und Räude näher eingegangen. Unerklärt verendete Rehe finden sich am häufigsten von April bis Juni. Daher sind folgerichtig tragende Ricken und Kitze unter dem Fallwild häufig, insgesamt 11 Ricken mit 16 Feten und 34 Kitze. Besonders ist der Anteil von Jungwild (Kitze, Jährlinge, Schmal rehe) zu erwähnen.

 

2012/13 stand bei Rehwild die Frage im Vordergrund, ob der Zuwachs durch das erstmalige Auftreten des Schmallenberg- Virus (SBV) 2011 Schaden genommen hat. Belastbare Hinweise dafür ergaben sich aus den Fallwildbefunden nicht. Auch aus den Streckenaufzeichnungen ließ sich rückwirkend kein Einfluss des SB-Virus auf Rehpopulationen glaubhaft ableiten.

 

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Schwer mit Demex-Milben befallene Rehe ...

Eine Reihe ungewöhnlicher Befunde häufte sich 2013/14 besonders für Kitze. Weiterhin sind viele Fälle von körperlicher Auszehrung und Behaarungsstörungen hervorzuheben, deren Ursachen meist nicht geklärt werden konnten. Beide Befunde weisen unmissverständ lich auf ungünstige Lebensumstände hin und werfen erneut die Frage auf, in welchem Maß der Lebensraum Rehe krank macht. Der Wegfall der Flächenstilllegungen und die Zunahme des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln etwa zur Reifebeschleunigung dürften sich in den Befunden niederschlagen.


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... mit flächigem Haarverlust.
Fotos: A. Rahe, M. Peters


Gefahren durch Glyphosat

Nachweise bei Fasanen und Hasen belegen, dass Wildtiere der Feldflur kaum Nahrung finden, die nicht mit einem glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel belastet ist. Auch bei Wildwiederkäuern konnte Glyphosat nachgewiesen werden.

 

Die in Zusammenhang mit der Anwendung dieses Wirkstoffes beschriebenen Auswirkungen (einschließlich Beistoffe zur Ausbringung und Abbauprodukte) auf Mikrofauna, tierische und pflanzliche Organismen legen nahe, indirekte nachteilige Folgen für die Gesundheit des Wildes nicht auszuschließen. So ist bekannt, dass Glyphosat die Gebärmutterschranke passiert und somit auf Föten und Kitze schon vor der Geburt einwirkt. Zahllose Auswirkungen auf Mensch und Tier werden immer besser bekannt, dringlich sind Studien geboten.

 

Neue Anwendungsbestimmungen für glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel gelten seit 21. Mai 2014. Sie begrenzen die Wirkstoffmenge pro Jahr und schränken Spätanwendungen ein.

 


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Maligner Lebertumor einer Ricke (Eingeweidefläche) vom Januar 2013. Foto: L. Diesing

Viele pathologische Befunde von Hasen und Rehen, für die oft eine Ursache nicht ermittelt werden konnte, passen in das Bild, das für Folgen nach Aufnahme von Glyphosat beschrieben ist – Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (Gehirns), Pilzinfektionen, Leber- und Nierenerkrankungen, vermutete Immunsuppression in Verbindung mit Ektoparasiten, Erkrankungen der Haut und des Haarkleides, Missbildungen und Tumore.

 

Besonders diffizil ist die Bewertung von Erkrankungen des Magen-Darmtrakts, bei Rindern sind sie hinreichend beschrieben, alarmierend mögen Berichte über Kitze sein. Nicht ausgereifte Organe reagieren besonders empfindlich auf Schadstoffe.

 

Was können nun Jäger tun, damit es Rehen in unseren Revieren besser geht?

 


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Was können nun Jäger tun, damit es Rehen in unseren Revieren besser geht?

1. Wilddichte dem Standort anpassen

Ausgehend von der Annahme, dass sich beim Fallwild bis zu einem gewissen Umfang auch der Aufbau der Population nach Alter und Geschlecht widerspiegelt, bleibt festzuhalten, dass Böcke kaum älter als vier Jahre alt werden. Die höhere Sterblichkeit unter Bock- im Vergleich zu Rickenkitzen hat sich bestätigt.

 

Unter„ Anpassung der Wilddichte an den Standort“ darf man nicht nur die Anzahl Wild pro Flächeneinheit verstehen, sondern auch ein artgemäßes Geschlechterverhältnis und einen optimalen Aufbau nach dem Lebensalter – bei Betrachtung der Fallwildbefunde wird deutlich, dass für Rehe in diesem Bereich Verbesserungen möglich und nötig sind.

 


2. Richtige Äsung verbessern

Prof. A. Olt (Direktor Veterinärpathologie Universität Gießen) und A. Ströse (Geheimer Regierungsrat, Kaiserliches Gesundheitsamt Berlin) leiten ihr Werk „Die Wildkrankheiten und ihre Bekämpfung (1914)“ wie folgt ein: „Die Bekämpfung der Wildkrankheiten umfasst die Verhütung drohender und die Unterdrückung ausgebrochener Krankheiten. Die Mittel erstrecken sich im Wesentlichen auf die diätetische Vorbauung (Prophylaxe).“

 

Wie gesund können sich Wildtiere zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Wald und Flur ernähren?

 

Olt und Ströse forderten bereits vor 100 Jahren die Pflicht ein, „nachteiligen Wirkungen der durch die Kultur der Wälder und Felder bedingten Lebensverhältnisse des Wildes entgegenzusteuern …“.

 

Die Unausgewogenheit des Äsungsangebotes und ein Defizit heimischer Wild-, Heil- und wertvoller Nahrungspflanzen kann durch Schaffung von Äsungsflächen gemildert werden.

 

Äsung muss schmackhaft und bekömmlich sein (ohne Gift- oder Schadstoffe), muss Stoffe enthalten, die Tierkörper zur Entwicklung und Entfaltung des Leistungspotenzials benötigen und gut verdaulich sein, um die Nährstoffe ausschöpfen zu können.

 

Mangelhafte wie unausgewogene Ernährung beeinträchtigt die Gesundheit des Wildes erheblich, sodass die Widerstandskraft gegenüber Krankheiten deut lich sinkt. Das natürliche Wirt- Parasit-Gleichgewicht kann dann zugunsten der Parasiten verschoben und die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten erhöht werden.

 


3. Mehr Ruhezonen schaffen

Die zunehmende Parasitenbürde durch zunehmenden Erholungsverkehr und immer weniger von Störreizen freie, für Rehe verfügbare Flächen ist belegt.

 

Beunruhigungen können vielfältiger Natur sein. Auch Jäger müssen sich stets bewusst sein, dass sie selbst beim Wild Reaktionen zur Feindvermeidung auslösen – Folge wiederholter Störreize ist eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten.

 

Mit versteckt liegenden Äsungsflächen kann man Ruhebereiche im Revier schaffen, auch großräumige revierübergreifende Wildruhezonen mit Wegegebot und Jagdbeschränkung auf das unbedingt Notwendige führen zu wirksamer Lebensraumberuhigung.

 

Dr. Walburga Lutz
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn,
E-Mail: walburga.lutz@lanuv.nrw.de

 

Der Fallwildbericht 2013/14 wird auf Anfrage digital oder gedruckt zugesandt:
fjw@lanuv.nrw.de oder LANUV/FJW, Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn

 

| DOWLNOAD Fallwildbericht 2013/2014 |

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 05/2015 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_05/2015_Forschungsstelle


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