Seite 1

RWJ 10/2016: Hinweise und Empfehlungen des 39. Bonner Jägertages

Umwelt im Spiegel der Gesundheit des Wildes

Krankheiten sind in einer natürlichen Umwelt wichtige Regulatoren in der Beziehung Wildtier – Umwelt. Heute dominiert der Mensch mit seinen Haustieren und den Ansprüchen an die Lebensräume, sodass man von natürlicher Regulation nicht mehr sprechen kann. Freiheit zu entscheiden und zu handeln bedeutet in Verbindung mit Einsicht auch Verantwortung.

sauen-k-h-volkmar

Die schnelle West-Wanderung der Afrikanischen Schweinepest wird keinesfalls durch Schwarzwild bewirkt – das stirbt so schnell, dass es kaum andere Sauen anstecken kann! Foto: K. - H. Vokmar

Der Präsident des Landesumweltamtes NRW Dr. Thomas Delschen, stellte zur Begrüßung heraus, dass das Generalthema des Bonner Jägertages die Zusammenarbeit unterschiedlichster Fachdisziplinen unterstreiche. NRWJagdreferent MR Walter Schmitz ging in seinem Grußwort für das Umweltministerium auf die Bedeutung von Wildgesundheit und -krankheiten ein. LJV-Präsident Ralph Müller-Schallenberg unterstrich die Verbundenheit zur Forschungsstelle und dass aus Sicht der Jäger die Bedeutung der Ergebnisse für die Praxis und die Verwendbarkeit für die Jagd wichtig seien.

 

Was Glyphosat bei Wild bewirkt

 

Prof. Dr. Monika Krüger (Uni Leipzig) referierte zum Einfluss von Glyphosat auf Damwild, Fasane und Feldhasen. Anhand zahlreicher Daten verdeutlichte sie sehr anschaulich, dass die Gefahr der Auslösung von Krebs beim Menschen ein wichtiges, aber keinesfalls das allein relevante Kriterium ist. Entscheidend ist, dass Glyphosat systemisch und nicht selektiv wirkt, vereinfacht gesagt, im Boden und Magen-Darm-Trakt „schlechte Bakterien“ (Clostridien) fördert und„gute“ (Lactobazillen) dagegen hemmt. Glyphosat bindet Elemente wie Aluminium, Eisen, Mangan und Zink und schwächt über damit eingehende Mangelerscheinungen das Immunsystem von Tieren. Die Berücksichtigung aller Aspekte spreche eindeutig „gegen“ eine weitere Zulassung von Glyphosat und zeige den weiteren Untersuchungsbedarf auf. Ökosystemar hat der Einsatz von Glyphosat weitere Folgen. Ein Liter Glyphosat zieht etwa 0,5 l Fungizid nach sich.

 

 

Von Gänsen und Rehen...

Prof. Dr. Andrea Gröne („Wildtiergesundheitszentrum NL“) erläuterte Umwelt, Landwirtschaft und Pflanzenschutz in den Niederlanden. Der Vortrag unterstrich am Beispiel unseres Nachbarlandes die gesellschaftliche Dimension und das Ringen um Ausgleich. Beim Pflanzenschutz steht die Information der Verbraucher im Vordergrund. Sie vermittelte eindrücklich den Rückgang von Weidevögeln durch Stallhaltung, früheres und häufigeres Mähen und vor allem wechselnde Wasserstände in der Auswirkung auf die Lebensraumqualität.

 

Für Wildschäden durch Sommergänse erstatteten die Niederlande 2015 beiKanadagänsen 3,5 Mio. €, Graugänsen 8,6 Mio. € und Blessgänsen 4,5 Mio. €. Maik Rehnus („Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft/Wildtier Schweiz“) berichtete von Erfahrungen aus 45 Jahren Kitzmarkierung mit Einblicken in Lebensraumwandel und Klimasituation. Dank des Engagements der Wildhüter wurden 16 000 Kitze markiert. Das nachgewiesene Höchstalter liegt bei Böcken bei 10 Jahren, Ricken erreichen 20 Jahre. Der Aktionsraum nimmt mit zunehmender Zerschneidung des Lebensraums deutlich ab. Das Auseinanderdriften der Vegetationsentwicklung und des physiologisch gesteuerten Setzzeitpunktes bedeutet schlechtere Aufwuchsbedingungen für Kitze.


Seite 2

...Hasen, Iltis und Muffelwild

bonner-jägertag

Vortragende und Vertreter aus Tiermedizin, Verwaltung, Wildbiologie und Berufsjäger beim 39. Bonner Jägertages in Bad Godesberg. Foto: D. Eickhoff

Dr. Daniela Jakob („Robert-Koch-Institut Berlin“) vermittele ein anschauliches Bild zur Verbreitung der Tularämie. Diese auch auf den Menschen übertragbare Infektion kann durch Haut- oder Schleimhautkontakt mit infektiösem Tiermaterial und dem Verzehr von nicht ausreichend erhitztem Fleisch passieren. Wichtigste Vorsorgemaßnahme ist strikte Hygiene, dazu sind beim Aufbrechen, Abbalgen und Zerwirken Einmalhandschuhe zu tragen.

 

Durchgaren des Wildbrets schützt vor Infektion. Bei unbestimmten Krankheitssymptomen ist der behandelnde Humanmediziner auch auf den Kontakt mit Hasen ggfs. hinzuweisen. Dr. Martin Peters (Veterinäruntersuchungsamt Arnsberg) stellte Untersuchungen zur Diagnose der Tularämie bei Feldhasen vor. Unter dem Aspekt der Vorsorge für Wildbestand und Verbraucherschutz ist jeder tot gefundene Hase, für den sich keine eindeutige Todesursache wie Kollision mit einem Fahrzeug feststellen lässt, zur Untersuchung zu bringen.

 

Prof. Dr. Steffen Rehbein (Dt. Forschungszentrum Kathrinenhof Research Center/Merial) präsentierte die Endoparasitenfauna am Beispiel von Muffelwild. Im Vergleich zu Hessen ist die Parasitenbelastung in NRW deutlich höher. Ähnlich wie beim Großen Leberegel der Befall beim Rotwild mit der erfolgreichen Bekämpfung in den Rinderbeständen deutlich zurückging, ist auch hier davon auszugehen, dass Haustiere das Infektionsrisiko für Wild erhöhen. Vor diesem Hintergrund belegen die Befunde die Notwendigkeit eines tierärztlichen Managements bei im Naturschutz eingesetzten Herden.Tierarzt Frank Kretschmar ging auf Parasiten beim Iltis in NRW ein. Mit insgesamt 34 Parasitenarten wurde ein weitaus größeres Spektrum gefunden als bei anderen heimischen Mardern.

 


Warum Sauen die Afrikanische Schweinepest nicht verbreiten

Dr. Klaus Depner („AG Internat. Tiergesundheit/ Friedrich-Loeffler-Institut“) widmete sich der drohenden Afrikanischen Schweinepest. Im Unterschied zur klassischen wirkt diese bei Infektionen so rasch tödlich, dass Schwarzwild kleinräumig stirbt, infizierte Sauen jedoch kaum die Möglichkeit haben, andere anzustecken. Entscheidend ist daher, dass beim Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest infizierte Wildschweine nicht durch Jagdtechniken im Wald vertrieben werden. Der Mensch ist eindeutiger Schlüsselfaktor, sodass Verkehrswege die entscheidenden Leitstrukturen sind. Das Friedrich-Loeffler-Institut hat gemeinsam mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium einen mehrsprachigen Info-Flyer für Fernfahrer entwickelt.

 

Die Hauptrisiken gehen von Personengruppen aus, die Lebensmittel aus infizierten Gebieten mitbringen oder dort jagen. Das Einhalten aller Hygienestandards ist auch dank der hohen Überlebensrate des Virus zwingend notwendig. Entscheidend ist v. a., dass Fallwild auch untersucht wird. Analog der „Bodenseuche“ Milzbrand könnte man bei ASP auch von einer „Habitatseuche“ sprechen. Die Bekämpfung bei Schwarzwild ist extrem schwierig – eine Impfung wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Umso wichtiger ist die Vorsorge.

 

Fazit: Gesellschaft und Jäger sind gut beraten, beim Einsatz von Glyphosat aufmerksam zu bleiben. Pflanzenschutz ist sicher notwendig, dies schließt aber eine sorgfältige Abwägung bei der Mittelverwendung ein. Es stellt sich auch die Frage, ob der Einsatz von Glyphosat mit der Rio-Konvention im bisherigen Umfang vereinbar ist. Die Tularämie zeigt anschaulich, dass sorgfältige Hygienemaßnahmen im Umgang mit erlegtenHasen unverzichtbar sind. Entscheidend ist, dass Jäger auch Fallwild zur Untersuchung bringen, um Erkrankungs- und Todesursachen feststellen zu können. Lebensraumzerschneidung belastet Rehe – auch wenn die meisten Individuen vergleichsweise kleinräumig leben, sind Fernwanderungen zum genetischen Austausch wichtig.

 

Endoparasiten beim Wild stehen in enger Beziehung zu Haustieren im gleichen Lebensraum, sodass die Behandlung von Haustieren, die zu Naturschutzzwecken eingesetzt werden, wichtig ist. Die Afrikanische Schweinepest verbreitet sich praktisch nicht über lebendes Schwarzwild – umso entscheidender ist es, dass alles dafür getan wird, dass der Mensch nicht als Vektor wirkt. Tot gefundene Sauen und Feldhasen sollten in jedem Fall zur Untersuchung gebracht werden.

 

Dr. Michael Petrak

Forschungsstelle für Jagdkunde u. Wildschadenverhütung,

LANUV NRW,

Pützch. Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel. 02 28/97 75 50

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 


Mehr zum Thema

Afrikanische Schweinepest


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.