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RWJ 11/2016: Fallwildbericht 2015/16

So gehts dem Wild in NRW

2015/16 wurden insgesamt 768 Gutachten für Wild erstellt. Dabei entfällt der größte Anteil auf Füchse (247) im Rahmen der Tollwutüberwachung (ohne Schwarzwild-Monitoring zur Überwachung der Schweinepest).

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Gerade in der kalten Jahreszeit ist Wild anfällig für Krankheiten. Störungen setzen ihm dann besonders zu und müssen durch geeignete Maßnahmen möglichst verhindert werden. Foto: M. Breuer

Die jährlich am häufigsten untersuchten Wildarten zur Feststellung der Erkrankungs- und Todesursache sind Rehe und Hasen. Beiden Arten wurde große Aufmerksamkeit in Zusammenhang mit den Einflüssen aus der Lebensumwelt geschenkt. Entwicklungen lassen sich über die Jahre hinweg trotz der relativ kleinen Fallzahlen nachvollziehen, in der Rückschau können erstellte Gutachten besondere Bedeutung erlangen. In der Anzahl der Einsendungen der vergangenen 10 Jagdjahre spiegeln sich besondere Ereignisse in der Lebensumwelt der beiden Arten, die nicht immer sofort erkannt werden. 2008/09 sind in diesem Zusammenhang markant, könnten sie doch Vorboten unguter langfristiger Entwicklungen für beide Arten gewesen sein.

 

Rehwild

Im Berichtsjahr wurden für 117 Rehe Gutachten erstellt (2013/14: 157) – mit wiederholten Hinweisen auf vermehrt oder mehrere tot aufgefundene Rehe. Daraus lässt sich ableiten, dass zumindest örtlich Rehe kein optimales Lebensumfeld vorfinden. Untersucht wurden nur Totfunde, die noch in einem einigermaßen untersuchungsfähigen Zustand waren. Im Sommer setzt in der Regel durch die Hitze rasch Fäulnis ein und hohe Vegetation erschwert das Auffinden der Kadaver. Auch werden während der Aufzucht der Jungen Flächen in der Regel nicht abgesucht. Auffallend waren Einsendungen von April bis Juli (Spitze im Mai/Juni/Setzzeit). Darunter 7 Ricken mit 14 Feten und 2 laktierende Ricken. Im September gab es eine zweite Spitze, gefolgt mit 2 bis 5 Einsendungen pro Monat von Oktober bis März.

 

Dichtes, glänzendes Haarkleid gilt allgemein als Ausdruck für Gesundheit. Rehe mit brüchigem Haar, haarlosen Arealen, Veränderungen der Haut, Hautentzündungen bis zu ausgeprägten Erkrankungen sind keine Einzelfälle mehr. Bereits in den zurückliegenden Jahren wurde wiederholt auf Erkrankungen von „Haut und Haaren“ aufmerksam gemacht und von „fast nackten Rehen“ berichtet. Aus den Untersuchungen sollen einige ausgeprägte Fälle Erwähnung finden (ohne Hautdasseln):

 

  •  7 Fälle von schütterer Behaarung und Haaren in unterschiedlichem Umfang kurz abgebrochen, tw. haarlose Stellen
  • 5 Fälle übermäßiger Verdickung der Hornhaut, gering- bis hochgradig ausgeprägt (in zwei Fällen keine Parasiten)
  • ein Fall von Dermatitis (geringgradig Zecken)
  • ein Fall pustulöser Dermatitis mit hochgradig Haarlingen,
  • ein Fall hochgradig Zecken und Haarlinge und massenhaft Sarkosporidien in der Hautmuskulatur,
  • ein Fall hochgradig eitriger Haarbalgentzündung, vermutlich bakteriell bedingt und Sarkosporidien
  • Abszesse in der Unterhaut

 

Unter den Erkrankungen des Gehirns verdienen zwei Befunde Beachtung – bei einem abgekommenen Bock (HS), getötet wegen zentralnervöser Störungen, fand sich in der linken Gehirnhälfte ein ca. 2 cm großer Tumor, ein Bock mit ausreichendem Ernährungszustand hatte auf der Stirn einen halbkugeligen Abszess mit Einschmelzung des Stirnbeins, der sich als großer Knoten ins Großhirn fortsetzte. Hinzu kamen zwei Fälle eitriger Hirnhautentzündung und 5 Fälle von Gehirnentzündung, z. T. ungeklärter Ursache, z. T. bakteriell bedingt, z. T. virale Ursache verdächtigt. Erstmals in den vergangenen 30 Jahren wurde über einen Fall von Gasbrand berichtet – ein etwa 5-jähriger Bock mit befriedigendem Ernährungszustand wies in der Oberschenkelmuskulatur akute Skelettmuskelfaseruntergänge, Blutungen und eine Luftaufblähung auf: in Herz, Leber (Schaumleber) und Nieren Fäulnisemphyseme.

 

Unter den Parasitosen waren drei Fälle von Leberegeln und ein Verdachtsfall zu erwähnen (AC, HSK, UN). Weiter war die Zunahme des Befalls mit Sarkosporidien auffällig. Fanden in den Gutachten der weiter zurückliegenden Jahre wenige, reaktionslose Zysten mehr oder weniger regelmäßig Erwähnung, wurde nunmehr über massenhaften Befall in der Herzmuskulatur und der Haut, auch in der Skelettmuskulatur berichtet. Möglicherweise lohnt es in Zukunft, Sarkosporidien etwas genauer anzuschauen und zu differenzieren.

 

Ekto- und Endoparasitosen kommen meist zusammen. In den Gutachten fanden Zecken 46-mal, Hirschlausfliegen 19- mal und Haarlinge, diese meist hochgradig, 26-mal Erwähnung. Im Berichtsjahr waren drei Fälle von Hautdasseln zu erwähnen, bei 31 Rehen wurden Rachendasseln gefunden. 12-mal wurde der gedrehte Magenwurm erwähnt (stets mit Blutarmut verbunden). Im Übrigen bestimmten Magen- Darmwürmer in der Regel die Endoparasitosen. Besondere Erwähnung fanden Lungenwürmer (53 Fälle bei Rehwild). In rund 20 Fällen waren sie als (mit) todesursächlich bewertet, meist in Zusammenhang mit einer ausgeprägten Lungenentzündung. Erkrankungen der Lunge waren über den Befall mit Würmern hinaus recht vielfältig.

 

Im Berichtsjahr waren Erkrankungen des Rippen- und Bauchfells sowie Entzündungen der Serosa-Auskleidung der Körperhöhlen auffallend. Ausgeprägte Darmerkrankungen entfielen auf 36 Rehe – unter den festgestellten Entzündungen 18 mit Beteiligung des bakteriellen Erregers Clostridium perfringens – in 7 von 37 Gutachten aus Arnsberg (18,9 %) und 11 von 32 Gutachten aus Münster (34,4 %). Eine Rarität war die Verbiegung der Halswirbelsäule bei einem Bock. Im Fallwildbericht wurde ausführlich auf (Biss)Verletzungen eingegangen – Luchs und Wolf erbeuten Rehe bevorzugt.

 

Feldhase

Aus dem Untersuchungsjahr lagen 158 Befunde für Feldhasen vor. Insgesamt dürfte sich darin der niederschlagsreiche Witterungsverlauf, besonders über die Winter- und ersten Frühjahrsmonate widerspiegeln, aber auch indirekte Folgen von Prädation und Agrarwirtschaft sind in Betracht zu ziehen. Nässe und erheblich eingeschränkte Artenvielfalt im Äsungsangebot im Verlauf des Jahres sowie zusätzliche Belastungen in der Lebensumwelt der Feldhasen forderten Tribut. Unter den Erkrankungen waren eindeutig ein Fall von EBHS, sechs Fälle von Staphylokokkose, sieben Fälle von Pasteurellose, 19 Fälle von Yersiniose (+ 2 Verdachtsfälle), 25 Fälle von Tularämie, ein Fall von Salmonellose, 11 Fälle von Kokzidiose, zwei Fälle von Toxoplasmose und acht Fälle von Traumata.

 

Die räumliche Verbreitung und das zeitliche Auftreten der Yersiniose zeigten deutlich, dass der Höhepunkt der Verluste im ausgehenden Winter und Frühjahr lag. Die Frage bleibt zu klären, ob Verluste unter den Feldhasen an „Nagerseuche“ nicht auch die Folge von Massenerkrankungen unter Feldmäusen nach nassen Herbsttagen und feuchtmildem Winter sein können, berichtete Feldmauskalamitäten sprächen dafür. Auch im Berichtsjahr sind chronische Erkrankungen von Lunge, Leber, Nieren, Milz, Erkrankungen von Bauchspeicheldrüse, Fett, Magen-Darmtrakt und Haut hervorzuheben. Nach den aktuellen Befunden bestätigt sich der Trend, dass die Lebensumwelt für Feldhasen stetig feindlicher wird. Beim Vergleich mit Erkrankungen wie Yersiniose oder Tularämie kommt der EBHS eine untergeordnete Bedeutung zu.

 

Der Virustyp RHDV2 der Hämorrhagischen Kaninchenkrankheit ist nun in ganz Deutschland bei Haus- und Wildkaninchen zu erwarten. Im Fallwildbericht 2014/15 wurde über den erstmals für NRW bei Feldhasen und Wildkaninchen nachgewiesenen neuen Virustyp berichtet. Untersuchungen am Friedrich- Loeffler-Institut an repräsentativem Material von Feldhasen (2014/15) brachten keine Hinweise auf relevante Einträge von RHDV2 in Feldhasenpopulationen.


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Fallwildbericht 2015/16

Weitere Gutachten

Für Rot- und Sikawild wurden je vier Gutachten erstellt, für Damwild acht und für Muffel einer. Darunter verdienen Erwähnung eine weitere Rarität, ein Rotwildalttier mit Buckel, ein Damwildkalb mit Clostridien und ein Damwild mit mit Verdacht auf verdorbene Silage als Infektionsquelle (Listerien). Für Schwarzwild lagen 48 Gutachten über die Ermittlung der Erkrankungs- und Todesursache vor. Nach der erfolgreichen Bekämpfung der Klassischen Schweinepest und mit dem Überwachungsprogramm Klassischer und Afrikanischer Schweinepest sowie Anstrengungen über die Bejagung ein Anwachsen der Vorkommen zu vermeiden, war es in den letzten Jahren eher ruhig um Schwarzwild geworden. Hepatitis E und Aujeszky’sche Krankheit sind nicht unbekannt. Das Auftreten von Räude war nicht überraschend.

 

Im Berichtsjahr bemerkenswert waren Fälle von Brucellose, der Nachweis bei einem mehrjährigen Keiler im August 2015 (LIP) gab Anlass, flächendeckend Wildschweine zu untersuchen. Brucellose ist nur bei Hausschweinen, nicht bei Wildtieren anzeigepflichtig. In Deutschland gilt sie bei Rindern, Schafen und Ziegen als getilgt, bei Hausschweinen in Freilandhaltung kommt es sporadisch zu Ausbrüchen. Der Mensch kann sich anstecken, in der Regel verläuft die Infektion ohne auffällige Symptome. Akute und chronische Verläufe mit ausgeprägten Krankheitsmerkmalen können auftreten.

 

Weitere Gutachten wurden für 34 Wildkaninchen, 247 Füchse (120 erlegt zur Tollwutüberwachung), 7 Dachse, 4 Steinmarder, 25 Waschbären, 15 Rebhühner (ausschließlich Tiere aus Gehegen), 21 Fasanen, 2 Wildtruthühner, 1 Ringeltaube, 2 Höckerschwäne, 33 Kanadagänse, 15 Stockenten, 1 Waldschnepfe und 2 Rabenkrähen erstellt, Details sind dem Fallwildbericht 2015/16 zu entnehmen, der über die Forschungsstelle angefordert werden kann.

 

Dr. Walburga Lutz

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel. 02 28/97 75 50,

E-Mail: FJW@lanuv.nrw.de

Quellen:

www.lanuv.nrw.de/natur/jagd/

www.lanuv.nrw.de/natur/fjw/wildschutz/wildkrankheiten.htm,

www.lanuv.nrw.de/natur/fjw/fjw.htm

 

 

 

Veterinär-Untersuchungsämter in NRW

Gebühren zur Untersuchung von Wild in den Einrichtungen in NRW übernimmt die Forschungsstelle. Untersuchungen sind für Jäger aus NRW also kostenfrei. Alle Jäger sind aufgerufen, Fallwild veterinärmedizinisch untersuchen zu lassen. Bei Seuchenverdacht ist die zuständige Ordnungsbehörde einzuschalten. 

 

CVUA Westfalen

Zur Taubeneiche 10-12

59821 Arnsberg

Tel: 0234/9571940

 

CVUA Ostwestfalen-Lippe

Westerfeldstr. 1

32758 Detmold

Tel: 05231/9119

 

CVUA Münsterland-Emscher-Lippe

Albrecht-Thaer-Str. 19

48147 Münster

Tel: 0251/98210

 

CVUA Rhein-Ruhr-Wupper

Deutscher Ring 100

47798 Krefeld

Tel: 02151/8490

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 11/2016 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_11/2016:_Forschungsstelle


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