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RWJ 09/2015: Erkrankungs- und Todesursachen bei Feldhasen 2014/15

Hasen-Sorgen

Die Sorge um unsere bedeutendste Niederwildart wurde im Jagdjahr 2014/15 an der hohen Zahl von Einsendungen an die Untersuchungsämter deutlich, gelten doch Treibjagden für Niederwildjäger als Höhepunkt im Jagdjahr – als berechtigte Freude für die Hegebemühungen im ganzen Jahr. Für 354 Feldhasen liegen Befunde aus NRW vor.

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Foto: M. Breuer

In jedem Monat war die Zahl der Einsendungen zweistellig, am höchsten im Oktober (67) und November (92).
Bei 70 bis 90 Prozent auch gesunder Feldhasen kamen Kokzidien vor, sodass bei Krankheitsverdacht die Untersuchung von Kotproben nicht ausreicht, sondern Organveränderungen herangezogen werden müssen. Auch für andere Parasiten und Erreger muss man also in jedem Einzelfall entscheiden, welcher primär oder sekundär zum Tod geführt haben mag.

Parasitosen

Auf Parasitosen entfallen etwa 23 Prozent der Befunde, zumeist Kokzidiose (14,4) gefolgt von Lungenwürmern (5,4 Prozent). Die übrigen entfallen auf allgemeine Endoparasitosen und Auszehrung infolge sehr starken Befalls. Besondere Erwähnung verdienen zwei generalisierte Toxoplasmen-Infektionen – dieser Parasitose wird beim Feldhasen in der Literatur meist keine Bedeutung beigemessen – 10 und sechs Fälle beim Menschen enthält die Deutschland-Statistik des Robert-Koch- Instituts für 2013 und 2014.


Wildtiere allgemein und auch Feldhasen sind einer ständigen Belastung von Parasiten ausgesetzt, wodurch sich bei Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens (wie durch Umwelteinflüsse o. plötzliche Nahrungsumstellung) rasch parasitäre Erkrankungen entwickeln können Magen-, Darm- und Lungenwürmer sowie Kokzidien verursachen typische Hasenerkrankungen.


In den vergangenen Jahren nahmen Feldhasen mit Lungenwürmern zu, auch im Berichtsjahr. Im langjährigen Mittel von 1953 bis 2011 entfallen darauf 1,4 Prozent. Bandwürmer spielen bei Feldhasen kaum eine Rolle.
Infektionen mit Calici-Viren wurden 9-mal nachgewiesen (EBHS 7/RHD 2), die Fälle von RHD sind Nachweise aus Heimerzheim.


Bakterielle Erkrankungen

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Karte: Tularämie bei Feldhasen in NRW 2013-2015.

Auf Pasteurellose (Hasenseuche) entfielen 4,2, auf Yersiniose (Pseudotuberkulose, Nagerseuche) 9,9, auf Tularämie (Hasenpest) 10,5 und auf Staphylokokkose 2,8 Prozent der Fälle. Pasteurellose und Yersiniose werden als typische Faktorenkrankheiten bezeichnet, meist treten sie bei Nahrungsumstellung bzw. -verknappung sowie Nässe auf. Je nach Entwicklung der Feldmauspopulationen kann einem Auftreten der Yersiniose unter Feldhasen ein Sterben unter Mäusen vorangegangen sein. Synonyme Bezeichnungen wie Hasen- und Nagerseuche machen deutlich, dass die Erkrankungen für den Feldhasen sehr ansteckend sind. Nager- oder Hasenpest ist eine auch auf Menschen übertragbare Krankheit (Zoonose).


Seit 2009/10 wird Tularämie in NRW jährlich festgestellt. Die Nachweise reichen von Ostwestfalen bis zur Westgrenze. Seit Jahren baut sich bei uns eine wachsende Feldmauspopulation auf, die seit drei Jahren kontinuierlich zunimmt. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Feldmaus- Management“ befasst sich mit den Kalamitäten. Tularämiefälle bei Feldhasen in NRW liegen in einem zusammenhängenden Gebiet von Peine (NS) bis Enschede (NL). In dieser Region sind Wanderratten gegenüber mehreren Wirkstoffen resistent oder die Wirkstoffe sind nur noch eingeschränkt wirksam.
Über eine mögliche Wechselwirkung zwischen der Rodentizidanwendung zur Bekämpfung von Feldmäusen und dem Erreger der Tularämie berichtet eine Studie aus Spanien, wonach tularämiepositive Feldmäuse niedrigere Rodentizidgehalte haben sollen. Die Zulassung für den in der Studie aus 2007 eingesetzten Wirkstoff „Chlorphacinon“ ist widerrufen.


Für 2013 und 2014 verzeichnet das Robert- Koch-Institut in NRW 1 und 4 Fälle beim Menschen. Diese stecken sich meist über Feldhasen, blutsaugende Ektoparasiten und Wasser, Stäube oder Aerosole an. Weniger als 10 Erreger reichen aus, um Menschen über Einatmen oder geringste Hautverletzungen zu infizieren. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bisher nicht bekannt.


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Karte: EBHS bei Feldhasen in NRW

Zu Gruppen mit besonderem Ansteckungsrisiko zählen Jäger und Beschäftigte, die Wild verarbeiten, der direkte Kontakt mit Blut, Organen und Ausscheidungen infizierter Tiere dürfte dabei die häufigste Ansteckungsursache sein.


Aus Baden-Württemberg wird von der Übertragung durch Zecken auf Menschen in drei Fällen im Sommer 2012 und 2013 berichtet. Aktuelle Forschungen beschreiben erstmals ein in Deutschland bisher unbekanntes Isolat, das man in einem Kühlturm fand, über eine krankmachende Wirkung ist bisher wenig bekannt.


Aus dem Berichtsjahr liegen drei Fälle von Listeriose vor, nach der Literatur verenden Feldhasen an dieser Erkrankung meist innerhalb weniger Tage. Auch Menschen können daran erkranken – häufig über verdorbene Lebensmittel. Die Erkrankung ist bei Feldhasen trotz der weiten Verbreitung eher selten. In Schleswig-Holstein wurden in 10 Jahren (1988–1997) bei 373 verendeten Hasen 9 Fälle erkannt, davon 6 bei Häsinnen nach dem Setzen oder mit abgestorbenen Feten in der Gebärmutter.


Die Fälle aus NRW umfassen eine Häsin (April) und zwei Junghasen (Oktober). Auf Erkrankungen der Lunge und weiterer mitbetroffener Organe entfallen 30 Fälle (8,5 Prozent).
Auf Erkrankungen der Leber und mitbetroffener Organe entfallen 27 (7,6 Prozent) der Fälle, an erster Stelle degenerative Veränderungen.
Auf Erkrankungen des Darms und mitbetroffener Organe entfallen 37 (10,5 Prozent) der Fälle. Zu erwähnen sind 7 Fälle chronischer Nierenerkrankungen, in einem Fall ein Nierenversagen und Amyloidosen der Milz.


Verletzung und sonstige Todesursachen

In 4 Fällen lag eine durch Pilze verursachte Lungenentzündung vor. Von 39 Todesfällen (11 Prozent) durch Verletzungen seien ein Magenriss und 8 Biss- Traumata erwähnt. Unter sonstigen sind 11 Fälle zusammengefasst: 4 von Auszehrung ungeklärter Ursache, zwei mit Gebärmutterentzündung, eine Bauchhöhlenträchtigkeit, eine Nachgeburtsverhaltung und 3 Fälle von Herz-Kreislauf- Versagen ohne ursächliche Klärung.


Zukunft der Feldhasen in NRW

Anlass zur Sorge für die zukünftige Entwicklung der Population in NRW geben arttypische Hasenerkrankungen und Calicivirus-Infektionen nicht – auf alle diese Erkrankungen entfallen zusammen mit Verletzungen etwa 60 bis 65 Prozent der Todesursachen.


Einer näheren Analyse bedürfen chronische und zum Teil degenerative Erkrankungen von Lunge, Leber, Darm, Milz und Nieren (35 – 40 Prozent). Einflüsse aus der Lebensumwelt der Feldhasen dürften dafür ursächlich verantwortlich sein. Diese Schlussfolgerung erlaubt die ungewöhnlich hohe Zahl der Einsendungen im Berichtsjahr – verbunden mit der Frage, wie gesund Junghasen aufwachsen und sich ernähren können – und wie viele überleben und sich überhaupt erfolgreichen fortpflanzen können.


Bei einer Studie aus der Schweiz (2001) entfielen bei den Todesursachen für 167 Fallwild-Hasen 15 Prozent auf Infektionskrankheiten, 80 Prozent auf Verletzungen (meist Verkehrsverluste und 16 Prozent davon durch Prädatoren), nur fünf Prozent der Todesursachen blieben ungeklärt. Bemerkenswert an dieser Studie ist, dass Kokzidiose keine Rolle spielt. Der Rückgang der Feldhasenpopulation wird in dieser Schweizer Studie auf die reduzierte Überlebensrate der Junghasen zurückgeführt.


In NRW hatten Räuber und Beutegreifer in den vergangenen Jahren Mäuse satt zur Verfügung – Staupe und Räude unter Füchsen sprechen eine deutliche Sprache. Nach einem Zusammenbruch der Mäusepopulationen ist mit einem größeren Raubwilddruck auf Niederwild – und damit v. a. auf Hasen zu rechnen. Beschränkungen im Landesjagdgesetz im Hinblick auf effektive jagdbetriebliche Maßnahmen dürften die Situation für das Niederwild verschärfen.

Dr. Walburga Lutz
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn


Untersuchungsämter in NRW

In folgenden Einrichtungen des Landes NRW werden Wildkörper kostenlos untersucht – bitte erfragen Sie vor Anlieferung Zeiten für die Annahme und kündigen Sie die Anlieferung an!

 

Veterinäruntersuchungsamt Westfalen
Zur Taubeneiche 10 –12
59821 Arnsberg
Tel. 0 29 31/80 90
Fax 0 29 31/80 92 90

 

Veterinäruntersuchungsamt Ostwestfalen-Lippe
Westerfeldstr. 1
32758 Detmold
Tel. 052 31/91 19
Fax 052 31/91 15 03

 

Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper
Deutscher Ring 100
47798 Krefeld
Tel. 0 21 51/84 90
Fax 0 21 51/84 91 10

 

Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe
Albrecht-Thaer-Str. 19
48147 Münster
Tel. 02 51/98 21 0
Fax 02 51/98 21 250


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 09/2015 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_09/15_Forschungsstelle


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