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RWJ 03/2017: Niederwild in NRW

Gewinner und Verlierer

„Dat sid ringeldûwen, dä schütt me alle dâge nitt,“ heißt es im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1845 und stand für eine sprichwörtliche Redewendung, um etwas Seltenes zu bezeichnen. Die Ringeltaube war damals eine Seltenheit! Und sie könnte es wieder werden.

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Die Besätze der Taube sind unter Druck. Sie könnte in heimischen Revieren bald deutlich seltener vorkommen.

Bei aller Sorge um Fasan und Feldhase ist festzustellen, dass die Jagdstrecke der Ringeltaube seit 2008 noch stärker zurückging. So fällt sie etwa alle 30 bis 40 Jahre auf ein Minimum, die Fasanen- und Feldhasenstrecke erstaunlich gleichläufig etwa alle 20 Jahre. Die Grafik zeigt die mathematisch geglätteten Verläufe der landesweiten Jagdstreckendichte (Anzahl erlegten Wildes pro 100 ha bejagbarer Fläche in den letzten 30 Jahren {1984 bis 2015}) von acht Wildarten; vier Verlierern und vier Gewinnern. Die Skalen wurden so gewählt, dass Minima und Maxima der Verläufe grafisch zusammenfallen.

 

Populationsdynamik

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Das Auf und Ab hat seine Ursache in der Populationsdynamik, denn das einzig Beständige der Besätze ist ihr Wandel. Sie kommen und gehen, die Wilddichte nimmt zu und wieder ab. Nichts bleibt, wie es ist. Der Wolf besiedelt gerade Westeuropa, die Population nimmt dabei exponentiell zu. Genau diese exponentielle Phase haben Graugans und Waschbär wohl gerade hinter sich gebracht. Uhu und Wanderfalke sind wieder da, häufigere Arten wie Habicht, Sperber oder Mäusebussard genießen seit fast 50 Jahren Schonzeit und verglichen mit dem, was aus der Jagdkunde bekannt ist, gab es noch nie so viele Füchse wie heute. Fast zeitgleich mit dem Steinmarder hat der Fuchs in den 1980er Jahren die menschlichen Siedlungen als neuen Lebensraum besiedelt – womöglich noch begünstigt durch die Tollwutimmunisierung. Aber auch das Schwarzwild „verstädtert“.


Ursachen

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Ursache ist ein für uns kaum zu entflechtendes Gewirr von Einflüssen, das aber wegen der im Jahreszeitenklima relativ festen Fortpflanzungszeiten von Jahr zu Jahr betrachtet nur zu zwei Zuständen führen kann: Entweder es überleben mehr Individuen als sterben, dann nimmt die Population zu, oder aber die Überlebenden können die Verluste nicht mehr ausgleichen, dann nimmt die Population ab. Der Rückgang des Fasans ist ein solches Beispiel. Kann eine Henne pro Jahr vier bis fünf vitale Küken großziehen, dann bleibt der Frühjahrsbesatz selbst bei einer normalen Gesamtsterblichkeit von 60 Prozent stabil. Geht man mit 100 Hennen ins Jahr, kann man nachhaltig im Herbst rund 60 Hähne nutzen. Aktuell führen aber so wenige Hennen so wenig Küken, dass sich die Besätze nicht erholen können.

Ulrich Voigt, Wildbiologe aus Hannover, überwachte von 2011 bis 2015 168 Hennen mit GPS-Sendern im Emsland und in Osnabrück – einige über drei Jahre. Bezogen auf 100 Hennen im Frühjahr ergab sich ein Zuwachs von 38 Junghennen. Zum Vergleich: In einem normalen Jahr werden etwa 150 Hennen groß.

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Beutegreifer

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Beutegreifer wie der Fuchs haben einen erheblichen Einfluss auf die Niederwild­besätze. Daher ist ihre Bejagung unerlässlich.

Aber warum fehlt der Nachwuchs? Von allen Hennen, die in der Beobachtungszeit starben, gingen 11 Prozent durch Greifvögel, 26 Prozent durch Marder und Fuchs, insgesamt 44 Prozent durch Beutegreifer verloren. Für weitere 26 Prozent konnte das Verschwinden nicht geklärt werden, 15 Prozent gelten als vermisst. Für 46 Prozent aller Nestverluste waren vor allem Rabenkrähe, Fuchs und Marder verantwortlich. Allein die Anwesenheit von Beutegreifern führte dazu, dass 37 Prozent der Hennen ihre Nester aufgaben. Damit liegt das Ausmaß der Fasanenverluste durch Beutegreifer in der für Europa bekannten Größenordnung. So verfolgten beispielsweise Roger Draycott und Kollegen von 1990 bis 2003 451 Nester sendermarkierter Hennen in sechs englischen Jagdbezirken. Nur zehn Prozent der angelegten Nester blieben bis zum Schlupftermin unversehrt – allein Rabenkrähe und Fuchs waren für die Hälfte der Nestverluste mitverantwortlich.


Schwache Vögel

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Die Gänsebesätze hingegen entwickeln sich ausgesprochen gut. In einigen Regionen werden sie schon zur Belastung für die Landwirtschaft. Fotos: M. Breuer, Grafik: Dr. Th. Gehle (2)

Und so sicher wir aus der Jagdkunde wissen, dass die Zusammenbrüche beim Kaninchen durch die hochveränderlichen Viren der Myxomatose und der RHD (Chinaseuche) verursacht werden, so sicher ist nun auch, dass Infektionskrankheiten für den Rückgang des Fasans nicht ursächlich sind. Von 2013 bis 2015 wurde Blutserum von über 270 frisch erlegten Hähnen aus NRW, 226 Vögeln aus Niedersachsen sowie 15 Hähnen aus Schleswig-Holstein analysiert. Rund 200 Stück Fallwild wurden von ein und demselben Team pathologisch begutachtet und mit 32 Volierenfasanen und 60 frisch erlegten verglichen. 224 Eier aus Gelegen wurden untersucht und 62 Jungvögel (ab dritter Lebenswoche) lebend gefangen, um spezielle Proben zu gewinnen. Das Augenmerk dieses groß angelegten Kooperationsprojektes richtete sich auf verschiedene Erreger bekannter Geflügelerkrankungen, darunter virale wie Infektiöse Bronchitis (IBV), Infektiöse Bursitis (IBDV) sowie Newcastle Disease (PMV-1) oder Wurmbefall mit Syngamus trachea (Rotwürmer), Capillaria (Haarwürmer) und Ascaridia ssp. (Spulwürmer).

 

Ergebnis:

Keine der betrachteten Erkrankungen trat in einem besorgniserregenden Ausmaß auf, doch fest steht auch: Der Fasan ist nicht gesund, er ist allgemein geschwächt, besonders fallen Entzündungen von inneren Organen und Hautentzündungen auf, die nicht eingeordnet werden können, da es keinerlei vergleichbare Studien aus der Vergangenheit gibt. So glaubt die Hannoveraner Arbeitsgruppe, die den Abschlussbericht erstellte, daran, dass die Küken aktuell schlicht verhungern.


Schwaches Immunsystem?

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Die Feldhasenbesätze werden lokal besonders durch Infektionskrankheiten beeinflusst. M. Breuer

Deswegen fütterten sie 66 eingestallte Handaufzuchten im Paarvergleich bis zur siebten Lebenswoche. Obwohl die eine Gruppe Futter erhielt, welches einen nur um 6 Prozent geringeren Rohproteingehalt gegenüber den Futtergaben der anderen Gruppe auswies, war die Sterberate zu Beginn um das Vierfache höher. Doch glichen sich die Sterberaten später wieder an. Versuchsabläufe, in einer Untergruppe das Immunsystem von Flügelhautzellen zu zerstören, um dann im Fütterungsvergleich Immunreaktionen zu messen, wurden methodisch erprobt. Ein klares Bild, dass z. B. die eiweißreduziert ernährten eine deutlich geringere Immunantwort zeigen sollten als die normal gefütterten Jungvögel, ergab sich nicht. Fasane nutzen über das Jahr weitaus stärker als Rebhühner Eiweiß tierischer Herkunft, nicht nur in Form von Spinnen und Insekten, sondern auch über Regenwürmer und Schnecken. Im Frühjahr fehlen vor allem überliegende Sämereien, dieser Verlust kann jedoch durch eine gezielte Fütterung mit Weizen bis in den Sommer ausgeglichen werden. Etwas anders ist die Lage beim Feldhasen. Seit Jahrzehnten muss er sich mit Infektionen wie Kokzidiose, Pseudotuberkulose (Yersiniose), Pasteurellose (Hasenseuche), European Brown Hare Syndrome (EBHS), Staphylomykose, aber auch mit Magen- und Darmwürmern auseinandersetzen. Welche dieser Erkrankungen wann, wo und mit welchem Einfluss auftritt, ist nicht vorhersagbar. In gut gehegten Revieren mit Beutegreiferkontrolle wurden 2016 wieder hohe Herbstdichten taxiert und gute Strecken erzielt – ein Hoffnungsschimmer. Doch zeigen die Strecken von Fasan und Hase langfristig und großräumig einen identischen Trend (s. Grafik). Beide Wildarten machen insgesamt keinen vitalen Eindruck. Entzündungen, vor allem der Leber und der Niere, nähren den Verdacht, dass Pflanzenschutzmittel vielleicht doch bereits in geringsten Rückständen im Wildkörper das Immunsystem schwächen könnten. In der Folge würden die Tiere anfälliger gegenüber Erregern und Beutegreifern. Wieso gehen zeitgleich die Strecken von Stockente und Ringeltaube zurück? Ist die Witterung, sind die typischen Westwetterlagen die Ursache, alles andere die Folge? Es besteht erheblicher Forschungsbedarf.


Erfolgsmodelle

Gute Zeiten erleben dagegen Beutegreifer und Gänse. Unter rund 120 erlegten Graugänsen zu Beginn der Jagdzeit fanden wir nur acht Jungvögel, diese hatten jedoch mit im Mittel über drei Kilogramm hohe Gewichte. Es spricht somit einiges dafür, dass vor allem an Rhein und Weser eine Gänsedichte erreicht ist, die den Zuwachs begrenzt (Selbstregulation). Wird jedoch durch gut gedüngte Wintersaaten und Kiesabbau der Lebensraum weiter verbessert, werden die Grau-, Kanada- und Nilgansbesätze zunehmen.

Für den Fuchs, dessen Besätze grob geschätzt von etwa einem auf eine historische Höchstdichte von rund drei Füchsen pro 100 ha enorm angestiegen sind, scheint diese Selbstregulation seit etwa zehn Jahren einzusetzen (s. Grafik). Lokal treten wieder gehäuft dichteabhängige Erkrankungen wie Räude und Staupe auf. So stehen wir Jäger in der Pflicht, die Gewinner zu begrenzen und den Verlierern in der Not zu helfen – wenn man uns denn diese Freiheit lässt.

 

Dr. Thomas Gehle

Dezernent für Niederwild

Landesamt für Natur, Umwelt und

Verbraucherschutz NRW

Forschungsstelle für Jagdkunde und

Wildschadenverhütung, Bonn


Forschungsstelle

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