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RWJ 12/2016: Gefährlich auch für Menschen

Tularämie bei Feldhasen in NRW

In NRW werden nach Jahrzehnten ohne Nachweis seit 2009 bei Hasen jährlich Fälle von Tularämie (Nager- bzw. Hasenpest) verzeichnet. Die Krankheit ist auf den Menschen übertragbar, schon geringe Keimzahlen in erregerhaltigen Stäuben (Aerosolen) genügen für eine Ansteckung.

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Angesichts möglicher Ansteckungsgefahr sollte man Hasen nur mit entsprechendem Schutz versorgen – neben Handschuhen am besten auch mit Mundschutz und Schutzbrille.

Amerikanische Forscher konnten 1912 den Tularämie-Erreger nachweisen. Tatsächlich war die Krankheit bei anderen Tieren und Menschen in Amerika schon länger unter Namen wie „Hirschfliegen-, Zecken- oder Kaninchenfieber“ bekannt, was Hinweise auf die Art der Übertragung zulässt. Der erste Nachweis im Deutschen Reich erfolgte 1939, wobei die Krankheit schon früher in Europa vorkam, aber nicht erkannt wurde. Tularämie wird durch das Bakterium „Francisella tularensis“ verursacht. Auf der nördlichen Hemisphäre wird die Erkrankung überwiegend bei Hasen, Kaninchen, verschiedenen Mäusearten und Ratten beobachtet. Weitere Säugetiere, Vögel und Amphibien, können erkranken.

 

Als Naturherd-Erkrankung ist Tularämie in Europa in Österreich, Deutschland, der Slowakei, Tschechien, im Kosovo, Italien, Spanien und Skandinavien bekannt. Das Bakterium kann in Häuten 40 Tage, in feuchter Erde 50 Tage, im Wasser und in Brackwasser und Schlamm bis drei Monate, in gefrorenem Kaninchenfleisch bis vier Monate und in Zecken fast eineinhalb Jahre (!) infektiös sein. Die Überlebensfähigkeit in trockenem Stroh wird mit über sechs Monaten und in Kadavern mit mehr als vier Monaten beziffert. Die Schwankungen des Tularämie- Geschehens beim Menschen werden mit den periodischen Wellenbewegungen der Besätze in den Nagetierpopulationen in den Endemiegebieten in Zusammenhang gebracht. Unerkannt bleibende Verseuchungen von Nagetierpopulationen, die sich auf weitere Gebiete ausdehnen, stellen ein hohes Infektionsrisiko für Menschen dar. Aus ihnen heraus kann die Seuche als Epidemie auf Menschen übergreifen. Eine Ausbreitung in Europa korreliert daher weitgehend mit der Entwicklung und Verbreitung der Nagetiere.

 

Hase, Feld-, Wald- und Schermaus sind Arten mit sehr hoher Empfänglichkeit, die durch geringe Keimzahlen infiziert werden können und nach einer akuten Gesamtinfektion sterben. Arten wie Wanderratte oder Eichhörnchen sind hoch empfänglich, aber wenig empfindlich. Sie werden durch niedrige Keimdosen infiziert, sterben erst nach Aufnahme hoher Keimzahlen virulenter Stämme. Durch das Ausscheiden der Keime über lange Zeit tragen sie zur Aufrecht erhaltung von Endemien bei. Haus- und Nutztiere wie Pferd, Rind und verschiedene Vogelarten zählen zu Arten mit geringer Empfänglichkeit, die kaum erkranken, ebenso wie Füchse, die sich durch Fressen erkrankter Mäuse und Hasen infizieren können.

 

 

Tularämie bei Feldhasen in NRW seit 2009/10

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Der Forschungsstelle liegen seit 2009/10 Befunde für Tularämie bei Wild vor. Die zugänglichen Gutachten wurden ausschließlich für Hasen erstellt. Von 2009 –16 wurden für insgesamt 1 198 Hasen Gutachten zur Erkrankungs- und Todesursache erstellt, darunter 119 mal Tularämie – rund 10 Prozent der Todesursachen bei Feldhasen. Im Verlauf der sieben Jagdjahre nahm der Anteil der Tul arämie als Todesursache von 4,1 (2009) auf 15,8 Prozent (2015/16) zu. Von April bis Juli 2016 wurde bei sieben von 37 untersuchten Feldhasen Tularämie festgestellt. Nachfolgend die Zahl der Hasen mit Tularämie als Todesursache:

 

2009/10 5 von 121 4,1 %
2010/11 10 von 116 8,6 %
2011/12 11 von 93 11,8 %
2012/13 7 von 75 9,3 %
2013/14 24 von 280 8,6 %
2014/15 37 von 355 10,4 %
2015/16 25 von 158 15,8 %
4-7/16 7 von 37 18,9 %

 

 

 


2013/14 und 2014/15 kamen ungewöhnlich viele Feldhasen zur Feststellung der Erkrankungs- und Todesursache in die Untersuchungsämter. Aus den Ergebnissen der Auswertungen zur Tollwut bei Füchsen in zurückliegenden Jahren lässt sich ableiten, dass sich ab einer Stichprobe von etwa 100 die Werte nur unerheblich verändern, die Untersuchung einer größeren Anzahl also zu keinen nennenswerten Abweichungen führt. Für Niedersachsen wurden 2008 Daten zum Infektionsgeschehen bei Feldhasen berichtet. Von 930 Untersuchungen (Fallwild und erlegte Hasen) konnte viermal bei Fallwild und dreimal bei erlegten Hasen Tularämie nachgewiesen werden. Das jahreszeitliche Auftreten verläuft nicht in allen Jagdjahren gleich. Von Juni bis September wird der Erreger in der Regel durch Zecken, Bremsen oder Stechmücken übertragen. Erkrankungen im Spätherbst und Winter werden als Folge einer Massenvermehrung der Feldmäuse und der Übertragung des Erregers auf Hasen interpretiert.

 

Dass Tularämie-Ausbrüchen unter Hasen Feldmausplagen vorausgingen, ist mehrfach belegt, dazu gehören auch Massensterben unter Nagern und das Herumliegen infektiöser Kadaver. 2013/14 war ein nicht kontinuierlicher Anstieg der Fälle in NRW von April über Juli, November bis März kennzeichnend für das Auftreten der Tularämie. Die Aufsummierung der Fälle aus den Vorjahren insgesamt verzeichnet im April einen ersten Gipfel und bestätigt einen Anstieg von Mai bis November, einen Abschwung bis Februar und einen erneuten Anstieg der Fälle im März. 2014/15 ergab sich ein kontinuierlicher Anstieg von Mai bis Dezember und ein Rückgang der monatlichen Fälle bis Februar. 2015/16 sind in zehn Monaten – außer Juli und Dezember – zwischen einem und vier Feldhasen mit Tularämie im Untersuchungsgut. Ob sich darin ein Abklingen oder Fortbestehen der Seuche oder Entwicklungen der Hasenpopulation oder anderen Einflussfaktoren wie der Rückgang von Feldmäusen widerspiegeln, bleibt Gegenstand zukünftiger Untersuchungen.

 

Aus Geseke (SO) datieren die ersten Fälle 2009/10. Seither wird aus dem Raum von Tularämie bei Hasen berichtet. Nach 2009/10 wurde zunehmend von Fällen aus anderen Landesteilen berichtet, zunächst aus Westfalen, dann auch links des Rheins und südlich der Ruhr. Die beiden Jahre mit der hohen Anzahl an Einsendungen repräsentieren recht gut die räumliche Verbreitung der Tularämie unter Feldhasen in NRW von Ostwestfalen bis an die Westgrenze. 2014 gab es Feldmauskalamitäten in NRW.

 

 


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Tularämie bei Feldhasen in NRW

Der Erreger

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Bei Wildtieren ist in Deutschland bisher nur „Francisella tularensis ssp holarctica“ nachgewiesen. Jüngste und intensive Untersuchungen zur Tularämie bringen eine Reihe neuer Erkenntnisse insbesondere in Zusammenhang mit frei lebenden Tieren. Untersuchungen in Berlin/ Brandenburg belegen eine hohe und neue Vielfalt der Erreger aus Marderhund, Fuchs und Europäischem Biber. Das Überwachungs-Programm in Frankreich umfasste die Tularämie 2002/03 und 2012/13 mit 693 Fällen und 46 Verdachtsfällen. Die am meisten betroffene Art war der Feldhase, positive Fälle umfassten Wildkaninchen (4), Rehe (2) und ein Wildschwein.

 

 


Ausblick

Für die Jagdpraxis stellt sich die Frage, ob die Erkrankung langfristig Auswirkungen auf die Entwicklung der Hasenpopulation haben kann. Bei Betrachtung der Hasenstrecken in NRW seit 1960 zeichnet sich ein negativer Trend ab, der viele Ursachen hat. Ungeklärt muss wohl die Beantwortung der Frage bleiben, ob eine Krankheit einen bestehenden rückläufigen Trend beschleunigt. Im Norden Frankreichs sind endemische Gebiete für Tularämie bekannt, 2007/08 stieg die Zahl der Fälle unter Feldhasen an. Von Januar bis März 2011 wurde ein Ausbruch mit hoher lokaler Sterblichkeit unter Feldhasen beobachtet. Der letzte zurückliegende Fall in Pasde- Calais datierte 1988. In Frankreich tritt Tularämie sporadisch auf, doch werden in der Regel die Populationen des Feldhasen nicht beeinträchtigt. Anders verhielt es sich im berichteten Fall. Bemerkenswert ist, dass davon ausgegangen wird, dass Feldhasen den Wald aufgesucht haben sollen, weil die Temperatur innerhalb von zwei beziehungsweise vier Tagen um 10 beziehungsweise acht Grad Celsius gefallen sei.

 

In dem Eichen- Eschen-Wald wurden 2/3 aller Wildkörper gefunden. In den Gutachten für die Feldhasen waren pathologische Veränderungen in Luftröhre und Lunge aufgefallen, sodass eine Infektion über die Atmungsorgane angenommen wurde, obgleich die Infektionsquelle nicht gefunden wurde. Auch in Ungarn wurde eine Infektion mit dem Tularämie-Erreger über luftleitende Wege bei 44 von 50 (88 Prozent) Feldhasen in Betracht gezogen. Auch ein Zusammenhang der Erkrankung von Feldhasen mit Massenvermehrungen von Feldmäusen konnte erhärtet werden. Weder in Zecken, Nagern oder Wasserproben konnte Francisella tularensis in Frankreich nachgewiesen werden. Ungeklärt blieb auch, ob der Ausbruch in Frankreich durch einen neuen Stamm ausgelöst wurde, die Feldhasen-Dichte eine Rolle spielte oder durch besondere ökologische Umstände in Verbindung mit der Temperatur begünstigt wurde.

 

 


Worauf Jäger achten sollten

Für Jäger besteht beim Umgang mit Feldhasen die Gefahr der Infektion – schwere bis lebensbedrohliche Erkrankungen sind möglich.

 

Für Menschen sind die Subspezies, der Übertragungsweg, Eintrittspforte des Erregers und Erregermenge maßgeblich für den Krankheitsverlauf. Die häufigste Ansteckung erfolgt bei direktem Kontakt mit infizierten Tieren – beim Ausweiden und Verarbeiten, über Ausscheidungen, Organe oder Körpersäfte. Kleinste, unsichtbare Hautveränderungen, Schleimhäute (auch der Augen) und Einatmen von Aerosolen führen zur Ansteckung. Infektionen über den Mund-Rachenraum sind besonders über kontaminiertes Trinkwasser bekannt.

 

  • Beim Versorgen von Wild sollte man Einmalhandschuhe und eine staubdichte Atemmaske tragen,
  • eine die Augen umschließende Schutzbrille ist vorteilhaft,
  • Personen mit nicht verheilten oder gar offenen Wunden (mögen sie noch so geringfügig sein) sollten auf keinen Fall Wild versorgen,
  • Wildbret ist für den Verzehr stets ausreichend zu erhitzen,
  • dringlich empfohlen wird, Fallwild mit Einmalhandschuhen anzufassen.

In den Fallwildberichten der vergangenen Jahre wird über die Tularämie bei Feldhasen in NRW berichtet sowie auf aktuelle Literatur verwiesen, sie können bei der Forschungsstelle angefordert werden und sind auch auf der Webseite der Forschungsstelle eingestellt: www.lanuv.nrw.de/natur/jagd

 

Dr. Walburga Lutz

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel. 02 28/97 75 50,

E-Mail: FJW@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 01/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 12/2016: Tularämie bei Feldhasen in NRW


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