Seite 1

RWJ 09/2017: Afrikanische Schweinepest

Das Risiko steigt

Die ersten Fälle Afrikanischer Schweinepest (ASP) wurden im Juni 2007 aus Georgien gemeldet. Das Virus gelangte über den Schwarzmeerhafen Poti ins Land und breitete sich rasch aus. 2014 erreichte die ASP die Ostgrenze der EU, Litauen und Polen meldeten erste ASP-positive Wildschweine. Im Juni 2014 folgten Meldungen aus Lettland, im September 2014 aus Estland. Gut 10 Jahre nach den ersten Fällen ist die Seuche nun in Tschechien angekommen.

fost saujagd 2 k-h volkmar id50363

Durchaus erfindungsreicher Sau-Transport – in Zeiten drohender ASP allerdings nicht empfehlenswert, weil man so den ganzen Wagen desinfizieren müsste ...

Die beiden ersten Fälle bei Schwarzwild in Tschechien wurden Ende Juni eher zufällig entdeckt – Anwohner waren durch Geruchsentwicklung auf die Kadaver aufmerksam geworden. Zwischenzeitlich stieg die Zahl der bestätigten Fälle auf 62 („OIE, Stand 25. 7.“). Daher ist davon auszugehen, dass die ASP weiter verbreitet ist, als es ursprünglich schien und auch längere Zeit „übersehen“ wurde. Besonders beunruhigt, dass die Schweinepest von den bisher bekannten Gebieten in Polen mehrere hundert Kilometer überwand und nur noch wenige hundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ist. Dies unterstreicht die Bedeutung des Menschen als Überträger, der als Vektor von infiziertem Schweinefleisch fungiert, selbst jedoch nicht erkranken kann. Dadurch wird anschaulich, dass die ASP zu jeder Zeit auch irgendwo in Deutschland auftreten kann.

 

 

Am wichtigsten – Vorbeugung

Auf Grundlage der Schutzmaßregeln der Schweinepestverordnung wurden Maßnahmen zur Biosicherheit bei Ausbruch der ASP bei Wildschweinen formuliert. Empfehlungen der niedersächsischen Sachverständigengruppe ASP sowie der Jagd- und Veterinärreferenten der Bundesländer im Januar 2017 wurden darin berücksichtigt. Folgende Punkte sollte man zur Vorbeugung v. a. bei Jagdreisen und sonstigen Fahrten in betroffene Gebiete beachten:

 

  • Kontamination von Ausrüstung, Jagdhunden, Kleidung, Schuhwerk, Geräten und Fahrzeugen mit Blut vermeiden
  • nach Kontakt zu toten/erlegten Sauen: Hände vor Verlassen des Reviers waschen und desinfizieren, Kleidung wechseln und bei mind. 40 °C mit Waschpulver waschen, Schuhe/Stiefel vor Verlassen des Reviers wechseln, unverzüglich reinigen und desinfizieren
  • Fahrzeuge reinigen, besonders Kontaminationen mit Blut sorgfältig entfernen
  • zentrale Aufbruchplätze bei Drückjagden nach Nutzung desinfizieren
  • unschädliche Beseitigung von Aufbrüchen (nicht im Wald lassen!)
  • Ausweisen separater Wildsammelstellen zur Jagd in ASP-Gebieten, Verbot des Verbringens von Sauen aus ASP-Gebieten in andere Wildsammelstellen
  • Mülltonnen im gesamten Gebiet (v. a. an öffentl. Parkplätzen) müssen kippsicher sein
  • an Wildkammern und bei größeren Ansitzdrückjagden sind Aufbruchtonnen erforderlich

 

Nur so lässt sich das Risiko einer Verschleppung einer unerkannten Infektion vermeiden. Selbstverständlich dürfen von Urlaubsfahrten keine rohen Fleischund Wurstwaren mitgebracht werden und erst recht nicht in der Landschaft entsorgt werden.


fost saujagd 1 k-h volkmar id50362

Auch gestrefte Frischlinge sind unbedingt zu erlegen – bei Ansitz und Drückjagd!

In der Revierpraxis ist wichtig, dass tot aufgefundenes Schwarzwild in jedem Fall zur Untersuchung gebracht wird. Die Erfahrung zeigt, dass dies bei unbekanntem Unfallablauf auch für Wildunfälle gilt – die Erkrankung führt zu verminderter Reaktionsschnelligkeit und erhöht damit mittelbar das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken.

 

Im Vordergrund steht jedoch die Absenkung der Schwarzwildbestände, der Erlass „zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände und Verringerung des Risikos einer Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest“ bietet dazu einen weiteren Rahmen. Die Schwarzwildbestände sind dank günstiger Lebensraumbedingungen (milde Winter, günstiges Fraßangebot, unzureichende Bejagung in den letzten Jahrzehnten) auf sehr hohem Niveau. Eine wirksame Bestandsreduzierung erfordert ausreichend hohe Eingriffe in die Population und auch eine Orientierung an den Gesetzmäßigkeiten der bestandsproportionalen Sterblichkeit – Klassen, die zahlreich im Bestand vorhanden sind, müssen auch zahlreich erlegt werden – vor allem Frischlinge.

 

Die Ad-hoc-Aufhebung der Schonzeit gem. § 24 Abs. 2 LJG NRW mit sofortiger Wirkung bis zum 31. 3. 2018 sollte vor dem Hintergrund der aktuellen Ausbreitung der ASP ein Signal setzen und bei ersten Erntejagden die Spielräume erhöhen. Die Umsetzung erfordert ein hohes Maß an Sachverstand. Wesentlich ist, dass Auflagen für bereits vorher erteilte Schonzeitaufhebungen wie die Dokumentation von Alter und Datum, weiter erfüllt werden. Die Auswertung der Ergebnisse der Schonzeitaufhebung ist Grundlage für die weitere fachliche Beratung.

 

Entscheidend ist, dass jedem bewusst ist, dass die „Bejagungsoption Überläufer“ zwar in Sonderfällen örtliche WildschadenAfrikanische situationen entschärfen kann, jedoch kein Freibrief ist für eine

  • zu geringe Frischlingsbejagung,
  • automatische Schonzeitverlängerung,
  • insg. unzureichende Strecke oder
  • fahrlässige Jagdpraxis.

 

Die Regeln einer sachgerechten Sauenbejagung sind hinlänglich bekannt.

 

 


Seite 2

Das Risiko steigt – Afrikanische Schweinepest

Frischlinge sind ganzjährig intensiv zu bejagen – gewissermaßen, als wolle man sie „ausrotten“. Damit muss frühzeitig begonnen werden, auch auf die Gefahr hin, dass sie noch nicht verwertbar sind. Dazu sei noch einmal auf die Möglichkeit verwiesen, Frischlinge (noch nicht einjährige Stücke) mit der „kleinen Kugel“ (LJG NRW §19 Abs. 1 Satz 5) zu bejagen. Frischlinge unterscheiden sich von älteren Sauen durch ihre geringere Größe und ihre ganzjährig hellere Farbe, die nach dem Verschwinden der Streifen zwischen gelbbraun im Sommer und grau im Winter variiert. Frischlinge haben immer kurze und auffallend helle Pürzel ohne Quaste! Das erkennt man zwar nur im Hellen, wer jedoch Sauen in seinem Revier vergleicht, wird auch im Dunkeln Frischlinge und ältere Sauen eher auseinanderhalten.


Überläuferabschuss

fost 1 id50342

Siedlungsrandbereiche erfordern gezielte Einzeljagd: Auch Sauen gehen „einkaufen“ – auf der anderen Seite der Straße war einmal eine Wiese.

Der Überläuferabschuss ist besonders wichtig, wo die Erschließung neuer Lebensräume vermieden werden soll, denn Jährlinge übernehmen wie bei anderen Wildarten die Späherfunktion zur Erschließung neuer Lebensräume. Als Überläufer gelten Sauen in NRW (unabhängig vom Kalendermonat) vom 13. bis zum Abschluss ihres 24. Lebensmonats. Überläufer unterscheiden sich in der Regel von zweijährigen und älteren Wildschweinen durch ihre geringere Größe und ein niedrigeres Gewicht sowie durch die Farbe der Schwarte, die oft noch einen grau-braunen Grundton hat. Der Anteil schwarzer Borsten an Kopf, Rücken und Läufen ist deutlich geringer als bei älteren Sauen. Dies lässt sich zwar bei Dunkelheit nicht ansprechen, wer sein Revier jedoch kennt und gelegentlich auch im Hellen vergleichen kann, weiß um die Größenunterschiede – und lernt so, auch im Dunkeln besser anzusprechen. Sorgfältiges Ansprechen ist bei dieser sozial organisierten Wildart, deren weibliche Stücke schon im Frischlingsalter und zu jeder Jahreszeit frischen können, besonders wichtig.


Regeln für die Jagdausübung

1. Kranke Stücke sind bevorzugt und unverzüglich zu erlegen – wenn die Ursache einer Erkrankung/Verletzung nicht offensichtlich ist, sind diese zur Untersuchung zu bringen.

 

2. Mit der Frischlingsbejagung muss frühzeitig begonnen werden. Beim Abschuss älterer Frischlinge von Februar bis Juni ist besonders sorgfältiges Ansprechen erforderlich, da ein Teil der weiblichen Frischlinge vor Erreichen des Überläuferalters selbst frischt. Später Wechsel von Winter- zu Sommerschwarte deutet grundsätzlich auf innehabende oder führende Stücke hin. Ansonsten sind Frischlinge bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erlegen. Der Schuss auf einzelne Stücke mit Ausnahme eindeutig angesprochener Frischlinge oder sicher angesprochener gezielt erlegter Keiler ist immer riskant.

 

3. Grundsätzlich gilt in Rotten die Reihenfolge der Erlegung von klein nach groß – auf Gesellschafts- und Einzeljagden.

 

4. Notwendig ist auch eine ausreichend hohe Bachenquote in der Strecke: Nachrangige Bachen, deren Frischlinge selbstständig sind (acht Monate alt, mind. 25 kg) können erlegt werden. Der Abschuss kann nur auf der Einzeljagd nach sorgfältigem Ansprechen erfolgen. Entsprechend der DVO zum LJG NRW ist eine Abschussquotierung von 80 Prozent Frischlingen, 10 Prozent Überläufern und 10 Prozent älterer Sauen notwendig.

 

 


Bei hoher Felddeckung helfen Jagdschneisen

  • Im Feld sind bei hochwüchsigen Pflanzen wie Mais Bejagungsschneisen nötig. Die Abstimmung zwischen Landwirt und Jäger liegt im gegenseitigen Interesse.
  • Hauptwindrichtung beachten
  • Schneisenbreite zwischen 6 und 15 m, Länge etwa 40–120 m
  • Schneisen rundum möglichst geschlossen halten (vermittelt Sicherheit)
  • je nach Schneisenlänge zwei gegenüberliegende Ansitzmöglichkeiten
  • soweit möglich, vorhandene Zäune einbeziehen, um die Sauen auf die Schneise zu lenken
  • bei Nachtjagden lohnt sich der Ansitz in den Waldbeständen

 


Einzeljagd

Sauen lassen sich recht gut anpirschen, da sie schlecht äugen. Die Geräusche des umsichtigen Pirschjägers werden meist durch Eigengeräusche der im Gebräch stehenden Rotte übertönt. Sie wittern und vernehmen allerdings sehr gut. Nieselregen kann dabei helfen. Allerdings birgt Pirschen auch ein hohes Störungspotenzial, aufgrund der hohen Zahl potenzieller „Zeugen“ wie unbemerkter Sauen und Rehe. Die Beachtung des Verhaltens von Singvögeln gibt eine Rückmeldung über die Wahrnehmung der Aktivität durch die Tiere. Der größte Teil der Strecke wird beim Ansitz erzielt. Diese Jagdmethode bietet beste Möglichkeiten für sorgfältiges Ansprechen und sichere Schüsse.

 

Vor der Ernte sollte intensiv an gefährdeten Feldern angesessen werden, Kirrjagd im Wald sollte zugunsten der Feldjagd und Minderung von Wildschäden unterbleiben. Besten Erfolg versprechen Nächte mit zunehmendem Mond. Nach der Ernte empfehlen sich Ansitze im Wald an von Sauen bevorzugten Plätzen wie masttragende Bestände, Wechsel und in Feldnähe. Die Ansitze müssen so angelegt sein, dass anwechselnde Sauen keine Witterung bekommen.

 

 


Gesellschaftsjagden ...

fost 2 id50343

Bei gemeinsamen Jagden empfiehlt sich zentrales Versorgen der Strecke – Aufbruch-Tonnen sind dabei Pflicht!

… sind zur Erreichung der notwendigen Strecken unverzichtbar. Sinnvollerweise führt man sie revierübergreifend oder zeitgleich mit Nachbarrevieren durch. Schützen werden an Wechseln positioniert, verschiedene Treibergruppen mit oder ohne Unterstützung durch lautjagende Hunde – Teckel, Terrier, Stöberhunde und (Dachs) Bracken – halten das Wild in Bewegung.

 

  • Aus Gründen der Unfallverhütung und auch für ein sicheres Ansprechen sollte flüchtiges Wild nur bis 50 m Entfernung beschossen werden.
  • Ab Januar erfolgen Jagden ohne Hundeeinsatz, um bereits führende Bachen nicht zu erlegen, die ihre Frischlinge im Kessel zurückgelassen haben.
  • Hilfsgrößen zur Ansprache (Gewicht) sind kein Selbstzweck, doch zur Vermeidung des Erlegens führender Stücke hilfreich und oft auch notwendig. Revierübergreifende Jagden sind nach wie vor viel zu selten – das Projekt „Beratender Berufsjäger“ bietet dazu Anleitung vor Ort.

 


Ausblick

fost saujagd 3 k-h volkmar id50365

Solang die gefährliche Seuche noch nicht ausgebrochen ist, beliben neben den anstehenden Einsätzen bei der Maisernte als wichtigstes Instrument v.a. revierübergreifende Bewegungsjagden.

Die Reduzierung der Schwarzwildbestände hat Priorität. Die Berücksichtigung der Sozialstruktur und ein hoher Frischlingsanteil sind neben einer ausreichenden Streckenhöhe Voraussetzung für eine wirksame Absenkung. Positiv ist, dass zunehmend mehr Kreise auf die Trichinengebühr für Frischlinge verzichten und das Land 2017 zur Förderung der Bejagung die Kosten für die Trichinenuntersuchung bei Frischlingens mit bis zu 10 € unterstützt. Dies unterstreicht die Verantwortung der Jäger .. Für eine nachhaltige Bejagung der sozial hochentwickelten und lernfähigen Sauen braucht es eine Entsprechung auf Seiten des Menschen – die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir diesen Anforderungen gerecht werden und es gelingt, überhöhte Bestände wirksam zu reduzieren.

 

Dr. Michael Petrak

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53228 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

Nähere Infos: Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL/www.bmel.de) Friedrich-Loeffler-Institut (FLI/www.fli.de) Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES/ www.tierseucheninfo.niedersachsen.de) Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung (FJW/ www.lanuv.nrw.de) www.lanuv.nrw.de/natur/jagd (Bonner Jägertag 2016)


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 09/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 09/2017: Forschungsstelle - Das Risiko steigt


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.