Seite 1

RWJ 05/2016: Fahrplan bei überhöhten Rotwild-Beständen

Wenn schon reduzieren, dann richtig

Zur Reduktion überhöhter Rotwildbestände müssen Strecken nicht nur erhöht, sondern auch anders gegliedert werden.

rotwild-m.breuer

Zu hohe Rotwild-Bestände müssen natürlich spürbar reduziert werden – doch dabei muss man mathematische wie Tierschutz-Aspekte dringend beachten! Foto: M. Breuer

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kahlwildbejagung. Eine Bestandsreduktion, die die Struktur verbessert, kommt nicht nur Rotwild zugute, sondern bedeutet über ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auch einen im Vergleich zum Kahlwildüberhang geringeren Zuwachs und damit eine leichtere Steuerung des Gesamtbestandes. Davon profitiert nicht nur das Rotwild, sondern auch der Jäger, die Zusammenhänge treffen für alle großen Hirscharten zu.

 

Vor jeder jagdlichen Maßnahme sollte man im Auge behalten, dass das Verhalten der überlebenden Wildtiere die Entwicklung des Bestandes bestimmt. Dies bedeutet für die Praxis, dass Erfolgskontrolle ohne zuverlässige Abschuss-Erfassung nicht funktioniert.

Ohne körperlichen Nachweis geht es nicht!

Ein Wildbestand lässt sich nie über den Hirsch-, sondern nur über den Kahlwildabschuss nachhaltig regulieren, denn die nachhaltig erzielbare Abschusshöhe entspricht dem jährlichen Zuwachs – und hängt damit ausschließlich vom weiblichen Wild ab. Zur Absenkung des Bestandes muss sich die Jagd deshalb auf das Kahlwild konzentrieren.

 

In der Praxis kommt es immer wieder zu kleinen Unschärfen – egal ob es sich um vorsätzliche „Fehlbuchungen“ bei der Einzeljagd handelt, um den Kahlwildabschuss leichter zu erfüllen, oder Unsicherheiten bei der Ansprache angesichts sehr hoher Gesamtstrecken bei großen Drückjagden. An einem kleinen Beispiel sei die Auswirkung einer nur einmaligen „postmortalen Geschlechtsumwandlung“ erläutert:

 

Wird im Frühjahr nur ein Spießer anstatt eines Schmaltiers erlegt, hat das für die weitere Entwicklung des Bestandes erhebliche Auswirkungen. Bei einem Geschlechterverhältnis von 1 : 1 und einem Zuwachs beim weiblichen Wild von 80 Prozent wird das Schmaltier mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit beschlagen und setzt mit einer Wahrscheinlichkeit von je 40 Prozent ein Hirsch- oder Wildkalb. Letzteres pflanzt sich mit den gleichen Wahrscheinlichkeiten weiter fort.

 

Reduziert man die Berechnung auf eine Formel und setzt die mittlere Zuwachsrate bezogen auf ein Stück Rotwild mit 40 Prozent an, nimmt der Bestand nur durch eine einzige Falschbuchung gegenüber der tatsächlichen Erlegung eines Schmaltieres nach 10 Jahren um 29 Stück zu: (1 + 0,4)10 = 29!

 

In der Praxis verschlechtert sich damit gleichzeitig auch die Bestandsstruktur, da der Hirschanteil durch solche Fehlbuchungen sinkt. Genauso fatal – nur ein Jahr verzögert – wirken sich Fehlbuchungen beim Geschlecht der Kälber aus.

 

Dieses Beispiel unterstreicht die Bedeutung des körperlichen Nachweises zur Streckenerfassung, denn Jäger selbst sind auf zuverlässige Daten als Grundlage jeder Bejagungsplanung angewiesen.


Rücksichtnahme auch in Reduktionsphasen

Erfahrene Alttiere sind nicht nur die Träger des Zuwachses, sondern kennen auch den Lebensraum und geben die Tradition der Raumnutzung weiter. Wer nach dem Motto Je mehr je besser jagd, landet in puncto Wildschadenverhütung schnell in einer Sackgasse – wenn Wild sich nur noch in sichtdichten Einständen sicher fühlt, in denen es nur Baumrinde zu äsen gibt. Das Belagern von Äsungsflächen erleichtert die Abschusserfüllung allenfalls zu Beginn, um sie anschließend erheblich zu erschweren und zusätzlich Wildschäden in die Höhe zu treiben.

 

Bei guter Revierkenntnis sind provisorische Ansitze mitten im Bestand durchaus erfolgsversprechend und reduzieren den Jagddruck auf Äsungsflächen.

 

Bei viel zu großen Ausgangsbeständen muss die massive Reduktion der Lebensraum- Qualität zugutekommen, die Jagd anschließend wieder einfacher werden und die Akzeptanz für Rotwild zunehmen.


Seite 2

Spielregeln der Reduktion

Die abnehmende Sichtbarkeit des Wildes darf auf keinen Fall mit einer bereits erfolgten Bestandsabsenkung verwechselt werden, da Rotwild sehr rasch lernt. Ein Gesamtkonzept muss sowohl revierübergreifende Bewegungsjagden als auch die gezielte Einzeljagd umfassen.

 

MERKE: Zur Reduktion macht es Sinn, in der ersten Augusthälfte Kälber und Alttiere zu erlegen – aber nur, wenn man das zugehörige Alttier auch wirklich miterlegen kann.

 

Beim geringsten Zweifel daran sollte man besser auch auf den Kälberabschuss verzichten – Untersuchungen an sendermarkierten Alttieren zeigen deutlich, dass sie nach Negativerfahrungen (sprich dem Abschuss ihrer Kälber) offene Flächen in den nächsten Jahren weitgehend meiden. Mit fatalen Konsequenzen – durch isolierten Kälberabschuss im August (in einer Zeit der noch sehr intensiven Kalb-Alttier-Beziehung) züchtet man sich nämlich selber Dunkelkammer-Varianten heran!


MERKE: Schmaltiere und Schmalspießer darf man im Mai nicht in Setzeinständen oder aus Rudeln heraus bejagen.

 

Dass Rotwild im Frühjahr häufiger zu sehen ist, hängt nicht allein mit gestiegener Aktivität zusammen, sondern ist bei Alttieren v. a. auch darauf zurückzuführen, dass in ihrer Körperhöhle mit dem Wachstum des Fötus weniger Raum für den Pansen bleibt, sodass sie häufiger äsen müssen.

 

Kälber zeigen am schnellsten, ob die Lebensraumkapazität zum Wildbestand passt – eine einfache Kenngröße sind ihre Gewichte im November/Dezember, also nach Abschluss des eigentlichen Wachstums: Normal sind Hirschkälber 2 bis 4 kg schwerer als Wildkälber. Liegen die Gewichte gleich, lässt dies auf äsungsknappe Lebensräume bzw. zu hohe Bestände schließen – übrigens schließen sich starke Geweihe und geringere Kälbergewichte durchaus nicht aus …

 

Bestandsreduktion nach dem Motto Hauptsache viel schießen ist immer mit dem Risiko verbunden, die Struktur nachhaltig negativ zu verändern – und das Ziel nicht zu erreichen.

 

Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Ein zugunsten des Kahlwildes verschobenes Geschlechterverhältnis und daraus folgende hohe Zuwachsraten führen leicht zur Überschätzung der Hirschbestände. Dieses Risiko ist latent vorhanden – Anhaltspunkt dafür ist die Tatsache, dass in NRW durchschnittlich leider nur ein Drittel bis die Hälfte von Hirschen der Klasse I zur Strecke kommt.

 

Bei dieser Bewertung stehen nicht Wünsche des Menschen im Vordergrund – reife Hirsche sind für einen zeitgerechten Ablauf der Brunft erforderlich. Junge Hirsche sterben relativ schnell, da sie leicht anzusprechen und zu erlegen sind – und tierschutz relevante Fehlabschüsse unmöglich sind.

 

Spießer sind zahlreich, wenn unter Bezug auf die absolute Bestandshöhe der Kälberabschuss zu gering ist. Die Erlegung von Schmaltieren und -spießern im Mai ist nichts anderes als ein nachgeholter Kälberabschuss.

 

Zu berücksichtigen ist auch, dass eine höhere Entnahmequote bei Kälbern automatisch weniger junge Hirsche nachwachsen lässt. Erhöht man nun den Druck auf die Jugendklasse der Hirsche weiter, reduziert dies erneut den Anteil älterer Hirsche – mit allen Nachteilen für den Wildbestand und eine zeitlich nach hinten verlagerte Brunft.

 

MERKE: Bei Ansitzdrückjagden in Reduzierungs phasen sollte man aus Tierschutzaspekten ausschließlich Kälber und weibliches Wild freigeben.

 

Den Schützen bleiben häufig nur wenige Sekunden zur Entscheidung – sind Hirsche frei, verleitet dies je nach Situation leicht dazu, dass man sich darauf konzentriert – anstatt sich Mühe zu geben, Kahlwild sorgfältig anzusprechen und zu erlegen.

 

Während in Reduktionsphasen eine großzügige Hirschfreigabe das Potenzial der Reduktion beim Kahlwild reduziert, spricht bei ausgeglichenen Bestandsverhältnissen nichts dagegen, junge Hirsche auch bei Drückjagden freizugeben.

 

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn, Tel.: 0228/977550,
Fax: 0228/432023, E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

Literatur: Deutz, A., Brett, H., Völk, F., 2015/Graz: Rotwildregulierung – aber wie? Frielingsdorf, F., Reichelt, B., 2016: Streckentafeln anlässlich von Hegeschauen


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 05/2016 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_05/16_Forschungsstelle


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.