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RWJ 07/2017: 10 Jahre nach Kyrill – ein Modellprojekt im Sauerland

Wald „und“ Wild im Sauerland

Bei der Wiederaufforstung von Kyrill-Flächen spielen Lebensraumgutachten zur Hege und Bejagung von Rehen eine wichtige Rolle. Die Forschungsstelle zeigt am Beispiel des Revierteiles Hohe Liete in Endorf (HSK), was getan wurde.

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Nach der Verbuschung der ehemaligen Sturmwurf-Flächen entwickelte sich in Südwestfalen ein regelrechtes Rehwild-Eldorado. Dies gilt es, nach der Initial-Phase nun zu reduzieren. Foto: R. Bernhardt

Der Orkan „Kyrill“ bewegte sich am 18./19. Januar 2007 in einer 80 km breiten Schneise Richtung Osten und traf dabei vor allem das südliche Westfalen. Die Schäden im Wald waren zum Teil verheerend. Bei der Wiederaufforstung wurde die Balance zwischen Wald und Wild wesentlich durch die mit dem Sturm und die anschließende Behandlung der Flächen ausgelöste Dynamik von Lebensraumstruktur, Energiebilanz in der Fläche und Verteilung von Äsung und Deckung bestimmt.

 

Die Vegetationsentwicklung folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten – mit dem Anlaufen der Vegetation verbessert sich zunächst die Lebensraumsituation für Rehe, sodass deren Dichte zunimmt. Dies erfordert ausreichend hohe Eingriffe in den Bestand und auch eine Bejagung auf für die Waldentwicklung entscheidenden Flächen. Sechs Jahre nach Kyrill, als die „Rehwildförderung“ ihr Maximum erreichte, wurde offensichtlich, dass der Einfluss von Rehen auf die Waldverjüngung so hoch war, dass er die Verjüngung erschwerte. Dies war 2013 Anlass für einen Revierförster, nach einem in Österreich bewährten System Weisergatter zu bauen – die 5 x 5 m großen Kleinzäune dienen ausschließlich der Beurteilung von Baumpflanzen – als „Ad hoc“-Verfahren ist diese Methode aus den Alpen durchaus geeignet. Die Beurteilung der gesamten Vegetation erfordert jedoch die Einrichtung viermal so großer Probeflächen (10 x 10 m).

 

Waldbesitzer der Forstbetriebsgemeinschaft Endorf hatten sich an die örtliche Jagdgenossenschaft gewandt. Gemeinsam mit dem Jagdpächter unterstütze diese grundsätzlich die Erhöhung des Rehwildabschusses. Die KJS Hochsauerland will auf der Grundlage des Projektes Waldbesitzern und Jägern Empfehlungen an die Hand geben, um für Waldbau und Jagd gemeinsame Lösungen zu finden. Die Bezirksgruppe Hochsauerland im Waldbauernverband NRW, die KJS Hochsauerland, der Kreisverband Hochsauerland im Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband und der Hochsauerlandkreis hatten bereits im September 2014 zur Podiumsdiskussion „Jagd und Forstwirtschaft im HSK – Wege zum verständnisvollen Miteinander“ eingeladen. Die Jagdgenossenschaft Endorf informierte im Mai 2016 alle Jagdgenossenschaften der Stadt Sundern über die erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Abschlussbesprechung des Modellprojekts fand Mitte Juni 2017 statt.

 

 

Rahmenbedingungen und Ausgangssituation

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Die Jagdgenossenschaft Endorf informierte im Mai 2016 alle Jagdgenossenschaften der Stadt Sundern über die erfolgreiche Zusammenarbeit.

Die Ausgangssituation für das Revier im Hochsauerlandkreis ist seit 2008 durch die Bejagung von Rehen ohne behördlichen Abschussplan gekennzeichnet. Das Modellprojekt hatte gezeigt, dass dies zwar praktikabel ist, aber ein Nachjustieren im Einzelfall nicht ausschließt. Ohne amtliche Planung zu jagen, bedeutet dabei aber nicht, „planlos“ zu jagen. Gemeinsame Waldbegänge von Jagdgenossen und Jägern und die Vermittlung zwischen Eigentümern und Jägern, wenn es etwa um die Wahl von Ansitzplätzen und die Schaffung von Bejagungsmöglichkeiten geht, sind unverzichtbar.

 

Der Revierteil Hohe Liete (250 ha/bis zu 563 m NN) wird durch Bachtäler begrenzt – typisch für viele Reviere in den Mittelgebirgen von Nordrhein-Westfalen. Geologisch geprägt wird das Gebiet durch Schiefer, Grauwacken und Sandstein. Das Klima ist subatlantischer geprägt als feuchtes Berglandklima (Vegetationszeit: 130 – 150 Tage, Jahresdurchschnittstemperatur: 6,5 – 7,5 °C), potenziell natürliche Vegetation ist der Hainsimsen-Buchenwald. Die ursprüngliche Vegetation der Täler ist durch bachbegleitende Erlenwälder geprägt. Standorte solcher Wälder sind heute zum großen Teil durch verschiedene Grünlandgesellschaften wie Rohrglanzgrasröhrrichte, Feuchtwiesen und Wirtschaftsgrünland gekennzeichnet. Hauptbaumart ist die Fichte mit einem Anteil von 77,5 Prozent, gefolgt von Rotbuche (6,1 Prozent), Nordmanntanne, Douglasie, Traubeneiche, Birke, Bergahorn, Lärche, Hemlocktanne, Küstentanne, Pappel, Esche und Roterle.


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Wald „und“ WIld im Sauerland

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Das Team Endorf bei der Abschlussbesprechung Mitte Juni vor dem Strackenhof (ältestes erhaltenes Steinhaus im kurkölnischen Sauerland). Foto: A. Klug

Charakteristisch für das Revier ist die Weihnachtsbaumnutzung in tieferen Lagen, besonders im Übergang zu den Tälern. Die landwirtschaftliche Nutzung beschränkt sich auf Grünland – überwiegend Mahd an den Unterhängen der Täler. Die Abteilungslinien verlaufen weitgehend hangparallel und umfassen Parzellen mehrerer Waldbesitzer. Die Parzellen gehen jeweils vom Tal, also den Straßen aus und führen auf den Berg hoch, damit sind die Parzellen unterhalb breiter als oben – was die Bewirtschaftung extrem erschwert. Die Besitzverhältnisse erhöhen jedoch die Biotopvielvielfalt, die streifenweise Anlage im Hang ist gut zu erkennen. Im Rahmen des Projektes wurde die Beäsung der Waldbäume auf Transektlinien aufgenommen. Die Verbissprozente verteilten sich 2016 wie folgt:

 

  gesamt davon in %
Nadelbäume 733 131 18
Laubbäume 263 109 41

 

 

Zusätzlich wurden die Körpermaße der Rehe festgehalten (hier nur das Gewicht):

 


Reh-Gewichte in Endorf (kg)

weiblich
Kitze 10
Schmalrehe 11,3
2-3 Jährige 13,8
3-4 Jährige 16,1
4-5 Jährige 16

 

männlich
Kitze 8
Jährlinge 12,3 ± 1,5
2-3 Jährige 15,9 ± 1,5
3-4 Jährige 16,3
4-5 Jährige 16,3

 


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Bei gemeinsamen Begängen wurde u. a. der Verbiss anhand gezäunter Weiserflächen begutachtet.

Körpermaße (besonders das Gewicht) sind gute Indikatoren zur Balance zwischen Wild und Lebensraum. Durch eine kontinuierliche leichte Steigerung der Abschusshöhe und Lebensraumgestaltung werden folgende Gewichte angestrebt:

 

Kitze 10 – 13 kg

Schmalrehe 12 – 14 kg

Ricken 14 – 18 kg

Böcke 15 – 20 kg

 

Beim Konzentrat-Selektierer Reh bieten Gewichte einen wertvollen Weiser zur praktischen Bejagung. Etwas höhere Gewichte gehen mit einer besseren Balance von Wild und Lebensraum einher, was gleichzeitig zu einer geringeren Verbissbelastung führt. Empfehlungen zur Bejagung folgen.

 

Dr. Michael Petrak

Landesamt für Natur,

Umwelt und Verbraucherschutz NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53228 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 07/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 07/2017: Wald und Wild im Sauerland


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