Seite 1

RWJ 06/14: Zur Durchführung von Ansitz-Drückjagden bei Damwild

Tierschutz gilt auch für Hirsche

Hegeschauen ziehen Bilanz des vergangenen Jagdjahres. Die Abschussgliederung sieht beim Damwild einen Anteil reifer Hirsche (ab 10. Kopf) von 15, bei mittelalten (3. bis 9. Kopf) von 20 und bei jungen Hirschen (1. und 2. Kopf) von 45 Prozent vor.

0614 fost damwild 1

Obwohl Damwild in freier Wildbahn in vielen Revieren vorkommt, fehlen fast überall alte, reife Schaufler. Diese Misere ist oft genug selbst verschuldet. Foto: M. Breuer

Der Anteil an Hirschen der Altersklasse wird außer bei ganz wenigen Populationen nicht erreicht – wo es gelingt, sind drei Faktoren ausschlaggebend für den Erfolg: 

  • ausreichende Ruhe im Revier, 
  • ausgewogenes Geschlechterverhältnis 
  • ausreichende, nicht zu engergiereiche Äsung – etwa in großen Wäldern ohne Anschluss an Feldflächen.

 

Der Schlüssel für das Fehlen reifer Hirsche liegt im Brunftverhalten und der damit einhergehenden hohen Stoffwechselbelastung. Charakteristisch für Damwild sind deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den jahresperiodischen Schwankungen der Körpermasse. Während beim Kahlwild und bis zu zweijährigen Hirschen die Jahresperiodik der Körpermasse unmittelbar mit den phänologischen Jahreszeiten und der Vegetation – also dem Nahrungsangebot –korreliert und die Gewichtsabnahme die Anpassung an den Nahrungsengpass im Winter widerspiegelt, wird der Jahresgang bei Hirschen wesentlich durch die Vorbereitung auf die Brunft und die Brunft selbst bestimmt.

 

Die Körpermasse beim weiblichen Wild und bis zu zweijährigen Hirschen steigt bis in den Winter hinein an und sinkt erst als Folge der Äsungsverknappung.

 

Im Unterschied dazu wird der Jahresgang bei der Körpermasse bei Hirschen wesentlich durch die im Zeitablauf photoperiodisch gesteuerte Brunft bestimmt. Die Gewichtsminima, die durch den Brunftbetrieb erreicht werden, liegen in einer Größenordnung, die als Folge der Äsungsverknappung im Laufe des Winters erreicht wird.

 

Für den Fortpflanzungserfolg der Hirsche nimmt die erfolgreiche Behauptung auf dem Brunftplatz gegenüber Konkurrenten eine Schlüsselrolle ein. Nach Ergebnissen einer kontinuierlichen Beobachtung ausgewählter Hirsche rufen Platzhirsche in 24 Stunden zwischen 25 000 und 30 000 Mal!

 

Den Gewichtsminima nach der Brunft entsprechen eine weitgehende Erschöpfung des Hormonsystems bei Hirschen und gravierende Änderungen im Leberstoffwechsel. In der Phase völliger Erschöpfung in den ersten 10 Tagen nach der Brunft wurde wiederholt das „spontane Eingehen“ individuell bekannter Platzhirsche beobachtet.

 

Belegt ist die Zunahme des Leberfettes während der Brunft. Bei Damhirschen unter einem Jahr beträgt die Leberfett- Masse etwa 9 g je kg Frischmasse, bei einbis zweijährigen 31 und bei Hirschen über drei Jahren 215 g (Mittelwerte). Die Altersgrenze bei der Leberverfettung entspricht damit dem oben skizzierten Gewichtsverlauf.

 

Eine Ursache für die Leberverfettung ist die Mobilisierung des Körperfettes. Damhirsche erreichen vor der Brunft ihr Höchstgewicht, je energiereicher die Äsung ist, desto höher fällt dieses aus.

 

Bis zu zweijährige Hirsche teilen sich ihre Aktivität zur Brunftzeit auf – charakteristisch ist die Nahrungsaufnahme tagsüber und das Aufsuchen der Brunftplätze nur in der Nacht. Damit bleibt die Stoffwechselbelastung im Toleranzbereich – bis zu zweijährige Hirsche verlieren während der Brunft auch kein Körpergewicht.

 

Mit Beginn der Brunft stellen ältere Damhirsche die Äsungsaufnahme dagegen völlig ein. Rothirsche äsen zumindest geringe Mengen und schöpfen auch.

 

Damhirsche nehmen nur noch etwas Wasser auf. Der Energiehaushalt wird deshalb aus körpereigenen Reserven aufrechterhalten. Mit der Fettmobilisierung steigt der Fettgehalt der Leber mit Beginn der Brunft stark an. Eine nur auf die Brunft beschränkte Leberverfettung ist physiologisch normal. Ein Leberschaden ist damit nicht verbunden.

 

Die Symptome bilden sich auch wieder zurück – entscheidend ist die Belastungsdauer: Bei einem ausreichenden Anteil älterer Hirsche und ausgewogenem Geschlechterverhältnis konzentriert sich die Höchstbelastung auf rund eine Woche. Bei Mangel an reifen Hirschen und zahlreichen Störungen erhöht sich die Belastungsphase auf mehrere Wochen. Ein zugunsten des weiblichen Wildes verschobenes Geschlechterverhältnis erhöht die Belastung für die verbliebenen Hirsche.

 

Ein gestörter Altersklassenaufbau bei Hirschen stellt zudem eine rechtzeitige Ablösung der Platzhirsche vor ihrer völligen physiologischen Erschöpfung durch annähernd gleich starke Konkurrenten infrage – und führt damit im Sinne einer positiven Rückkopplung zu einem weiteren Mangel an starken Hirschen.

 

Starke Abmagerung und Schwächezustände nach der Brunft sind Zeichen der enormen Stoffwechselbelastung, von denen sich Hirsche nur allmählich wieder erholen.

 

Unabhängig davon erhöhen starke touristische Störungen, die zum „Ausfall“ von Brunftplätzen und Umherwandern führen, die Belastung für Hirsche so stark, dass diese sie nicht überstehen.

Seite 2

Hirschtod schon jetzt verhindern

0614 fost damwild 2

Während der Brunft rufen (besser rülpsen.) die Schaufler bis zu 30000 Mal am Tag - kein Wunder, dass etliche danach an Erschöpfung verenden.

Diese Gesichtspunkte gilt es bereits bei den Hegeschauen im Frühjahr/-sommer zur Planung der kommenden Jagdzeit zu berücksichtigen. Die Ruhephase nach der Brunft ist für die Erholung zwingend erforderlich – das müssen Tourismus und Jagd beachten.

 

Entscheidend ist, dass in diese Phase keine Ansitz-Drückjagden platzen!

 

In den Hinweisen zu Hege und Bejagung des Damwildes in Nordrhein-Westfalen ist ausdrücklich festgehalten, dass die Zeit nach der Brunft von Ende November bis Weihnachten zur Abschusserfüllung genutzt wird. Zu früh terminierte Ansitz-Drückjagden sind aus Tierschutzgründen äußerst problematisch.

 

Es gilt, die Erholungsphase der Hirsche nach der Brunft abzuwarten und sich an den Hinweisen zur Hege und Bejagung des Damwildes zu orientieren.

 

Dr. Michael Petrak Landesbetrieb Wald und Holz NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn, Tel. 02 28/97 75 50, E-Mail: michael.petrak@wald-und-holz.nrw.de

 

Literatur:

FISCHER, K., 1985: Jahresperiodische Schwankungen physiologischer Parameter beim Damhirsch – Transactions of the 17. IUGB Congress, Brüssel, 183 – 190

FISCHER, K., SCHNARE, H., 1986: Einflüsse experimenteller Veränderungen im Jahresgang der Photoperiode auf morphogenetische u. physiologische Prozesse beim Damhirsch/I. Der Geweihzyklus mit stoffwechselphysiologischen Grundlagen. Z. Jagdwiss. 32, 1 – 13

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung (Hrsg.), 2009: Hinweise zur Hege und Bejagung des Damwildes in NRW, 3. Auflage

Johannsen, U., Menger, S., Schäfer, M., Stubbe, W., Stubbe, I., 1993: Morphologische u. biochemische Untersuchungen zum Fettlebersyndrom des Damhirsches (Beiträge zur Jagd- & Wildforschung 18, 15 – 20)

Schäfer, M., Stubbe, W., Stubbe, I., Mehlitz, S., Malig, D., 1990: Vergleichende Untersuchungen zum Fettlebersyndrom beim Damwild (Beiträge zur Jagd- & Wildforschung 17, 278 - 282)


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 06/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_0614_Forschungsstelle


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.