Seite 1

RWJ 05/2017: Wegfall des Rehwild-Abschussplans

Mehr Freiheit für die Jagd – Eigenverantwortung stärken

Mit dem neuen NRW-Jagdgesetz wurde der Abschussplan für Rehe abgeschafft. Diese Entscheidung öffnet Handlungsspielräume und stärkt die Eigenverantwortlichkeit der Jäger und Grundeigentümer vor Ort.

rehe pieper id38141

Fünf Kreise in NRW haben jahrelang positive Erfahrungen bei der Rehjagd ohne Abschussplan gemacht.

Wichtig ist, dass Jäger die nachhaltige Bejagung des Rehwildes nachvollziehbar dokumentieren und sich in der Jagdpraxis an der Biologie der Rehe und ihren Lebensraumverhältnissen orientieren. Eine nachvollziehbare Bejagung ist auch Grundlage für die langfristige Akzeptanz der Jagd in der Gesellschaft. Im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojektes wurde seinerzeit in ausgewählten Kreisen untersucht, welche Auswirkungen eine Bejagung ohne wörtlichen Abschussplan auf den Rehbestand, seinen Lebensraum und die Jagdpraxis hat. Das zentrale Ziel des Projektes war die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Jäger und Grundeigentümer (Eigenjagdbesitzer/Jagdgenossenschaften). Wissenschaftlich gesichertes Vorgehen, Akzeptanz und Transparenz standen dabei von Anfang an im Vordergrund.

Pilotprojekt im Rhein-Sieg-Kreis

rehwildstrecken tabelle

Die Lebensraumverteilung im Rhein- Sieg-Kreis ist durchaus repräsentativ für Deutschland – dort liegen Wald-, Offenland- und Siedlungsanteile im Durchschnitt, sodass die Auswertung für diesen Kreis stellvertretend für die Gesamtsituation steht. Die dortigen Jäger dokumentierten die nachhaltige Rehwildbejagung nachvollziehbar und orientieren sich an dessen Biologie und seinen Lebensraumverhältnissen.

 

Methodische Grundlagen wurden im Merkblatt zum Pilotprojekt „Rehwildbejagung ohne behördlichen Abschussplan“ des NRW-Umweltministeriums, der Oberen Jagdbehörde, des Landesjagdverbandes und der Forschungsstelle zusammengestellt. Die Anleitung zur Auswertung vor Ort wurde veröffentlicht. Die zentrale Datenverrechnung in der Forschungsstelle nahm Diplom-Biologin Claudia Stommel vor. Im Rahmen der Erstauswertung standen Geschlechterverhältnis, Altersklassenverteilung, das Verhältnis weibliche Rehe zu Kitzen und Böcken, Fallwildverluste, die Berücksichtigung der Rahmenbedingungen anderer Wildarten und der Lebensraum im Vordergrund.

 

Für das Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft übernahm die Auswertung der Altersstruktur der Landesbetrieb „Wald und Holz“. Die Erstauswertung führte die Untere Jagdbehörde mit dem Kreisjagdberater und dem Stv. KJS-Vorsitzenden durch. Forstliche Stellungnahmen sahen keine Notwendigkeit zur Abschusserhöhung wegen zu hoher Verbissbelastung vor:

 

  •  Die Naturschutzgebiete lassen eine ausreichende Bejagung zu. 
  • Im Umfeld der Siedlungsbereiche wirkt sich intensive Freizeitnutzung negativ aus, besonders unkontrolliertes Laufenlassen von Hunden – sie reißen im NSG Siebengebirge jährlich mehr Rehe als im gesamten Nationalpark Eifel!

Der Rhein-Sieg-Kreis hat eine Gesamtfläche von 1 083 km² (31 % Wald, 19 % Grünland, 26 % Ackerbau sowie 24 % Siedlungen und Verkehr). Zum Kreis zählen 18 Hegeringe. Der Auswertung liegt eine Gesamtstrecke von 2 616 Rehen zugrunde.


Seite 2

Altersverteilung und Geschlechterverhältnis

Die Altersverteilung bei weiblichen und männlichen Rehen ist ähnlich. In allen Hegeringen werden weibliche Rehe vier Jahre und älter, in der Hälfte davon allerdings kein Bock älter als sechs …

Insgesamt entspricht die Altersverteilung der Böcke dem Gesetz der bestandsproportionalen Sterblichkeit. Allerdings fällt auf, dass der Anteil dreijähriger Böcke diesen Wert deutlich überschreitet – möglicherweise durch den höheren Jagddruck, reife und starke Böcke zu erlegen. Das Geschlechterverhältnis im Rhein-Sieg-Kreis beträgt nahezu 1 : 1, was für eine an der Realität orientierte Bejagungspraxis spricht und auch das in örtlichen Hegeschauen deutlich werdende Interesse am Rehwild widerspiegelt. Geht man von einem mittleren Zuwachs von 100 % bei weiblichen Rehen und 1,5 Kitzen pro Ricke aus, ist in der Strecke von einem Verhältnis von weiblichen Rehen und Kitzen zu Böcken von 1 : 1 : 1 auszugehen (Drittelregelung).

Dieses Kitzdrittel erreichen gerade einmal sechs Hegeringe – in den übrigen lag der Kitzanteil deutlich darunter, wie auch im Rhein-Sieg-Kreis insgesamt. Am geringsten ist er in Troisdorf (18 %) – mögliche Ursachen dort sind das Zusammentreffen von Ballungsraum, Fuchspopulation und Sauenbestand.


Gesamtbewertung und Ausblick

Im Rhein-Sieg-Kreis gelang eine optimale dezentrale Erfassung der Primärdaten auf Hegering-Ebene. Hinsichtlich der Siedlungs- und Nutzungsstrukturen entspricht er dem bundesdeutschen Durchschnitt. Dank des Engagements von Jägern, Unterer Jagdbehörde und Kreisjagdberater sind die Daten in sich schlüssig. Die Praxis im Rahmen des Versuchs knüpfte an die bewährte Erfahrung vor Ort an und spiegelte auch die positive Erfahrung in der eigenverantwortlichen Wahrnehmung der Aufgaben wider. Der Versuch belegt anschaulich, dass ein Abschussplan für Rehe verzichtbar ist und weder zur erhöhten Belastung für die Waldvegetation noch zu Problemen für das Rehwild und die Jagd führt.

 


Ausblick

Obwohl das Reh die älteste heimische Hirschart ist, muss man sein Zusammenleben mit dem Menschen gemessen an evolutionsbiologischen Zeiträumen als ausgesprochen kurz bewerten. Der Interessenausgleich zwischen Land- und Forstwirtschaft sowie Jagd erfordert gemeinsame Bemühungen aller Betroffenen und Beteiligten. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es zwingend notwendig, dass übereinstimmend festgestellte Sachverhalte auch zur Grundlage des Handelns werden. Für die Praxis im Revier bedeutet dies unabdingbar, auch die Lebensraumgestaltung im Blick zu behalten. Ausreichende Bejagung ist erforderlich, entscheidend dabei ist jedoch,

 

  • dass sie nicht zulasten des Ruhebedürfnisses geht
  • besonders im Winter die evolutionsbiologisch über Millionen von Jahre gewachsene Stoffwechselsteuerung, die das Überwintern mit Energieeinsparung und Ruhe verknüpft, nicht unterläuft.

 

Die Jagdzeit sollte daher spätestens Ende Dezember enden – dass es dabei ganz offensichtlich noch Lernbedarf gibt, zeigen Anträge auf Verlängerung der Rehwild-Jagdzeit bis Ende Januar selbst aus Revieren, in denen bis Mitte Dezember nur Böcke erlegt wurden …

 

Dr. Michael Petrak

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53228 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 05/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 05/2017:_Forschungsstelle_Mai


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.