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RWJ 02/2016: Konsequenzen aus starker Rotwildzunahme ziehen

Kahlwild mit Verstand bejagen

Seit Kyrill nehmen Strecke und Bestand beim Rotwild kontinuierlich zu – 2013/14 mit 5 373 zum dritten Mal über 5 000 und zum siebten Mal über 4 000 Stück – dem Wert, der vor Kyrill das absolute Maximum markierte.

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Dass die Rotwild-Bestände in NRW auf Rekordniveau wachsen, liegt eindeutig an Fehlern bei der Kahlwildbejagung. Foto: M. Breuer

Aus der Streckenentwicklung lässt sich ein jährlicher Zuwachs von Bestand und Strecke von 4,5 Prozent berechnen. Mit dem Inkrafttreten des Ökologischen Jagdgesetzes am 27. Mai 2015 ist die Verantwortung der Jagdausübungsberechtigten und der Hegegemeinschaften gestiegen. In § 22 (2) ist festgehalten:

 

„Abweichend von Abs. 1 können Hegegemeinschaften für mehrere Jagdbezirke in ihrem Bereich oder Teilbereichen einen Gesamtabschussplan aufstellen und bei der unteren Jagdbehörde einreichen.“

 

In § 22 (3) heißt es:

„Im Einzelfall kann die untere Jagdbehörde auf Antrag einer Hegegemeinschaft einen Periodenabschussplan bestätigen oder festsetzen.“

 

Wildbestände entwickeln sich nach den Gesetzmäßigkeiten der Exponentialrechnung. Jagd bedeutet immer einen Eingriff in die Sozialstruktur und in ein Bestandsgefüge. Zur Steuerung der Struktur eines Wildbestandes ist die richtige Gliederung der Strecke ganz entscheidend. Selbstverständlich gilt der Tierschutz – danach sind Kälber immer vor den dazu gehörigen Alttieren zu erlegen. In der Praxis heißt dies, dass eine gute Kahlwildbejagung ohne qualifizierte Einzeljagd in der Regel nicht auskommt. Ansitzdrück- und Gemeinschaftsjagden sind aus Tierschutzgründen von Natur aus Kälberjagden! Wildbiologische Grundlagen wurden bereits in den früheren Ausgaben der „Hinweise zur Hege und Bejagung des Rotwildes in NRW“ ausführlich erläutert.

 

Warum der Bestand anwächst

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Wenn die Zuordnung von Tier und dazugehörigem Kalb nicht ohne jeden Zweifel möglich ist (bei Drückjagden die Regel !), dürfen ausschließlich Kälber erlegt werden. Während Leittiere (hier r.) an der Spitze ziehen oder flüchten, bleibt das zugehörige Kalb meist im Verband. Foto: M. Petrak

Hege und Bejagung des Rotwildes richten sich nach einem Jahresrhythmus. Charakteristisch für Rotwild sind nach Geschlechtern getrennte Rudel, die aber grundsätzlich während des ganzen Jahres gegeneinander offen sind. Im Unterschied zu Hirschrudeln zeichnen sich Kahlwildrudel durch Untergliederung in Mutterfamilien aus Alttier, Kalb und einjährigem Vorjahreskalb, eine deutlichere Führungsrolle des Leittieres und eine größere Stabilität des Verbandes aus. Beide Rudel unterliegen charakteristischen jahreszeitlichen Zyklen.

 

Die Dynamik der Junggesellenverbände wird wesentlich durch die Auflösung vor der Brunft und eine vorübergehende Isolierung der Hirsche nach dem Geweihabwurf bestimmt. Die Periodik der Kahlwildrudel wird v. a. durch die vorübergehende Auflösung zur Setzzeit bestimmt. Sobald die Kälber nach Beendigung der Abliegephase ihren Müttern folgen können, schließen sich diese wieder zu Rudeln zusammen. Vor der Brunft verlassen die ältesten Hirsche zuerst die Junggesellenverbände und ziehen als Platzhirsche zu den Familienverbänden.

 

Hege und Bejagung des Rotwildes verfolgen wesentlich drei Ziele:

 

1. eine angemessene Höhe des Wildbestandes in Beziehung zur Qualität des Lebensraumes und eine angemessene Verteilung im Lebensraum

2. eine artgemäße Bestandsstruktur

3. die Sicherung des Wohlbefindens unter Berücksichtigung arteigener Verhaltensansprüche

 

Unter „angemessener Wilddichte“ bzw. „angemessenem Wildbestand“ versteht man nicht die Zahl des Wildes bezogen auf eine Fläche (etwa X Stücke/je 100 ha), sondern den wildbiologisch und waldbaulich möglichen Bestand in einem bestimmten Lebensraum. Dieser wird charakterisiert durch das Äsungsangebot und die Möglichkeit, sich artspezifisch entfalten zu können. Der Zuwachs entspricht etwa 70 bis 80 Prozent des im Frühjahr vorhandenen weiblichen Wildes. Dieser verteilt sich normalerweise zu etwa 50 Prozent auf Wild- und Hirschkälber.

 

Dass das Geschlechterverhältnis der Strecke in Deutschland vom Verhältnis 1:1 erheblich stärker abweicht als etwa in Belgien (wo es nahezu 1:1 beträgt), liegt weniger an der unterschiedlichen Biologie des Rotwildes als an der unterschiedlichen Verbindlichkeit der Streckenregistrierung. Dieses Phänomen zeigt jedoch, dass Hegegemeinschaften gut beraten sind, den körperlichen Nachweis zur Streckenerfassung von vornherein vorzusehen. Eine präzise Streckenerfassung und ein Auslösen der Unterkiefer als Grundlage zur Altersbestimmung sind unverzichtbare Elemente.


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Geschlechterverhältnis und Altersaufbau

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Aus der Tabelle ist einfach zu erkennen, dass die Freigabe eines Hirsches der Klasse I unter normalen Umständen an die Erlegung von 20 Stück Rotwild insgesamt gekoppelt ist. Bei sozial desorganisierten Beständen ist sogar ein höherer Gesamtabschuss erforderlich. Die Quote der Hirsche Klasse III darf nicht höher als die Alttierquote sein.

Ein Geschlechterverhältnis von 1 : 1 ist anzustreben, denn dies ist ja quasi von der Natur vorgegeben. Verschiebungen durch den Menschen wirken sich erheblich aus, wie das Beispiel zu viel erlegter Hirsche (häufig verbunden mit zu geringer Alttierquote) zeigt. Starke Eingriffe bei männlichem Wild („Wildbreterzeugungstyp“) bewirken

 

  • hohe absolute Nachwuchszahlen (Folge hoher jährlicher Abschuss)
  • alte Hirsche werden seltener, dadurch bleiben Hirsche länger bei den Brunftrudeln (mehrfacher Eisprung)
  • übergroßer Brunftdruck
  • viele spät beschlagene Alttiere (damit spät gesetzte Kälber)
  • verlängerte Setzzeit
  • Hirsche gehen schlecht konditioniert in den Winter

Wird zudem die Alttierquote nicht erreicht, sind steigende Strecken und Bestände vorprogrammiert. Dass dies tatsächlich ein Problem ist, zeigt sich darin, dass landesweit 2013/14 die Alttierquote nur 35 Prozent betrug. Die Tatsache, dass die Alttierquote speziell beim Rotwild sehr schwer zu erfüllen ist, war auch der Grund dafür, dass in den „Hinweisen zur Hege und Bejagung des Rotwildes“ in NRW von Anfang an als Zielquote immer die Zahl von 45 Prozent genannt wird, damit die Struktur (wenn man gut 40 Prozent erreicht) insgesamt stimmt. Ein Gruppenabschuss und auch ein mehrjähriger Abschuss erhöhen die Verantwortung der Akteure vor Ort. Fehlsteuerungen führen dagegen unweigerlich dazu, dass Bestände trotz steigenden Abschusses zunehmen.


Wer genug Kahlwild erlegt, bekommt mehr Hirsche frei

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Gut durchgeführte Ansitzdrückjagden reduzieren über relativ hohe Strecken an wenigen Jagdtagen den Jagddruck. Die Freigabe junger Hirsche ist durchaus möglich, der Schwerpunkt liegt beim Jungwild. Zum Erreichen der Alttier-Quote ist eine Ergänzung durch die Einzeljagd notwendig. Foto: M. Petrak

Ausgezeichnet bewährt hat sich in Hegegemeinschaften eine Bindung des Kahlwild- an den Hirschabschuss. Aus praktischen Gründen empfiehlt es sich, beide Geschlechter stets nach biologisch sinnvoll feststehenden Quoten freizugeben. Bei knappen Grenzwerten kann dann die Abschusserfüllung im Vorjahr als Bonus oder Malus eingeführt werden. So belegen Erfahrungen im Hochwildring „Hohes Venn“ aus den letzten Jahrzehnten sehr anschaulich, dass dies funktioniert. Wenn sich alle darüber im Klaren sind, ist sichergestellt, dass der erforderliche Konsens rasch erreicht wird.

 

Eine besondere Verantwortung kommt den unteren Jagdbehörden zu – sie dürfen nur Abschussplänen zustimmen, die fachlich in Ordnung sind. In den „Dienstlichen Mitteilungen der Obersten Jagdbehörden“ vom 18. Dezember 2015 finden sich dazu einschlägige Hinweise: So sollen bei der Festsetzung der Abschusspläne die Vorschläge der Rotwildsachverständigen berücksichtigt werden. Bei der Genehmigung von Gesamtabschussplänen gem. § 22 Abs. 2 LJG-NRW und Periodenabschussplänen gem. §22 Abs.3 LJG-NRW berechnen Rotwildsachverständige die geplante Abschusshöhe in Abstimmung mit der FJW, wo die Daten hinsichtlich der Zielerreichung überprüft werden.

 

Dies ist v. a. wichtig, weil bereits leichte Fehleinschätzungen gravierende Auswirkungen haben: Wird ein Wildbestand so bejagt, dass er jedes Jahr um „nur 10 Prozent“ wächst oder sinkt, führt dies schon nach sieben Jahren zur Verdoppelung oder Halbierung!

 

Ähnlich wirken sich Verschiebungen in der Zuwachsdynamik aus, wenn man etwa die Alttierquote permanent unterschreitet. Je nach Erfahrungshintergrund ist es sinnvoll, dass sich die Hirschfreigabe auf dasselbe Jahr bezieht bzw. in funktionierenden Hegegemeinschaften auch an die Kahlwilderfüllung im Vorjahr gekoppelt wird. Dies bietet v. a. Vorteile für Reviere, die Hirsche in der Feistzeit bejagen. Bewährt hat sich bei Hirschen eine Orientierung am Maximum, d. h. die Festlegung der maximal zu erlegenden Hirsche, bei Kahlwild dagegen an einem Minimum. Anhand der Tabelle (s. o.) lassen sich einzelne Anteile leicht ausrechnen. Die am Beispiel des Rotwildes erläuterten Grundlagen gelten auch für andere Schalenwildarten, für zwei Gesamtabschüsse sind die Zahlen beispielhaft angegeben.

 

Dr. Michael Petrak

 

LANUV NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn,
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 02/2016 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_02/16_Forschungsstelle


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