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RWJ 08/2017: Hege und Rehwildbejagung nach Kyrill

Empfehlungen für die Jagd

Im Juli-RWJ gings um Grundlagen eines Wald-Wild-Modellprojektes im Hochsauerland 10 Jahre nach Kyrill. Hier folgen Empfehlungen zur Rehwildbejagung und Lebensraumgestaltung.

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Macht man sich die natürlichen Aktivitätsrhythmen der Rehe zunutze, verringert man so effektiv seinen Aufwand, Beute zu machen – und entlastet gleich­zeitig die Wildbestände von Stressfaktoren. Foto: K. - H. Volkmar

Nachhaltigkeit im ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinn ist für Forstbetriebsgemeinschaft, Jagdgenossen und Jäger in Endorf das gemeinsame Ziel. Dies bedeutet, dass Wildbestand, Hege und Jagd sich im Rahmen der Lebensraumkapazität bewegen, gravierende Wildschäden vermieden werden und die Beteiligten konstruktiv zusammenarbeiten. Die Flächenvielfalt eines Realteilungsgebietes kommt der Anpassung des Rehwildes an Grenzlinienstrukturen entgegen. Das alleinige Setzen auf eine Absenkung des Wildbestandes in sehr unterschiedlich strukturierten Lebensräumen mit verschiedenen Nutzungsinteressen ist nicht immer die Patentlösung.

 

Wann jagt man effizient ?

 

Maßgebliches Merkmal effizienter Wildbewirtschaftung ist die Orientierung am natürlichen Aktivitätsrhythmus der Art. Durch die gesteigerte Beobachtbarkeit während der Aktivitätsphasen erhöht man seine Erlegungschancen und erhält den größtmöglichen Überblick zum vorhandenen Bestand.

 

Wo jagt man effizient ?

 

Der örtliche Revierförster identifiziert verjüngungsnotwendige Bestände/Flächen und ist damit Schlüsselfigur zur Koordination der räumlichen und zeitlichen Steuerung jagdlicher Bemühungen. Denn neben einer ausreichenden Abschusshöhe ist auch das Jagen an den richtigen Standorten entscheidend – man muss dort löschen, wo’s brennt – nicht, wo es Wasser gibt. Das bedeutet hoher Jagddruck auf verbissgefährdeten und schadsensiblen Flächen wie Pflanzungen – und Jagdruhebereiche, wo es waldbaulich unproblematisch ist. Für die Wechselbeziehungen zwischen Reh und Vegetation ist weniger die absolute Höhe des Bestandes, als die Verteilung in der Fläche entscheidend.

 

Wie viel jagt man effizient?

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Als Zielgröße wird in Endorf bei der aktuellen Verjüngungssituation ein Abschuss von etwa 10 Rehen je 100 ha empfohlen. Wesentlich ist eine relative Erhöhung des weiblichen Abschusses. Die Abstimmung der jährlichen Abschusszahlen zwischen Verpächter (Jagdgenossenschaft, Eigentümer) und Pächter (Jagdausübungsberechtigter) ist notwendig. Die jagdliche Absenkung des Bestandes vor der äsungsarmen Zeit wirkt sich auf verbleibende Tiere positiv aus – es gibt weniger Konkurrenz um das schwindende Nahrungsangebot. Indikator für die Rehdichte sind Körpergewichte. Auch der forstlich besonders schädliche Winterverbiss lässt sich dadurch merklich reduzieren. Zur Steigerung des Jagderfolges sind folgende Empfehlungen hilfreich:

 

  • Aktivitätsphasen der Rehe beachten
  • kein Daueransitz auf demselben Hochsitz oder ständiges Pirschen (Wild wird heimlich oder wandert ab)
  • Kombination von Einzel- und Ansitzdrückjagd, um die nötige Streckenhöhe zu erreichen
  • Haupteinstandsgebiete im Jahreslauf beachten
  • zu Beginn der Jagdzeit äsungsreiche Flächen (Kulturen, Waldränder) bejagen
  • zur Blattzeit Jagd im Feld, auf Kulturen und in Althölzern, wo Böcke gerne treiben
  • zum Winter verlagern Rehe Einstände von Freiflächen in dichtere Bestände, v. a. mit Brom-/Himbeeren
  • Bejagung auf verbissgefährdeten Flächen in der gesamten Jagdzeit

 

Erforderlich ist in jedem Fall auch eine intensive Sauenbejagung, angesichts der Zuwachsdynamik lassen sich dabei keine Kennwerte angeben. Zu hohe Bestände, die Waldmasten nahezu vollständig aufnehmen, können zum kompletten Ausbleiben von Naturverjüngung führen.


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Empfehlungen für die Jagd

Lebensraumgestaltung

Lebensraumgestaltung Mit dem Dickungsschluss auf Kyrillflächen nimmt die zuvor erhöhte Äsungsvielfalt ab – die Bedeutung der Flächen als Deckungseinstände und Witterungsschutz dagegen zu. Eine Erhöhung des Äsungsangebots für Rehe entlastet Zielbaumarten wie Fichte, Buche, Bergahorn oder Tanne vom Verbiss, Äsungsflächen machen Rehe wieder sichtbarer und sind bei strikt eingehaltener Intervalljagd eine wichtige Bejagungshilfe. Bei der Verbesserung von Äsungsverhältnissen im Wald lassen sich zwei Maßnahmenkomplexe unterscheiden:

 

  • Verbesserung der Äsungsverhältnisse durch allgemeine forstbetriebliche (waldbauliche) Maßnahmen
  • Anlage/Unterhalt von Äsungsflächen im Rahmen des Jagdbetriebes
  • weite Pflanzverbände, die die Bodenflora begünstigen und die äsungsarme Dickungsphase verkürzen
  • bei der Anlage von Neukulturen sind ausreichend breite Randstreifen einzuplanen, durch frühzeitige Ausbildung gestufter Waldinnenränder erhöht sich die künftige Bestandessicherheit
  • beim Freischneiden genügt es, lediglich die Kulturpflanzen freizustellen, Flächenschnitte entziehen dem Wild wertvolle Äsung
  • Zäunung wird auf ein unverzichtbares Minimum beschränkt
  • Laubholzeinschlag im Winter liefert durch das verbleibende Kronenreisig wertvolle Knospenäsung
  • naturnahe Waldrandgestaltung kommt den Bedürfnissen von Rehen nach Grenzlinien entgegen und minimiert die Verbissbelastung im Waldinnern
  • Anlage mehrerer kleiner (0,2 bis 0,3 ha) über das Revier verteilter Äsungsflächen (etwa ein bis zwei Prozent der Holzbodenfläche). In enger Abstimmung mit dem Revierförster bieten sich dafür bei entsprechender Süd-Nord-Richtung auch nur periodisch genutzte Holzlagerplätze und Rückewege an
  • Mulchen der Forstweg-Bankette im Spätsommer (zweite Wegseite im Abstand von 2 – 3 Wochen)
  • Pflege von Flächen, die nicht der Holzerzeugung dienen (Leitungs-Trassen, Feuerschutzstreifen, Graswege, Böschungen) als zusätzliche Äsung

 

Zur Anlage von Wildwiesen für Rehe lohnt sich eine Bodenuntersuchung zu Beginn und anschließend in mehrjährigen Abständen – artenreiche, für rehgeeignete Mischungen erfordern pH-Werte von 5 – 6. Wo naturschutzfachliche Gesichtspunkte nicht entgegenstehen, sollten saure Böden vor der Anlage auf pHWerte von 4 bis 5 aufgekalkt werden. Generell erfolgt die Düngung solcher Flächen nach Bedarf – einmal kohlensaurer Kalk im Abstand von 3 bis 5 Jahren mit rund 30 dT/ha (= 30 kg je 100 m²). In den Zwischenjahren folgt eine Kompensationsdüngung mit biologisch-basischen PK-Düngern wie Thomas-Kali, Hyperphos- Kali oder Urgesteinsmehl (2 dT/ha = 2 kg je 100 m²). Die Düngung erfolgt im Frühjahr – ohne Stickstoff, da so Kräuter und Leguminosen wie Kleearten zurückgedrängt würden. Bei eigens angelegten Kleinäsungsflächen sind Düngemenge und Einsaatmenge so gering, dass im Einzelfall auch das Ausbringen von Hand möglich ist.

 

Eine gute Mischung für Rehe enthält etwa folgende Arten: Deutsches Weidelgras (geringe Menge zum Start !), Gelbklee, Hornschotenklee, Luzerne, Rotklee, Rotschwingel, Weißklee, Wiesenlieschgras, Wiesenrispe, Wildkräutergemenge und Winterwicken – bei einer Aussaatmenge von rund 40 kg/ha. Zur Neuanlage von Flächen empfiehlt es sich, im ersten Jahr nach der Aussaat hoch abzumähen, sodass eingesäte Arten nicht durch bereits im Boden befindliche verdrängt werden. Absolut kontraproduktiv ist die Anlage von Schwarzwildkirrungen auf Äsungsflächen, da man so Schäden an der Grasnarbe vorprogrammiert.

 


Monitoring und Abstimmung vor Ort

 

Im Modellprojekt Endorf zeigte sich erneut, dass die Anlage und Aufnahme gezäunter und ungezäunter Weiserflächen zur lösungsorientierten und konstruktiven Diskussion zwischen den Interessenseignern hilfreich sein kann. Ein Monitoring ist zur Dokumentation und im Sinne eines Controllings dauerhaft notwendig und kann um Aufnahmen zur Verbissbelastung erweitert werden. Wegen der Vielzahl von Jagdgenossen kommt der koordinierenden Aufgabe des Revierförsters eine Schlüsselrolle zu – wichtige Aufgaben sind die Dokumentation der Vegetationsentwicklung (bes. die Aufnahme von Weiserflächen), die Kommunikation von Schwerpunktbejagungsflächen mit entsprechenden Ansitzmöglichkeiten und die Koordination jagdlicher Aktivitäten insgesamt. Sehr gute Erfahrungen machten die Endorfer mit jährlichen, gemeinsamen Begehungen. Die Feinabstimmung am Objekt ist wichtiger, weil meistens zielführender, als eine Grundsatzdiskussion ohne Umsetzung.

 

Dr. Michael Petrak,

Martin Müller Landesamt für Natur,

Umwelt und Verbraucherschutz NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53228 Bonn,

E-Mail: martin.mueller@lanuv.nrw.de


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