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RWJ 06/2017: Zur Sauen-Bejagung

Einfach rechnen – und intensiv bejagen!

Grundsätzlich gilt für Wildbestände, dass die Entnahme nicht nur hoch genug sein muss, sondern eine effektive Bejagung den Gesetzmäßigkeiten der bestands proportionalen Sterblichkeit folgen muss. Dazu müssen Alters- und Sozial klassen entsprechend ihrem Anteil an einer Population auch in der Strecke vertreten sein.

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Bei gemischten Rotten sollten Schüsse auf mittelgroße Stücke wie die im Hintergrund unbedingt unterbleiben. Foto: R. Bernhardt

Ihre hohe Zuwachsrate von rund 300 Prozent, eine ausgezeichnete Jungenfürsorge und eine hohe Intelligenz und Lernfähigkeit begünstigen die Zunahme der Schwarzwildbestände genauso wie die Erschließung neuer Lebensräume. Sauen zählen damit zu den eindeutigen Gewinnern im Klimawandel. Warum der Anteil der Frischlinge an der Strecke so hoch sein muss, wenn man die unbedingt nötige Reduzierung erreichen will, kann jeder am folgenden Beispiel leicht nachrechnen:

 

 

Ein einfaches Rechenbeispiel

Zu einem Grundbestand von vier Sauen kommen bei einem Zuwachs von 300 Prozent 12 Frischlinge, sodass der insgesamt in die Jagdzeit gehende Bestand damit 16 Stück beträgt. Damit dieser nicht weiter anwächst, müssen davon wiederum 12 erlegt werden. Frischlinge haben am Bestand einen Anteil von 75, gerundet 80 Prozent. Dies bedeutet, dass bei einer Strecke von 12 Sauen 9,6 (gerundet 10) auf Frischlinge entfallen müssen und nur ganze zwei auf ältere Sauen (Überläufer/grobe Sauen) entfallen dürfen. Um das Beispiel einfach zu halten, wird auf eine weitere Differenzierung verzichtet. Aus dieser Einsicht folgen zwei wesentliche Einsichten: Wenn man bei einer derart hohen Bestandsdynamik genauso viele Frischlinge wie ältere Sauen erlegt (vier ältere Sauen/ vier Frischlinge), wächst bei einem bejagbaren Bestand von 16 im nächsten Jahr der Grundbestand von vier auf acht Sauen – verdoppelt sich also ! In der Praxis wird es in größeren Beständen nie gelingen (auch nicht beabsichtigt), jede erwachsene Sau zu erlegen.

 

Daraus folgt ganz eindeutig, dass Strecken, bei denen die Frischlingsquote deutlich zu gering ist und man Frischlinge und Überläufer/ältere Sauen etwa zu gleichen Anteilen erlegt, ein Indiz dafür sind, dass falsche Bejagung zum Motor für den Bestandsanstieg wird!

 

Die Schonzeit für Überläufer und ältere Sauen in Nordrhein-Westfalen hat einen Tierschutzaspekt – zur Zeit der Hauptaufzucht mit hoher Bodendeckung, in der Frischlinge kaum zu sehen sind, soll damit das Risiko der Erlegung führender Stücke minimiert werden. Zusätzlich soll unter populationsdynamischen Gesichtspunkten angesichts der mittlerweile nahezu überall ganzjährigen Wurfzeit der Druck auf die Frischlinge erhöht werden.


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EInfach rechnen – und intensiv bejagen!

Trichinengebühr für Frischlinge endlich abschaffen!

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10 Monate alter Frischling (l.) im Vergleich zu einem 10-jährigen Keiler (r.) – der Unterschied zwischen Milch- und Dauerzähnen lässt sich bei den Schneidezähnen am erlegten Stück leicht feststellen. Bei alten Stücken führen Abnutzung und Abbrechen kleiner Zahnstücke (das Gebrech wird sehr robust eingesetzt) zu ungleichen Zahnlängen. Überläufer haben zugleich Milch- und Dauerzähne. Foto: M. Petrak

Dies könnte noch erfolgreicher sein, wenn die Landkreise bei erlegten Frischlingen auf die Erhebung einer Trichinengebühr verzichten würden. In diese Richtung weisen auch die Empfehlungen der Bundesregierung. Jagdzeiten in den Bundesländern legen nicht nur biologische Grundlagen zugrunde, sondern stets auch Aspekte wie Jagd als Nutzung, Tierschutz sowie regionale Gepflogen- und Gewohnheiten.

 

Die Gebühr für die Trichinenschau ist psychologisch für die Strecke wichtiger als vielen bewusst ist. Im Vergleich zum Wert eines kleinen Frischlings ist die Trichinengebühr ausgesprochen hoch – je nach Gebühr und Gewichtsklasse zahlt man dabei schnell drauf. Vor diesem Hintergrund wäre der Erlass der Trichinengebühr für Frischlinge oder zumindest eine deutliche Reduzierung zur Verringerung der Bestände psychologisch wichtig.

 


NRW-Überläufer-Regelung hat sich bewährt

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Die Bejagungsstruktur beeinflusst die Strecken- und Wilddichte. Dies belegt der Vergleich der Bundesländer seit Jahrzehnten.


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Die Streckenentwicklung zeigt auch, dass die Schonzeit für Überläufer in NRW keine Ursache für den Bestandsanstieg ist. Da die Populationsdynamik des Schwarzwildes bekannt ist, sind alle aufgefordert, in der regulären Jagdzeit den Bestand so wirksam zu vermindern, dass eine Schonzeitaufhebung in der Regel nicht erforderlich ist. Schwarzwildjagd erfordert revierübergreifende Kooperationen – dazu gibt es keine Alternative.

 

Dr. Michael Petrak

LANUV NRW,

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

 


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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 06/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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