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RWJ 04/16: Bejagung nach dem Rehwild-Kalender

Eigenverantwortung gefordert

Mit dem ökologischen Jagdgesetz ist die Verantwortung der Jäger für die Bejagung der Rehe gestiegen – der behördliche Abschussplan ist nämlich entfallen.

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Ab sofort werden Rehe in NRW ohne Abschussplan bejagt – Chance und Verantwortung zugleich für jeden Revierinhaber.

Die fachliche Grundlage für den Wegfall des Abschussplanes sind die Ergebnisse des Pilotprojekts „Rehwildbejagung ohne behördlichen Abschussplan“, das in den Kreisen WAF, KLE, HX, HSK, SU und der Stadt BN Folgen für Lebensraum und Jagdpraxis untersuchte. Der Versuch berücksichtigte unterschiedliche Lebensräume und Regionen in NRW und trug unterschiedlichen Waldsituationen sowie dem Vorkommen weiterer Wildarten Rechnung. Damit sind die Ergebnisse repräsentativ.

Motive zum Wegfall des Abschuss­ plans sind unterschiedlich: ­

  • Verwaltungsvereinfachung,
  • der Wunsch, nicht durch Vorgaben gebunden zu sein, ­
  • Eigentum ohne behördliche Einflussnahme zu nutzen.

Einige Eigentümer sehen auch mit Sorge, dass sie nun stärker in der Verantwortung stehen. Die Ergebnisse des Versuchs belegten nach dem Wegfall der behörd­ lichen Abschussplanung eine sachgerechte Jagd (der RWJ berichtete wiederholt):

Die Altersverteilung bei männlichem und weiblichem Wild stimmt grundsätzlich überein. Die Streckenstruktur entsprach der zu erwartenden bestandsproportionalen Sterblichkeit – jüngere Jahrgänge sind also auch zahlreicher an der Strecke vertreten als ältere. Regional ließ die Streckenstruktur erkennen, dass eine intensivere Jagd auf weibliche Rehe an­ gezeigt ist.

Die Fallwildverluste sind realistisch und spiegeln besonders das höhere Gefährdungspotential in Ballungsräumen wider. Zudem ergeben sich über eine geringe Kitzquote fallweise Hinweise zum Einfluss von Fuchs und Sauen.

Der Versuch hat auch gezeigt, dass es sinnvoll ist, Streckenlisten/-­meldungen ebenso beizubehalten wie das waldbauliche Gutachten der Forstbehörde zum Einfluss von Schalenwild auf die Verjüngung der Wälder.

Gerade heute sollte jedes Revier erlegtes Wild sinnvoll dokumentieren. Sowohl aus praktischen Gründen (sachge­ rechter Umgang mit Wild im Lebensraum) als auch als Rückendeckung für die gesellschaftliche Diskussion sollte nirgends auf eine sorgfältige Streckenführung (im Gesetz vorgesehen) verzichtet werden. Anfragen, ob mit dem Wegfall der Abschussplanung nicht auch die differenzierte Streckenerfassung entfallen kann, zeigen, dass Nachdenken notwendig ist (s. Tabelle 1).

Dokumentation Rehwild-Abschluss

Tabelle 1

Die Drittel­-Regelung (Strecke etwa zu je einem Drittel aus Kitzen, Böcken und weiblichem Wild) resultiert unmittelbar aus dem durchschnittlichen Zuwachs von 100 Prozent (bezogen auf weibliches Wild).

Auch für Rehe ist eine revierübergreifende Planung und Auswertung sinnvoll. Die Auswertung nach einer Streckentafel etwa auf Hegeringebene hat sich bewährt (s. Tabelle 2), denn im Unterschied zu größeren rudelbildenden Arten lassen sich Rehe in wesentlich kleineren Räumen bejagen. Neben dem waldbaulichen Gutachten empfiehlt sich auch der Blick ins Revier, um die Balance zwischen Wildbestand und Lebensraum einzuschätzen.

Streckentafel Rewild

Tabelle 2


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Bejagung nach dem Rehwild-Kalender

Was Rehe wirklich brauchen

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Foto 2: Bock in aufrechter Körperhaltung. Foto: M. Petrak

Gerade für Konzentrat­-Selektierer wie Rehe ist verdauliche reichhaltige Äsung wichtig. Die Verarmung des Grünlandes in weiten Bereichen und eine zunehmend intensivere Nutzung der Feldflur führen dazu, dass artenreiche Pflanzengemeinschaften wie Wälder an Bedeutung gewinnen. Für die Praxis heißt dies, dass artenreiche Reh­-Äsungsflächen auch in der Feldflur sinnvoll sind.

Das Äsen von Blüten und Früchten in Haupthöhe bietet für Konzentrat­Selektierer einen weiteren Vorteil – der Saft leicht verdaulicher nährstoffreicher Pflanzenteile wird ausgepresst und gelangt bei aufrechter Körperhaltung leichter über die Magenrinne gleich in den Labmagen und nicht zuerst in den Pansen zum Wiederkauen (s. Foto 2). Dass Rücksichtnahme auf das Wild (besonders Reduktion von Feinddruck durch Jagd) auch dem Wald zugutekommt, gilt auch für Rehe.

Wer darauf achtet, dass auch bei der Einzeljagd keine Verbindung zwischen Auto, Mensch, Schuss und Tod des Artgenossen entsteht, erhöht den verfügbaren Lebensraum deutlich. Da Rehe kleiner sind, genügt häufig die Deckung von Gebüschen oder Wiesen, um Spaziergänger passieren zu lassen (s. Foto 3).

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Foto 3: Die Spaziergängerin hat die Ricke gar nicht bemerkt. Voraussetzung für vertraute Rehe ist Rücksicht­nahme im Jagdbetrieb – das entlastet auch den Wald. Foto: M. Petrak


Bejagungskalender

Zur Hege und Bejagung von Rehen wird seit Jahrzehnten (unabhängig von gesetzlichen Jagdzeiten) aus gutem Grund empfohlen, den Abschuss bis Ende Dezember zu erfüllen. Insofern verwundert es, dass in einigen Fällen die Verkürzung der Jagdzeit (wildbiologisch eindeutig richtig) zu Anträgen auf Schonzeitaufhebung im Januar führte.

Jagdlich ist es entscheidend, nicht jede sich bietende, sondern jede passende Gelegenheit zur Erlegung zu nutzen.

Gerade an Feld­-Wald-­Grenzen ist dazu eine revierübergreifende Abstimmung sinnvoll. So stand im letzten Winter Feldäsung lange zur Verfügung. Für die Bejagung kann dies auch bedeuten, dass Reviere mit kleinerem Waldanteil einen höheren Anteil zur Strecke beitragen als üblicherweise, wenn sich Rehe mit beginnendem Winter in den Wald zurückziehen.

Auf Hegering­-Ebene sind Revierinhaber gut beraten, auch das Ende der Jagdzeit revierübergreifend abzustimmen.


Einzeljagd

Zur Steigerung des Jagderfolgs bei gleichzeitiger Minimierung des Jagddruckes gelten folgende Regeln:

  • Beachtung der Aktivitätsphasen der Rehe
  • keine Daueransitze auf immer den gleichen Hochsitzen oder ständiges Pirschen (Wild wird heimlich oder wandert ab)
  • Beachtung der Haupteinstände im Jahresverlauf
  • zu Beginn der Jagdzeit Bejagung auf äsungsreichen Flächen (Kulturen, Waldränder)
  • zur Blattzeit im Feld, auf Kulturen, aber auch in Althölzern, in denen Böcke gern treiben
  • zum Winter hin verlagern Rehe den Einstand von Freiflächen in dichtere Bestände (v. a. mit Brom- u. Himbeere)
  • Bejagung auf verbissgefährdeten Flächen in der gesamten Jagdzeit

Rehe sind nahrungsökologisch anspruchsvoll, die Verarmung der Kulturlandschaft ist für sie eine Belastung – geschickte Jagd zur Verfügbarkeit des Lebensraumes nützt Rehen und ihrem Lebensraum.

 

Dr. Michael Petrak

Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,

Pützchens Chaussee 228,

53229 Bonn,

Tel.: 0228/977550, Fax: 0228/432023,

E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Der Rehjagd-Kalender

Die Aktivität der Rehe und damit die Möglichkeit des Anblicks unterliegen einem Jahreszyklus. Daher sollte man die Jagdausübung in ihre Aktivitätsphase legen – zum bestmöglichen Überblick über den Bestand bei maximalem Jagderfolg.

 

Mai bis Mitte Juni

Einzeljagd auf Böcke aller Altersklassen – auch auf noch graue, da frei werdende Einstände von anderen Böcken noch besetzt werden (später im Jahr wandern diese ab), intensive Bejagung der Schmalrehe

 

Mitte Juni bis Mitte Juli

möglichst Jagdruhe

 

Mitte Juli bis Mitte August

Einzeljagd auf Böcke (Blattzeit)

 

Mitte bis Ende August

möglichst Jagdruhe

 

1. September bis Mitte Oktober

V. a. in den ersten Septemberwochen intensive Bejagung der weiblichen Rehe und Kitze beiderlei Geschlechts, denn jetzt wird die Abschusserfüllung durch die noch hohe Aktivität vereinfacht – wer diese Zeit verpasst, kann dies später kaum noch ausgleichen.

Vor dem Haarwechsel erscheinen Kitze zwar noch sehr schwach, doch beträgt der tatsächliche Gewichtsunterschied (bezogen auf Wildbret) zum Dezember im Durchschnitt nicht mehr als 1 kg!

Dafür gelingt es aber viel eher, einige Kitze mehr zu erlegen, was diesen Gewichtsunterschied mehr als ausgleicht. Außerdem wird die Wilddichte bereits vor Beginn der äsungsarmen Zeit deutlich abgesenkt. Verbleibende Rehe kommen besser durch den Winter, da sie die knappe Äsung nicht mit Stücken teilen müssen, die später doch geschossen werden, besonders schädlicher Winterverbiss wird so merklich reduziert.

 

Mitte Oktober bis Mitte November (Laubfall)

möglichst Jagdruhe

 

Mitte November bis 31. Dezember

Da es v. a. in geschlossenen Waldgebieten auch bei gekonnter Einzeljagd nicht immer gelingen wird, den Abschuss zu erfüllen, sollte man nach dem Laubfall Bewegungsjagden durchführen.

 

Januar

möglichst Jagdruhe.

Der Stoffwechselhaushalt der Rehe darf im Winter nicht unnötig aktiviert wer­ den (Tierschutz/Wildschadenverhütung).

Zur Minderung des Jagddrucks sind Bewegungsjagden im Winter sinnvoll.

Die praktische Umsetzung ist ein eigenes Thema, hier geht es nur um die Einzeljagd.


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 04/2016 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_04/16_Forschungsstelle


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