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RWJ 12/2014: Bonner Jägertag 2014

Zwischenbilanz zu vier Grünbrücken in NRW

Der 37. Bonner Jägertag Mitte September stand unter dem Thema „Lebensraumverbund in NRW – Barrieren überwinden, Vielfalt fördern, Jagdwert erhalten“.

 

gruenbruecke

Erfolgreiches Beispielprojekt: Die Wildbrücke über der A1 bei Nettersheim in der Eifel.
Foto: I. Hucht Ciorga

Der Bonner Jägertag fand 2014 erstmals in der Stadthalle Bad Godesberg statt. Umrahmt wurde die Veranstaltung mit Klängen der Jagdhornbläser. Der Präsident des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Verbraucherschutz, Dr. Thomas Delschen, ging in seinem Grußwort auf die anspruchsvolle Aufgabe ein, Folgen menschlichen Handels durch Maßnahmen zum Schutz von Natur und Artenvielfalt auszugleichen. Von 17 Grünbrücken in Deutschland entfallen vier auf NRW: B 64 Eggekamm, A 31 Üfter Mark, A 3 und Rösrather Straße, Königsforst/ Wahner Heide und A 1 Nettersheim. LJV-Präsident Ralph Müller- Schallenberg und NRW-Jagdreferent Walter Schmitz wünschten der Veranstaltung einen guten Verlauf.

 

In den vergangenen 50 bis 60 Jahren hat sich das überörtliche Straßennetz in Deutschland nahezu verdoppelt – auf 231 360 km. Für unzählige kleinere Gemeindestraßen gibt es seit 1990 keine gesamtdeutsche Statistik mehr. Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen verbrauchen den größten Flächenanteil.

Ökologische Hinterlandanbindung

Mit der Möglichkeit, Verkehrsstraßen zu queren, ist ein wichtiges und oftmals unüberwindliches Hindernis zum Lebensraumverbund für Wildtiere gemildert. (Mittel)Große Säugetiere mit großem Aktionsradius nutzen Grünbrücken zahlreich und regelmäßig, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Bedeutung der ökologischen Hinterlandanbindung zeigte anschaulich Dr. Björn Schulz von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein am Beispiel der Autobahnen A 21, A 7 und A 20 auf. Mit landschaftspflegerischen Maßnahmen, die weit ins Umfeld der Querungshilfen reichen, gelingt über diese Trittsteine die Einbindung der durch Isolation und Lebensraumverlust an der Ausbreitung gehinderten Arten in den großräumigen Lebensraumverbund.

 

Kleine Wirbeltiere mit geringem Aktionsradius wie Kreuzkröte und Haselmaus, Wirbellose wie Laufkäfer und Pflanzen vermögen sich über diese Trittsteine wieder in der Landschaft auszubreiten. Die Wildwechsel schaffen Struktur für Laufkäfer und tragen so zur Ausbreitung der Vielfalt bei. Die überregionale Durchlässigkeit der Landschaft ist für die Erhaltung der Artenvielfalt unverzichtbar.


Elektronische Wildwarnanlage im Waldgebiet der Üfter Mark

Nach einer sicheren Überquerung einer Verkehrsstraße kann es geschehen, dass wenig später auf dem Wanderweg des Wildes die nächste stark befahrene Straße gequert werden muss, die den Lebensraum zerschneidet, im ungünstigen Fall Wild darauf zugeleitet wird. Mit dem Bau der A 31 wurde 1984 der Wanderweg des Rotwildes zwischen Dämmerwald und Hoher Mark unter brochen. Der Bau der Grünbrücke über die A 31 stellte diese Verbindung wieder her, allerdings verblieb auf der Bundes - straße B 224, die wie die A 31 das Waldgebiet der Üfter Mark durchschneidet, die Gefahr von Unfällen mit Beteiligung von Wild. Ludger Igel von Straßen NRW stellte an der B 224 bei Schermbeck getroffene Maßnahmen vor. Zeitgleich mit der Grünbrücke wurden zur Vermeidung von Wildverlusten im Straßenverkehr Schutzzäune in Verbindung mit einer elektronischen Wildwarnanlage in einem zaunfreien Abschnitt errichtet. Dieser Abschnitt bietet Wild die Möglichkeit, die Straße zu queren und dient der Lebensraumvernetzung.

 

Die Verkehrsteilnehmer werden durch blinkende Warntafeln am Straßenrand gewarnt und die Geschwindigkeit auf 50 km/h begrenzt. Infrarotsensoren erfassen Wild in Fahrbahnnähe durch Bewegung und Wärme und lösen das Blinken der Warntafeln aus. Mit der Anlage sank die Zahl von jährlich etwa 25 Unfällen mit Wild herunter auf nur zwei in den ersten zwei Jahren nach Errichtung.


Erfolgreiche Lebensraumverknüpfung

In der Nordeifel wurde Ende 2012 die Wildbrücke über die A 1 fertiggestellt. Der Standort war von den überregional bedeutsamen Wanderkorridoren der Zielarten Wildkatze und Rotwild im Raum Nettersheim vorgegeben. Die Gestaltung der Oberfläche ist entsprechend den Ansprüchen der beiden Arten ausgeführt. Um Erfolg oder Misserfolg zu dokumentieren, wird die Brücke seit Juli 2013 mit Wildkameras überwacht. Dr. Ingrid Hucht-Ciorga (Forschungsstelle) zog eine erste Bilanz über die erfolgreiche Lebensraumverknüpfung aus wildbiologischer Sicht.

 

Bis Juni 2014 wurden Rotwild, Rehe, Sauen, Feldhase, Fuchs, Waschbär, Dachs, Baum-/Steinmarder, Iltis und mindestens vier unterschiedliche Wildkatzen auf der Brücke dokumentiert. Nutzungen durch Menschen (Spaziergänger, freilaufende Hunde, Fahrradfahrer, Motorradfahrer und Reiter) beeinträchtigen die Akzeptanz von Wildbrücken durch Wildtiere und mindern den Erfolg. Aufklärung mit der Bitte um freiwilliges Fernbleiben ist nötig, damit Wildbrücken langfristig ihre Funktion im Wanderkorridor von Wildkatze und Rothirsch erfüllen können.


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Grünes Facility Management

Über die Vorteile der Betreuung großer zusammenhängender Flächen in der Hand eines Eigentümers für Natur- und Artenschutz berichtete Jürgen Rost vom Bundesforstbetrieb Rhein-Weser. Der Bundesforst ist in Deutschland für die forstliche, jagdliche und naturschutzfachliche Betreuung von Bundesliegenschaften (rd. 350 000 ha Wald und 240 000 ha Offenland und Wasserflächen) verantwortlich. Naturschutzstandards haben einen hohen Stellenwert. Die militärische Nutzung steht dazu nicht im Widerspruch. Für den Erhalt der Offenlandbiotope werden Pflegemaßnahmen durchgeführt – Beweidung mit alten Haustierrassen oder feuerökologische Eingriffe.

 

Der Bogen wurde gespannt von Kammmolch, Kreuzkröte und Gelbbauchunke über Schlingnattern, Fledermäuse bis zum Elch. In NRW liegen Flächen des Bundes in vier verschiedenen Rotwildvorkommen. Mit der Grünbrücke über die A 3 werden die Lebensräume von Königsforst und Wahner Heide wieder vernetzt, gesammelte Erfahrungen seit ihrer Fertigstellung beim Wildwechselmonitoring belegen den Erfolg.


Monitoring seltener Arten

Dr. Matthias Kaiser (Fachbereich Artenschutz, Vogelschutzwarte und Artenschutzzentrum Metelen/LANUV) ging auf die Realisierung der vier Grünbrücken in NRW und die öffentliche Diskussion über Notwendigkeit, Wert und Nutzen ein. Mit dem Monitoring und dem Nachweis der Funktionsfähigkeit soll öffentlicher Kritik begegnet werden. Neben Säugetieren sieht das Monitoring die Erfassung sehr seltener Arten als Zielarten vor, deren Lebensräume zerschnitten und die Populationen isoliert sind: Amphibien, Reptilien, Insekten. Von zwei Grünbrücken ist die Nutzung durch Zauneidechsen, Kleinsäuger und waldbewohnende, flugunfähige Laufkäferarten dokumentiert.


Neue Herausforderungen für die Jagdpraxis

Eine funktionierende Vernetzung bringt mit Mobilität, Ortswechsel, Zuwandern und der Gründung neuer Populationen Veränderungen in Tier- und Pflanzenwelt mit sich, die gewünscht und angestrebt sind. Wildmeister Bernd Bahr stellte die gesetzliche Hegeverpflichtung für jagdbare Arten heraus und zeigte Möglichkeiten auf, mit Streuobstwiesen, Feuchtbiotopen, Wildäsungsflächen und anderen Maßnahmen zur Vernetzung von Lebensräumen für Wild beizutragen. Auf Revierbildern zeigte er geschützte Arten, die davon profitieren.

 

Den Einzugsbereich von Grünbrücken jagdlich zu verschonen, um Wild mit möglichst störreizfreiem Überqueren die Annahme und regelmäßige Nutzung des Verbindungsweges zu erleichtern, mahnte er an.

 

Dazu plädierte er für revierübergreifende Koordination jagdlichen Handelns und gemeinsam abgestimmte Maßnahmen – mithilfe funktionierender Hegegemeinschaften.

 

Für die Zuwanderung von Luchs und Wolf ergeben sich für deren Beutetiere erkennbare Verhaltensänderungen, die Auswirkungen haben auf großräumige Lebensraumnutzung, Güter der Landund Forstwirtschaft, nachhaltige Bejagung und Bejagungseffektivität. So verschwindet Muffelwild bei Anwesenheit von Luchs und Wolf. Geordnete Bejagung ist nicht mehr möglich, wenn Wölfe jagen, Nutztierhalter und Reitbetriebe spüren ihre Anwesenheit.


Menschen auf Wildbrücken

Im Rheinland gibt es das Sprichwort „Man muss auch jönne könne“ – wie sieht das bei Menschen aus, die sich im Umfeld von Wildbrücken aufhalten? Prof. Dr. Hartmut Weigelt begleitete mit Studenten die Akzeptanz der Grünbrücke über die A 31 unmittelbar nach Eröffnung. Mit Wildkameras wurde aufgenommen, was und wer „über die Brücke geht“. Eindrucksvoll ist die Akzeptanz der Grünbrücke durch Rotwild belegt, das schon den Bauarbeitern während der Errichtung auffiel und nur darauf wartete, dass der Zaun entfernt werde. Unmittelbar nach Entfernung des Zaunes wurde Rotwild auf der Brücke beobachtet. Seine Bewegungen in beide Richtungen und im Einzugsbereich der Brücke sind dokumentiert. Die Kameradaten lieferten umfangreiches Material zur Auswertung. Rotwild, Sauen, Fuchs und Wildkaninchen sind ebenso wie der Bussard, der die Mäuse auf der Brücke als willkommene Beutetiere entdeckte.

 

Das Verbot, die Brücke zu betreten, missachten Spaziergänger mit und ohne freilaufende Hunde, Jogger und Mountainbiker – mit negativen Auswirkungen: Wildtiere meiden längere Zeit das Areal um die Grünbrücke. Nicht nur Jägern, auch Bürgern sollte die Beachtung von Wildruhezonen Selbstverständlichkeit sein.


Grünbrücken und mehr

Der Bau der vier Grünbrücken ist von allen im großen Kreis der Beteiligten mit sehr viel Einsatz, Freude und Zuversicht in das Gelingen vorangetrieben worden, und die Mühen haben sich gelohnt. Zusammenfassend darf gesagt werden, dass die vier Grünbrücken in NRW Symbole einer Erfolgsgeschichte für den Lebensraumverbund sind. Damit dies so bleibt, ist die Achtung des Betretungsverbotes unverzichtbar. Mit dem Bau der Brücken ist ein wesentlicher Schritt getan, weitere müssen folgen, die Herausforderungen sind weiter groß.

 

Dr. Walburga Lutz Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228
53229 Bonn


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 12/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_12/2014_Forschungsstelle


Wildbrücken

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