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RWJ 01/16: Windräder im Wald

Windenergie, Wild, Naturschutz und Jagdwert

Mit einem gemeinsamen Runderlass vom 4. November 2015 ist die Errichtung von Windenergieanlagen im Wald in NRW leichter geworden. Die Forschungsstelle untersucht, welche Auswirkungen dies auf Wild und Jagd haben kann.

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Windenergie wird als eine der tragenden Säulen der erneuerbaren Energien als Beitrag zum Ziel einer deutlichen Verminderung des CO2- Ausstoßes gefördert. Der Anteil der Windenergie an der Stromerzeugung beträgt heute rund vier und soll 2020 mindestens 15 Prozent erreichen. Der Bau von Windrädern im Wald (eigener Leitfaden) ist unter bestimmten Bedingungen nicht nur in Nordrhein- Westfalen, sondern auch in Rheinland- Pfalz, Hessen, Brandenburg und Baden- Württemberg möglich – und damit auch in Rotwild-Einstandsgebieten …

 

Wie kompliziert die Funktionsanalyse im Einzelfall sein kann, zeigt folgendes Beispiel: Freiflächen werden nach Kalamitäten durch Stürme als geeignet angesehen – locken andererseits jedoch gerade windenergiesensible Arten wie den Roten Milan oder den Großen Abendsegler (Fledermaus) an. Anschauliches Beispiel dafür ist eine Fläche im Nationalpark Eifel unmittelbar beim Parkplatz Wahlerscheid an der B 258 – dort natürlich ohne Windkraftanlage. Standorte, die für Windenergieanlagen „nicht“ in Betracht kommen, sind Nationalparke, Naturmonumente, Naturschutzgebiete, Naturdenkmale, geschützte Landschaftsbestandteile gemäß § 29 BNatSchG, gesetzlich geschützte Landschaftsbestandteile gemäß § 47 LG und gesetzlich geschützte Biotope gemäß § 30 BNatSchG sowie § 62 LG und Natura- 2000-Gebiete (FFH-Gebiete und europäische Vogelschutzgebiete).

 

Ein gelingender Ausgleich zwischen Wildtierschutz und Windenergie erfordert bei Schutzgebieten auch die Einbeziehung des Umfeldes, wie der Beirat des Nationalparkes Eifel in seinem Positionspapier eindringlich formuliert hat. So sind Schwarzstorch-Brutpaare „im“ Nationalpark auch auf Nahrungshabitate in Tälern außerhalb davon angewiesen. In den letzten 10 Jahren hat sich die Leistungsfähigkeit der Windenergieanlagen nahezu verdoppelt. Bei einer Nabenhöhe von 120 m über dem Gelände werden auch in früher als windschwach geltenden Gebieten wirtschaftlich lohnende Windgeschwindigkeiten erreicht. Pachterträge von mehr als 75 000 Euro pro Anlage und Jahr liegen deutlich über mit Forstwirtschaft allein erreichbaren Erträgen, was die Attraktivität für potenziell betroffene Grundeigentümer erklärt. Die am besten untersuchten Artengruppen in Verbindung mit Windkraftanlagen sind Fledermäuse und Vögel. Studien zu großen Säugetieren aus Nordamerika und Europa sind zum Teil nur schwer zu interpretieren. Eine Ursache dafür ist, dass angesichts der raschen Weiterentwicklung der Windkraftanlagen langfristig angelegte Studien zu Ergebnissen führen, die am Ende der Studie schon nicht mehr aktuell sind, da die nächste Anlagengeneration bereits steht. Vor diesem Hintergrund kommt sorgfältigen Studien und Grundlagenprotokollen eine Schlüsselrolle zu.

 

Aus den bereits im November 1991 im „Arbeitskreis Jagd und Naturschutz“ beschlossenen Pilotprojekt Monschau-Elsenborn und der dort durchgeführten Fallstudien zum Rotwild im Einzugsbereich der Windparke Monschau-Höfen (Ersterrichtung 2003) und Schleiden- Schöneseiffen (Bauphase 2000, 2011, 2015) beide im Einzugsbereich des Nationalparks Eifel, lassen sich Auswirkungen speziell auf Rotwild, aber auch auf Rehe und Sauen belegen.

 

Wie Windräder Wild stören

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Bauplatz und Montage einer großen Windkraftanlage – das Bild verdeutlicht den Raum­bedarf während der Bauphase und die Größe der Anlagen.

1. An die Windkraftanlage an sich gewöhnt sich Rotwild im Laufe von ein bis zwei Jahren – wenn keine weiteren Störungen hinzukommen. Feldbeobachtungen im Monschau-Hellenthaler Wald und indirekte Beobachtungen anhand von Fährten und Äsungsspuren belegen dies. Während und nach der Baumaßnahme meidet Rotwild den Einzugsbereich der Windkraftanlagen großräumig. Später gewöhnt es sich an die Geräuschkulisse und die Schlagschatten der Rotorblätter. Die Gewöhnung wird erleichtert, wenn sie mit konsequenter Besucherlenkung (Sperrung der Baustraßen) einhergeht. Dies zeigt der Vergleich zwischen Windkraftanlagen in rein ziviler Umgebung mit denen am Rand von Truppenübungsplätzen.

 

2. Störungen gehen auch von den mit den Rotorblättern verbundenen Schlagschatten aus – nicht nur bei Sonnenlicht, sondern vor allem auch nachts bei hellem Mondlicht. Fehlen zusätzliche Störreize, erfolgt auch hier eine Gewöhnung. Kommen jedoch weitere Störungen dazu, werden die Anlagenbereiche zumindest in mondhellen Nächten gemieden. Bei schwer zu beurteilenden Feindreizen wirken Schlagschatten selbst auf Rehe am Tage irritierend. Sauen sind von den Lichtemissionen am wenigsten betroffen.

 

3. Bei hohen Anlagen kommen anlageeigene Lichtemissionen hinzu. Besonders bei adaptiven Einrichtungen, die über die Helligkeitswerte gesteuert werden, sind Leuchtfeuer bei schlechter Sicht oder nachts deutlich stärker. Die seinerzeit zum Warnschild an der B 258 „Vorsicht Windkraft“ in Fahrtrichtung Schöneseiffen geführten Diskussionen in Schleiden und Euskirchen (dort entstand nachts v. a. bei Nebel zum Teil der Eindruck, es tanzten rote Lichter über der Fahrbahn) gibt einen Hinweis auf die Signalwirkung.

 

Rotwild, Rehe und auch Sauen gewöhnen sich an diese Lichtimpulse. Dies steht im Einklang mit Wildverhalten auf Truppenübungsplätzen, in denen sich die Raumnutzung auch bei Gefechtsschießen außerhalb der Einschlagzone in der beleuchteten Zone nicht ändert. Genauso wie sich Rotwild auch bei voller Gefechtsfeldbeleuchtung in der Brunft wenig stören ließ, gilt dies für regelmäßige Blinklichter.


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Ziehende Kraniche in sehr niedriger Höhe über dem Kermeter im November 2013.

4. Windkraftanlagen über Waldgebieten stellen ein Risiko für Vögel und Fledermäuse, aber auch für Zugvögel dar, unabhängig von der Biotopwertigkeit. Die Kronenschicht verlagert die meteorologisch aktive Zone nach oben. So orientieren sich Kraniche sehr stark an Landschaftsreliefs. Die Eifel ragt als Hochfläche aus der Köln-Aachener Bucht auf. Kraniche, die von Norden in Richtung Süden reisen, fliegen zum Teil so niedrig, dass ihre Flughöhe gerade reicht, den Kermeter zu überqueren. Die Flughöhe reicht nicht aus, um in ausreichendem Abstand die Dreiborner Hochfläche und den Monschau-Hellenthaler Wald zu überqueren. Im Urfttal lassen sich die Vögel von der Thermik hochtragen, um eine ausreichende Flughöhe zur Weiterreise über die Dreiborner Hochfläche nach Süden zu gewinnen. Wie hoch die Thermik reicht, lässt sich häufig an der gerade über der Urfttalsperre aufgerissenen Wolkendecke erkennen. Für solche Fälle muss kurzfristig ein Notabschaltprogramm zur Verfügung stehen.

 

5. Die Hauptbelastung von Windkraftanlagen für Rotwild und andere große Wildarten ergibt sich allerdings durch die Revierzerschneidung – selbst nach dem Rückbau nach Errichtung der Anlagen bleiben überproportional breite Wege erhalten. Sie werden kontinuierlich etwa von Wartungsfahrzeugen genutzt. Selbst bei einem partiellen Rückbau blieben sie zugänglich. Nach eigenen Beobachtungen ist die regelmäßige Frequentierung von Windkraftanlagen deutlich höher als etwa zur Überprüfung von Wasserleitungen im Wald. Die Wege erhöhen die Störwirkungen im Lebensraum nachhaltig, zumal sie auch andere Besucher nutzen. Dies lässt sich nur vermeiden, wenn man solche Wege für Unbefugte effektiv sperrt.


Jagdwert

Immer wieder wird die Frage nach dem Jagdwert gestellt. Potenziell beeinträchtigt wird der Erlebniswert (auch schon durch geringe Geräuschemissionen) und in abgelegenen Gebieten die Lichtemission. Schallwellen überstreichen selbst große Waldgebiete, sodass die Anlage von Schöneseiffen bei passender Witterung bis in den weiteren Bereich von Höfen hineinreicht. Dazu kommen Belastungen während der Bauphase und eine eventuell erhöhte Besucherfrequentierung. Unter dem Aspekt Jagdwertminderung lassen sich diese Auswirkungen mit denjenigen bei anderen Bauvorhaben vergleichen. Höhere Besucherzahlen erhöhen darüber hinaus das Risiko von Wildschäden. Bei sonst gleichbleibenden Rahmenbedingungen sollte man dies berücksichtigen und nicht dem Wild anlasten.

 

Aus Sicht des Rotwildes stören also weniger Windräder an sich als die mit Errichtung und Betrieb verursachten Folgewirkungen. Jäger können einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz leisten, wenn sie Beobachtungen zu Vögeln und Fledermäusen festhalten und dokumentieren. Das Unfallrisiko bei Einzelereignissen wie dem Vogelzug lässt sich nur durch ständige Präsenz im Lebensraum einschätzen. Dazu sind auch Zufallsbeobachtungen wertvoll. Mit den üblichen Gutachten werden solche Phänomene nicht erfasst.

 

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn,
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 11/2015 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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Mehr zum Thema

Weiterführende Literatur

Simon, O., Lang, J., Petrak, M., 2008:

Rotwild in der Eifel – Lösungen für die Praxis aus dem Pilotprojekt Monschau- Elsenborn, Klitten, Lutra

 

Petrak, M., 2014:

10 Jahre Nationalpark Eifel Rotwild beobachtungen – Schlüssel zum Natur erleben (Monschauer Land-Jahrbuch 2015, Hrsg.: Geschichtsverein Monschauer Land/24–30)

 

Richarz, K., 2014: Energiewende und Naturschutz, Windenergie im Lebensraum Wald

Status report und Empfehlung Deutsche Wildtier stiftung 2014

 

Gemeinsamer Runderlass des Umweltund Verkehrsministeriums sowie der Staatskanzlei NRW zur Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen mit Hinweisen zur Zielsetzung und Anwendung (Windenergieerlass) v. 4.11. 2015 (Az. VII-3-02.21 WEA-Erl. 15/ Az. VI A1-901.3/ 202/Az. III B 4-30.55.03.01)


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