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RWJ 05/2014: Schlussfolgerungen zum Verhalten auf Gesellschaftsjagden

Sozial-, Lern- und Fluchtverhalten von Schalenwild

Lernen heißt Verhaltensänderung durch Erfahrung. Das Ende der Jagdzeit ist der richtige Zeitpunkt zur Auswertung des vergangenen Jagdjahres – und auch um Schlussfolgerungen für die Zukunft zu ziehen.

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Ein Alttier zieht weit vor seinem Kalb - dies ist durchaus auch in deckungsreichem Gelände der Fall - und sollte uns in Drückjagd­situationen zu denken geben.

Jagd bedeutet immer einen Eingriff in Wildbestände und ihr Sozialgefüge. Bestimmte Quoten einzelner Alters- und Sozialklassen an der Gesamtstrecke sind auch zur Begrenzung der Bestände erforderlich. Würden nur Kälber erlegt, führt dies zwangsläufig dazu, dass steigende Strecken und steigende Bestände kombiniert werden („Wildbreterzeugungstyp“, s. Hinweise zur Hege und Bejagung des Rotwildes im Land NRW).

 

Oberste Regel muss immer sein, kein führendes Stück zu erlegen – und zwar sowohl bei Einzel- wie Gesellschaftsjagd. Jagd beginnt immer mit dem Ansprechen – gerade bei Gesellschaftsjagden im vielleicht nicht ganz vertrauten Gelände ist es wichtig, sich auch mit dem Lebensraum vertraut zu machen.

 

Sind bei einer Jagd etwa nur Frischlinge und Überläufer freigegeben und wird der Lebensraum durch Pfeifengras, Rasenschmiele und Reitgras geprägt, kann es sich bei einer verhoffenden Sau, die auf 60 m in dieser Umgebung klar erkennbar ist (wenn sie nicht grad auf einem Hügel steht) unmöglich um einen Frischling handeln. Denn Reitgräser erreichen die Schulterhöhe des Rotwildes. Ein Stück, was oben frei herausschaut, ist normalerweise kein Kalb.

 

Genaues Hinschauen ist also gefragt – am besten stellt man sich vor dem Ansitz im fremden Revier einmal selbst in die Vegetationsstruktur, um sich so die Größenverhältnisse unmittelbar vor Augen zu führen.

 

In der Praxis taucht immer wieder die Frage nach dem Umgang mit einzeln kommenden Alttieren auf – um es gleich vorwegzunehmen:


Die Freigabe einzeln kommender Alt- und Schmaltiere auf Bewegungsjagden ist mit dem Tierschutz nicht vereinbar, denn die Beunruhigung führt leicht dazu, dass Rudel auch getrennt werden.

 

Alttiere dürfen nur erlegt werden, wenn unmittelbar zuvor ihr Kalb erlegt wurde – entweder durch den Schützen selbst oder seinen Nachbarn, sodass man dies sehen konnte.

 

Werden vor dem Beginn der Treiben, also vor Hunde- und Treibereinsatz, in sehr übersichtlichen Lebensräumen wie hallenartigen Buchenwäldern der Hochlagen auch einzelne Alttiere ab November/ Dezember freigegeben, erfordert dies klare Ansagen und mit Wild- und Lebensraum vertraute und umsichtige Jäger.

 

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Situationen, in denen das Leittier vorwegzieht, kommen sowohl bei Drückjagden als auch anderen bedrohlich empfundenen Fällen vor.

Auch ohne Störwirkungen folgen Kälber häufig ihren Tieren in größerem Abstand nach. In offenem Gelände, wie hier parallel zum Wildkatzenweg im National park Eifel, fällt dies auf, führt der Wechsel dagegen durch deckungsreiche Strukturen, lässt sich dies kaum ansprechen.

 

Dies ist übrigens auch der Grund, warum einzelne führende Alttiere immer wieder versehentlich auch auf der Einzeljagd erlegt werden.

 

Die Wahl von Ansitzplätzen und -ständen erfordert die Berücksichtigung des Verhaltens (s. Tabelle). Rehe flüchten normalerweise ins Dunkel. Bei guter Übersicht lassen sich zusammengehörende Sprünge durchaus zuordnen.

 

Rotwild sucht die Übersicht – das Ausnutzen von Deckungsrändern erlaubt so eine gute Kontrolle des Umfeldes. Bei Drückjagden bietet das Flüchten im Oberhang oder sogar über die Kuppe nicht nur den Vorteil guter Übersicht, sondern auch den Nachteil fehlenden Kugelfanges.

 

Das Lernverhalten geht in die konkrete Strategie im Revier stets ein: In sehr unübersichtlichem Gelände kann dies dazu führen, dass Rotwild ins Offenland hinaus flüchtet.
Lernt das Wild jedoch, dass die Gefahr im deckungsfreien Gelände droht, bleiben gerade Alttiere möglichst lange in der Deckung. Dies kann sogar so weit gehen, dass bei Treiber- und Hundeeinsatz die Jährlinge und Kälber zuerst die Deckung verlassen wie etwa aus dem Ginster flüchten – und die Alttiere Hunde und Menschen auflaufen lassen.

 

Normalerweise flüchten Rotwildrudel gemeinsam, in dichten Waldbeständen kommt es jedoch auch zum Phänomen des Verleitens. Gerade beim Einsatz von Stöberhunden lockt ein Alttier die Hunde weg und kommt dann zwangsläufig auch alleine an den Schützen vorbei!

 

Im Sozialverhalten, individualer Entwicklung und Feindverhalten unterscheiden sich einzelne Wildarten. Bei Rotwild ist der Alttierverlust am gravierendsten, aber auch Kitze sind im Winter auf die Führung durch die Ricke angewiesen.


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Wie erreicht man die Alttierquote in der Praxis?

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Verhalten eines Rotwild-Rudels bei der Einzeljagd.

Wo die Bestandsabsenkung notwendig ist, ist es sinnvoll, den Beginn der Jagdzeit zu Kalb-Tier-Dubletten zu nutzen. Kalb und Tier sollten gerade bei der Einzeljagd gemeinsam erlegt werden.

Bei Gesellschaftsjagden macht es Sinn, Stände, an denen Kälber erlegt wurden, anschließend wieder zu besetzen – suchende Tiere kommen nach der Erlegung eines Kalbes innerhalb des ersten Tages noch zurück. Solche „Einsätze“ erfordern neben einer guten Kenntnis der Wildart auch eine präzise Kenntnis der örtlichen Situation.

 

Übrigens lässt sich die erforderliche Alttierquote nur erreichen, wenn auch Einzeljagd ihren Platz im Gesamtkonzept hat. Geländebedingte Verschiebungen im Rudel, Besonderheiten im Verhalten, erfahrene Alttiere ziehen häufig in der Spitzengruppe mit und ändern dann dennoch die Richtung, muss das Erlegen von Tieren in der Drückjagd unterbleiben.

 

Der Schlüssel zur Einzeljagd ist die Vermeidung des Feindbildes Mensch! Eine sachgerechte Bejagung erfordert in größeren Revieren bzw., wenn größere Strecken zu erreichen sind, eine Verbindung von Einzel- und Gesellschaftsjagd. Die Jagd hat nicht ihre Schlüsselrolle für das Feindverhalten des Wildes und die Raumnutzung sondern diese unmittelbaren Auswirkungen wirken auf den Jagd erfolg zurück. Bei größeren Jagden hat jeder seine besondere Aufgabe. Bereits Anlage und Freigabe müssen dem Tierschutz Rechnung tragen.

 

Alle Teilnehmer sind dann gefordert, ihren Beitrag zum Gelingen zu leisten – und sich auch mit dem Gelände vertraut zu machen.

 

Dr. Michael Petrak

 

Landesbetrieb Wald und Holz NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn, Tel. 02 28/97 75 50,
E-Mail: michael.petrak@wald-und-holz.nrw.de

 

Verhalten, Orientierung und Fluchtreaktionen bei Gefahr/Anschluss von Jährlingen an andere Wildarten

Wildart Raumnutzung Mutter-Kind-Reaktion und Sozialverhalten Bevorzugter Lebensraum Anschluss von Jährlingen an andere Wildarten
Reh Fluchten von hell nach dunkel, verlassen beunruhigte Gebiete nicht großflächig, sondern: Umstellen von Deckung zu Deckung innerhalb ihres Territoriums selbstständiges Verstecken der Individuen häufig (z. B. Ricke – Kitz auch ohne Paniksituation) Wälder mit starkem Unterholz (Deckung) und Lichtungen (Krautschicht) nein
Rotwild versuchen, das beunruhigte Gebiet weiträumig zu verlassen, unter bevorzugter Ausnutzung von Deckungsrändern: sehen, aber nicht gesehen werden („Gardineneffekt“), Fluchtrichtungsumkehr Kälber suchen Schulterschluss zu Muttertieren (kein selbstständiges Flüchten/ Verstecken ohne Paniksituation) jedoch Verleiten. Rudelmitglieder flüchten in Pulkformation lichte Wälder, Auen, Grassteppen, halb offene Waldsteppen nein
Damwild analog Rotwild, stärkere optische Orientierung Verhalten analog Rotwild Parklandschaft ja (Hirsche, Rinder, Rehe)

 

Download

Der vollständige Artikel aus dem Rheinisch-Westfälischen Jäger Ausgabe 05/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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