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RWJ 03/2015: Museum Mensch und Jagd in Brüggen

Pflichtbesuch für Jäger und Naturschützer

Die Forschungsstelle begleitete das Museum Mensch und Jagd in Brüggen (vormals Jagd- und Naturkundemuseum) von den Anfängen bis heute und nimmt uns mit auf eine Wanderung durch die Menschheitsgeschichte.

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Zu den Ehrengästen zur Vorstellung des Neukonzeptes zählten u. a. der ehemalige NRW-­Jagdreferent H. v. Elsbergen (l.), der Brüggener Bürgermeister F. Gellen (4. v. l.), vom LJV G. Thomas (5. v. l.) und Ehrenpräsident C. Frhr. Heereman (2. v. r.) und Autor Dr. M. Petrak (r.).

Der grundsätzliche Ansatz setzt an der Menschheitsgeschichte an und so wird deutlich, dass Naturschützer und Jäger mehr gemeinsam haben, als mancher meint. Ausgezeichnete Audioguides führen durch die Ausstellung und gehen auch auf ganz aktuelle Fragen wie dem Umgang mit dem Wolf ein.

 

Das Museum Mensch und Jagd sieht sich als kulturelles und gesellschaftliches Forum für die Jagd heute. Die innovative Ausstellungskonzeption stellt die Jagd in einen evolutionsbiologischen und kulturgeschichtlichen Gesamtzusammenhang. Wesentliche Phasen der Menschheitsgeschichte sind durch die Jagd und hier besonders durch die Großwildjagd geprägt. Nun wäre der jagende Mensch nicht wegen seiner physischen, sondern wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten sehr wohl in der Lage gewesen, seine Beute total auszurotten. Dies ist nicht geschehen und gerade die am frühesten vom Menschen besiedelten Kontinente Afrika und Asien haben die artenreichste Fauna.

 

Der Schritt vom Sammler zum Jäger steht am Anfang der menschlichen Kultur und ist wesentlicher Faktor für das Wesen und Werden des Menschen. Der Mensch als Säuger ist allen Gegebenheiten für ein solches Geschöpf unterworfen. So muss er täglich Leben töten, um selbst leben zu können. Töten ist keine exklusive Besonderheit der Jagd. Als prägender Evolutionsfaktor und elementares Phänomen der Entwicklung zum Menschen sichert die Jagd über Hunderttausende von Jahren die Existenz unserer Vorfahren. Die Jagd verliert ihre zentrale Stellung mit dem Beginn der Sesshaftwerdung. Die Rahmenbedingungen für die Jagd werden von da an durch die gesellschaftliche Entwicklung geprägt. Heute ist Jagd eine nachhaltige Nutzung und hat vielfach mit ihrer Möglichkeit zum direkten korrigierenden Eingriff bei Fehlentwicklungen in gestörten und oft halbnatürlichen Systemen eine wichtige Funktion auch für den Naturschutz.

 

Die enge Verknüpfung von Mensch und Jagd ist vielschichtig und komplex. Nur eine ganzheitliche Betrachtung kann den vielfachen Wechselwirkungen und der großen Bedeutung bis in die Gegenwart gerecht werden. Das Museum Mensch und Jagd stellt sich dieser Aufgabe mit einer ausgezeichneten Einführung auf der Grundlage der Wissenschaften vom Menschen. Mit dem Sesshaftwerden in der Jungsteinzeit werden Pflanzen angebaut und Tiere gezähmt. Während die Jagd lange Zeit noch eine wichtige Funktion in der Primärversorgung hatte, wurde sie in der Folgezeit zu einem Privileg überwiegend des Adels, das teilweise in Konflikte mit der Landnutzung der allgemeinen Bevölkerung geriet, wie dies in gravierenden Wildschäden in den bäuerlichen Feldern sichtbar wird.

 

Die Bindung des Jagdrechts an Grund und Boden im Zuge der Revolution 1848 führte dazu, dass zahlreiche Wildarten gewissermaßen stellvertretend für die früheren Inhaber des Jagdrechtes weitgehend eliminiert wurden. Daraus resultierende Gefahren wurden vom Staat erkannt – die Einführung einer Mindestreviergröße sowie die Einführung von Jagd- und Schonzeiten durch den Staat schafften Abhilfe.

 

Die aktuellen Jagdgesetze in Zentraleuropa entwickelten sich in engem Zusammenhang zueinander wie das Thüringische und Preußische Jagdgesetz, an das sich das Reichsjagdgesetz anschloss. Historisch begründete Belastungen von Jagd und Naturschutz hatte es auch deshalb gegeben, da die Jagd gewissermaßen stellvertretend für andere, die selber nicht töten wollten und deshalb töten ließen, Arten entnehmen sollte:

 

So stehen Prämien für Wolfabschüsse und die erzielten Abschüsse im 18./19. Jahrhundert in engem Zusammenhang zur Schafzucht – die Schafdichte betrug zeitweilig mehr als 50 Tiere je Quadratkilometer. Einen Zusammenhang zum Rückgang der großen Wildarten gibt es dagegen nicht, so starben im Gebiet des heutigen Nationalparks Eifel Wolf und Rothirsch parallel aus.

 

In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde der im gesetzlichen Eigentumsrecht begründete Schutz der Wildarten, die dem Jagdrecht unterliegen, gerade auch vom Naturschutz als Gewinn für den Artenschutz gesehen – so schlug hier gerade der Naturschutz vor, gefährdete Arten mit ganzjähriger Schonzeit ins Jagdgesetz aufzunehmen!

 

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Museum Mensch und Jagd

Von der Steinzeit ...

Die Geschichte der Jagd beginnt mit dem Ursprung der Jagd, der Homo erectus war der erste Jäger der Menschheitsgeschichte. Als erste menschliche Art dehnte er seinen Aktionsraum in die gemäßigten Zonen mit kalten Wintern aus. Eine neu gewonnene Fähigkeit, systematisch gemeinsam zu jagen, Traditionen weiterzugeben und Höhlenunterkünfte erlauben ihm das Erschließen sonst lebensfeindlicher Welten.

 

Fleisch ist der Energieschub für die Evolution. Die ursprüngliche Nahrung bestand sicher auch aus Aas und Kleinwild, später kamen neu geborene und alte Großtiere dazu.

 

Die Jagd auf gesundes Großwild blieb immer eine Verlockung. Die eiweißreiche und leicht verdauliche Nahrung beeinflusste Körperbau und Verhalten ganz wesentlich. Magen und Darm können kleiner werden, der Körper wird athletischer. Das Gehirnvolumen nimmt zu. Die Zeit zum Kauen geht zurück. Die Neandertaler ernährten sich (wie Skelettuntersuchungen zeigten) zu 85 Prozent von Fleisch.

 

Mit dem aufrechten Gang hob er sich von den meisten anderen Räubern ab. Übersicht und eine gute Kühlung bei langen Läufen und die mit dem aufrechten Gang einhergehende Reduktion der von der Sonne beschienenen Körperoberfläche hatten bei Hetzjagden über längere Strecken den Vorteil der niedrigeren Temperatur. Die Hände wurden frei und boten die Grundlagen zum Werkzeugbesitz. Die Energiezufuhr ist gerade für das Gehirn wichtig.

 

In der Eiszeit war die Kooperation der Schlüssel zum Erfolg. Der einzelne Mensch wäre den Tieren der Eiszeit nie gewachsen gewesen. Vom Homo erectus bis zu den CroMagnon-Menschen der Eiszeit vor etwa 40 000 Jahren ist der Alltag ein Überlebenskampf. Frühe Menschen sind Jäger und Beute zugleich. Durch ständig neu erfundene technische Hilfsmittel wird das Leben weniger schwer, unsicher und ungewiss. Gewonnene Freiräume bilden Raum für die Kunst. Die Geschichte der Jagd wird auch geprägt durch die Begleiter des Jägers – frühe Hunde sind Nachfahren von Wölfen.

 

Bewegung erzwingt Aufmerksamkeit – ein Naturgesetz, das auch erklärt, warum wir uns so leicht durch bewegte Bilder (ohne uns zu bewegen) fesseln lassen.

 

Das Ausleben seines Jagdtriebes hat der Mensch von der Natur auf den Kulturraum übertragen. Im Alltag selbst wird der Arbeitsplatz zum Jagdgebiet, Wissen ist Beute, Geld wird zur Beute moderner Lohnarbeit. Schnäppchenjäger erlebten sicher viele Leser auf der Jagd und Hund in Dortmund. Die Verhaltensweisen beim Schlussverkauf sind noch sehr nahe an der Steinzeit. Mit der Kamera im Anschlag schießen Paparazzi Fotos von Prominenten und „Erlkönigen“ der Autoindustrie. Kreditkarten leisten auf der Jagd nach Trophäen der Statusgesellschaft ebenfalls waffenähnliche Dienste. Kognitive Fähigkeiten wie „Spürnase“ und taktisches Verhalten sind in der Wirtschaft gefragt – ob als Headhunter, Firmen- oder Renditejäger. Polizisten und Privatdetektive gehen bei der Verbrecherjagd auf Spurensuche, ja selbst im Straßenverkehr bricht der „angeborene“ Jagdtrieb als genetisch eingebranntes Verhaltensmuster durch.

 

Hersteller machen sich Gedanken ums „Überholprestige“ ihrer Fahrzeuge und besonders beim Sport ist die Nähe zur Jagd offensichtlich (Speerwurf, Fußball). Die Prägungen durch das lange Jägerdasein in der Evolution lebt der Mensch heute nicht nur im realen Alltag aus, sondern auch virtuell am Computer – in künstlichen Welten finden nahezu alle existierenden Jagdformen ihre Entsprechung. Bewegung erzwingt Aufmerksamkeit, das Beobachten bewegter Bilder (ohne sich selbst zu bewegen) fesselt viele am Bildschirm, sodass sich die Medizin schon mit den orthopädischen und sonstigen Spätfolgen beschäftigt.

 

Auch Internet-Auktionen sind Ventile des Jagdtriebs – sie bieten das ganze Spektrum archaischer Jagderlebnisse. Man nähert sich Schritt um Schritt der anvisierten Beute, wartet den richtigen Zeitpunkt ab, um am Ende blitzschnell zuzuschlagen – 3, 2, 1 –meins! Das Erworbene wird zur Beute und Jagdtrophäe, der Erwerb zum Triumph über Konkurrenten. Auch die Welt der Werbung bedient sich zahlloser Jagdmotive.

 


... bis in die Neuzeit

Nach diesem zum Verständnis wichtigen Gang durch die Menschheitsgeschichte, widmet sich der zweite Teil den Gründen für die Jagd, wie nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, Erhaltung und Förderung von Lebensräumen, draußen sein und die Natur erleben, Schutz vor Wildkrankheiten, Schutz und Förderung von Wildtieren, Schutz vor Wildschäden in Wald und Feld. Wichtige Lebens- und Landschaftsräume werden am Beispiel eines Schnittes aus der Eifel zum Niederrhein dargestellt. Dieser Teil der Ausstellung vermittelt ein ausgezeichnetes Bild zu Wild und Jagd in der Kulturlandschaft Nordrhein-Westfalens.

 

Dr. Michael Petrak
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


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Mehr als ein Museumsführer

300 000 Jahre Jagd - von den Anfängen zu den Spuren der Gegenwart

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Das Museum Mensch und Jagd versteht sich als kulturelles und gesellschaftliches Forum für die Jagd heute. In seiner Ausstellung vereint es gut 300 000 Jahre Kultur, Geschichte und Lebenswelten der Jagd zu einer einzigartigen evolutionsbiologischen und kulturgeschichtlichen Gesamtschau. Die ganzheitliche Betrachtung von Legitimation, Funktion und Ausübung der Jagd führt mit regional geschichtlichen Bezügen einer entdeckte man den nachhaltigen Einfluss unseres Jahrtausende währenden Jäger daseins – zu guter Letzt auch in sich selbst.

 

Der Führer folgt dem Weg durch die Ausstellung und bietet mit vertiefenden Inhalten und wissenschaftlichen Erkenntnissen viele neue Perspektiven rund um die Jagd.

 

3000.000 Jahre Jagd
Hardcover, 190 S.
ISBN: 978-3-00-047380-7 
20 € 
Bezug: Museum Mensch und Jagd
Burgwall 4, 41379 Brüggen
Tel. 0 21 63/57 01 47 11
www.menschundjagd.de

 


RWJ 03/2015

Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 03/2015 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

 

RWJ_0315_Forschungsstelle


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