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RWJ 06/2015: Wie sich ein „Erwartungsland“ auf die Rückkehr vorbereitet

Neues vom Wolf

Nachdem im Kreis Höxter im November 2009 ein Schaf von einem Wolf gerissen wurde, blieb es lange ruhig um den großen Räuber. Damit scheint es vorbei zu sein.

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Foto: M. Breuer

Zwar gibt es immer wieder Wolfs- „Beobachtungen“ in allen Landesteilen, meist handelt es sich aber um Verwechslungen, denn wolfsähnlich gefärbte große Hunde kann man von echten Wölfen nur sehr schwer unterscheiden. Der Wolf hat einen breiten Kopf mit langer Schnauze, relativ kleine dreieckige Stehohren, gelbe Augen mit hellem Überaugenfleck, eine helle Gesichtszeichnung an Wangen und Maul, einen dunklen Sattelfleck an der Schulter, eine gerade Rückenlinie und einen in Ruhe senkrecht herabhängenden Schwanz, oft mit schwarzer Spitze. Wölfe leben in Familiengruppen – das Elternpaar bildet mit Welpen und Jährlingen ein Rudel, das in Deutschland in 200 – 300 km2 großen Territorien lebt.

 

Mit ein bis zwei Jahren verlassen Jungwölfe ihr Rudel und wandern aus dem Elternterritorium ab, manche siedeln sich in der Nähe an, andere wandern oft mehrere Hundert Kilometer weit. Wenn sie ein geeignetes Gebiet gefunden haben, werden sie sesshaft und beanspruchen ein eigenes Revier. Der Rüde, der 2009 als erster Wolf in NRW nachgewiesen wurde, lebte seit mindestens 2006 im hessischen Reinhardtswald und besuchte gelegentlich den Solling im angrenzenden Niedersachsen. Zur Paarbildung und Rudelgründung kam es nicht, er blieb „Single“ – bis er am 11. April 2011 tot im Reinhardtswald aufgefunden wurde.

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Wölfe in NRW

Bis zum zweiten Wolfsnachweis vergingen fünf Jahre – als man am 28. Dezember 2014 in Stemwede (MI) ein verletztes Schaf auf einer Weide fand, verdächtigte der Schäfer zunächst einen Hund. Erst die genetische Untersuchung eines Abstrichs, den Wolfsberater Horst Feldkötter an der Bissstelle sicherte, brachte den Nachweis, dass ein Wolf der Verursacher gewesen war. Die Genetiker der Senckenberg-Forschungsstation Gelnhausen fanden in dem Abstrich aber zu wenig genetisches Material, um mehr zur Identität des Wolfes (Geschlecht, Herkunft) zu erfahren. Das Schaf wurde vom Tierarzt notgeschlachtet, der Halter wird vom Land NRW entschädigt.

 

Der dritte Nachweis in NRW erfolgte schon wenige Wochen später – am 22. Januar 2015 wurde ein Wolf von einer Wildkamera erfasst, die ein Jagdaufseher im Wald südlich von Siegen an einer Wildwiese aufgehängt hatte. Die Örtlichkeit wurde mit Wolfsberater Stefan Tietjen auf weitere Spuren untersucht. Die Forschungsstelle bedankt sich für die Kooperation des Jagdaufsehers, der anonym bleiben möchte. Weitere Nachweise von diesem Tier liegen nicht vor.

 

Die Karte zeigt, dass alle bisher ermittelten Wolfsnachweise nahe der Landesgrenzen lagen, was aber auch Zufall sein kann.


Empfehlungen zum Umgang mit Wölfen in NRW

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Im März 2015 lernten Luchs- und Wolfsberater in Stemwede (MI), wie man Verletzungen an getöteten Tieren dokumentiert und Proben für genetische Untersuchungen nimmt. Forschungsstelle, Schafzuchtverband NRW und Landesbetrieb Wald und Holz erläuterten den Einsatz mobiler Elektro­netze, die bei sachgerechtem Aufbau gut vor Wolfsangriffen schützen.

Seit 2009 bereitet sich NRW intensiv auf den Umgang mit dem Wolf vor, im Frühjahr 2010 tagte erstmals die AG Wolf in NRW beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV). Seitdem erarbeiteten Vertreter von LJV, VJE, Schafzuchtverband, aus Naturschutz, Landwirtschaft, Behörden und Wissenschaft fachliche Empfehlungen zum Umgang mit einwandernden Wölfen. Daraus entstanden folgende Regelungen:

 


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1. Das LANUV organisiert das landesweite Monitoring nach internationalen Standards. Hinweise auf frei lebende Wölfe werden systematisch gesammelt, ggf. vor Ort überprüft, dokumentiert und fachlich bewertet – nach bundesweit einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien und Methoden (praktische Durchführung: Forschungsstelle).

 

2. Luchsberater werden zu Wolfsberatern fortgebildet, bei Bedarf werden weitere Berater geschult (Leitung: Forschungsstelle, Durchführung gemeinsam mit der Natur- u. Umweltschutzakademie NRW). Die Berater sollen Hinweisen auf Wölfe nachgehen und Informationen daraus an die Forschungsstelle weiterleiten.

 

3. Schäden an Nutztieren entschädigt das Umweltministerium aus Naturschutzmitteln (formloser Antrag a. d. LANUV), wenn ein geschulter Berater die Begleitumstände zeitnah dokumentiert und das LANUV einen Wolf als Verursacher bestätigt. Den Wert geschädigter Tiere ermittelt die Landwirtschaftskammer.

 

4. Die Biologische Station HSK in Schmallenberg-Bödefeld und das Regionalforstamt Ostwestfalen in Stemwede lagern je ein mobiles Herdenschutzset mit Elektrozaun, Weidezaungerät und Wildkamera, das Nutztierhalter bei Verdacht auf Wolfsangriff kurzfristig (unentgeltlich) ausleihen können.

 

5. Öffentlichkeit und betroffene Bevölkerungsgruppen werden zur erwarteten Rückkehr des Wolfes informiert.

 

Tagungen in Kooperation mit Schafzucht- und Naturschutzverbänden, Artikel in Natur in NRW, dem Rheinisch-Westfälischen Jäger und der Tagespresse sowie Info-Material und eine ausleihbare Ausstellung des Landesbetriebs Wald und Holz ergänzen sich.


Was Jäger tun können

Die Rückkehr des Wolfes nach Mitteleuropa stellt unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen, keine Frage. Das Zusammenleben mit Wildtieren in unserer vom Menschen dominierten Kulturlandschaft ist nicht konfliktfrei, auch Schalenwild, andere Raubwildarten und sogar Federwild können als Verursacher von Wildschäden oder Überträger von Tierseuchen erhebliche wirtschaftliche Einbußen erzeugen und bergen potenzielle Gefahren durch Wildunfälle oder die Übertragung von Krankheiten (Vogelgrippe, Borreliose, Fuchsbandwurm).

 

Es gilt, solche Konflikte und Risiken zu erkennen, sachlich und auf dem aktuellen fachlichen Wissensstand zu analysieren und mit geeigneten Maßnahmen zu minimieren.

 

Für einen sachgerechten Umgang mit dem Wolf ist es zwingend erforderlich, die zuständigen Stellen über jedes Auftreten von Wölfen und ihr Verhalten zu informieren – Beobachtungen, Spuren, Risse, Losungen u. ä. sollten genau protokolliert, nach Möglichkeit fotografiert und dem zuständigen Luchs- und Wolfsberater oder der Forschungsstelle gemeldet werden.

 

Bei problematischem Verhalten von Wölfen (Auftauchen in Siedlungen, Annäherung an Menschen, aggressives Verhalten) sollte umgehend die Polizei, das Forstamt oder die zuständige Untere Landschaftsbehörde sowie das LANUV in Kenntnis gesetzt werden.

 

Dr. Ingrid Hucht-Ciorga Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228
53229 Bonn
E-Mail: ingrid.hucht-ciorga@lanuv.nrw.de

 

Vertiefende Informationen: FFH-Status und Vorkommen in NRW


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 06/2015 sowie die Übersicht über Luchs- und Wolfberater in NRW stehen Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_06/2015_Forschungsstelle


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