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RWJ 09/2014: Wildbiologische Grundlagen zur Winterfütterung

Krücke für das Schalenwild

Wesentliche Kriterien zur Beurteilung der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Winterfütterung von Schalenwild sind Tierschutz und ökologische Passung.

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Abgeschnitten von seinen natürlichen Wintereinständen, braucht Rotwild bei uns in aller Regel eine artgerechte Erhaltungsfütterung.
Foto: K.-H. Volkmar

Wiederkäuer konnten in Mitteleuropa vor der massiven landschaftlichen Änderung durch den Menschen Winter auch durch einen Lebensraumwechsel bewältigen. Ursprüngliche Überwinterungsgebiete in Tälern werden aber heute überwiegend von Menschen genutzt, sodass sie als Ausweichräume nicht mehr zur Verfügung stehen. Größere Wildtiere (Leitart Rotwild) müssen daher das ganze Jahr im selben Lebensraum verbleiben– eine ökologische Sondersituation. Intensiver Tourismus schränkt die Lebensraumnutzung zusätzlich ein, auch wenn dies den handelnden Akteuren nicht immer klar ist. Hinzu kommt, dass Änderungen der Landnutzung auf großer Fläche Nahrungspflanzen verfügbar machen, an die Rotwild im Winter nicht optimal angepasst ist, sodass etwa bei Aufnahme von Raps nicht nur potenzielle Schäden in der Landwirtschaft drohen, sondern die zusätzlich erforderliche Aufnahme von Baumrinde weitere Schäden in den Wäldern nach sich zieht – ein Angebot an gutem Grasheu mindert dies zumindest.

 

Sachgerechte Winterfütterung in der Kulturlandschaft ist gewissermaßen eine Krücke für das Unterlaufen natürlicher Anpassungsstrategien im Winter durch die menschliche Nutzung.

 

Daraus lässt sich auch ableiten, dass Winterfütterung nicht erforderlich ist, wo Lebensräume noch vollständig sind. Im Umkehrschluss ist sachgerechte Winterfütterung geboten, wo der Lebensraum Mängel aufweist – was ökosystemar im Vergleich zur Landschaftsgestaltung der wesentlich kleinere Eingriff ist.

 

Rotwild im „Wintermodus“

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Rotwild im „WinterModus“
Grafik: Prof. Dr. Walter Arnold

Standards der Winterfütterung
Charakteristisch für Wiederkäuer ist eine ausgeprägte Jahresperiodik, die u. a. Verhaltensperiodik, Verdauungssystem und Stoffwechsel umfasst.

 

Das Verdauungssystem passt sich im Winter an die nährstoffarme Situation an. Futtermittel und -zeiten müssen den stammesgeschichtlich gewachsenen Anpassungen Rechnung tragen.

 

Futtermittel: Heu- und Anwelksilage. Die Fütterungszeit beginnt je nach Situation am 1. Dezember bzw. 1. Januar und dauert bis zum 1. April (Beginn der Busch windröschenblüte).

 

Im Revier oder reviernah geworbenes Heu darf auch unmittelbar nach Mahd und Trocknung im Revier verbleiben, Jagd- und Fütterungszeit sind getrennt. Das Angebot an Anwelksilage wird in der Hegegemeinschaft abgestimmt, die gemeinsame Beschaffung von Futtermitteln ist generell sinnvoll.

 

Diese Standards haben sich in verschiedenen Pilotprojekten der Forschungsstelle bewährt.

 


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Überlebensstrategien im Winter

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Bei heruntergefahrenem Stoffwechsel reagiert Rotwild im Winter auf Störungen geradezu panisch - die Abschusserfüllung bis zum Jahreswechsel ist daher wichtig zur Entspannung.
Foto: K.-H. Volkmar

Zur Voranpassung an winterliche Nahrungsengpässe zählen beim Rotwild die Feistbevorratung, Umbauvorgänge im Verdauungssystem wie die Anpassung des Pansens an faserreichere, aber nährstoffärmere Äsung im Winter und die Absenkung der Stoffwechselrate.

 

Die Überwinterungsstrategie umfasst die Energieeinsparung durch Reduzierung des Aktionsraumes, gute Isolierung durch die Winterdecke und das Heraussuchen besonders geeigneter Überwinterungsbereiche. In der heutigen Kulturlandschaft sind Täler vom Menschen besiedelt und intensiv genutzt – und stehen so als Überwinterungsgebiete für Wildtiere nicht mehr zur Verfügung. Die natürliche Überwinterungsstrategie durch Lebensraumwechsel ist damit für Rotwild unter bunden. Es ist damit einer tier öko logischen Sondersituation ausgesetzt, da es das ganze Jahr über im selben Lebensraum verbleiben muss.

 

In den aktuellen Überwinterungsräumen von Rotwild kommt es zu zusätz lichen Problemen durch Änderungen auch in der Landwirtschaft. Rotwild ist im Winter aufgrund seiner morphologischen, anatomischen und physiologischen Anpassung des Verdauungstraktes auf höhere Faseranteile angewiesen. Wo auf großer Fläche Kreuzblütler wie Raps angebaut werden, kommt es zu intensiver Beäsung – der nötige Faserausgleich wird dann vielfach aus Baumrinde gedeckt. Charakteristisch nach Aufnahme größerer Rapsmengen ist die Schädigung von Fichten selbst in Altersklassen, die normalerweise nicht mehr geschält werden.

 

Winterfütterung in der Kulturlandschaft ist letzten Endes eine Krücke – als Ersatz für durch menschliche Einflüsse genommenen Winterlebensraum.

 

Alle Untersuchungen zur Jahresperiodik kommen zu inhaltlich gleichen Aussagen und Schlussfolgerungen. Durch vergleichende funktionelle Anatomie belegte Anpassungen in Verdauungssystem und -physiologie (Hofmann 1985/1989) – verwiesen wird auf Umbauvorgänge im Pansen mit kleineren und weniger Zotten im Winter, der Stoffwechselphysiologie (Arnold et al. 2004) – Pulsrate, Unterhauttemperatur und Aktivität erreichen im Winter ihre Tiefstwerte im Jahresverlauf und der Etho-Ökologie (Petrak 1993, Simon 2008) – kleinster Aktionsraum und höchste Nischenbreite im Jahresverlauf – als Maß für das Höchstmaß an genutzten Pflanzengemeinschaften – entsprechen einander. Die Steuerung erfolgt durch die Tageslänge und Reaktion auf die pflanzenphänologische Phase und das davon bestimme Nährstoffangebot.

 

Erfolgreiche Überwinterung erfordert vor allem Ruhe ab der Jahreswende. Mit länger werdenden Tagen ab dem Spätwinter steigt die Stoffwechselrate des Wildes wieder an. Dann wird die Vegetationsentwicklung durch das Überschreiten von Temperaturschwellenwerten bestimmt – kalte, klare Tage mit viel Sonnenschein führen zur Erhöhung des Stoffwechsels. Gleichzeitig bleibt die Vegetation jedoch zurück, sodass die Schere zwischen Bedarf des Wildes und dem Vegetationsangebot auseinanderklafft.

 

Geschlossen wird diese Schere in der phänologischen Phase erst in der Mitte des Erstfrühlings, also zur Buschwindröschenblüte.

 


Ausblick

Unter bestimmten Umständen ist eine Winterfütterung von Schalenwild notwendig, eine Abstimmung in Hegegemein schaften ist Bestandteil des Konzeptes.

 

Gutes Heu und gute Anwelksilage genügen als Futtermittel, die Abstimmung der etwas attraktiveren Grassilage innerhalb der Hegegemeinschaft ist in jedem Fall sinnvoll. Der Hinweis „künstlich“ ist angesichts der massiven Landschaftsänderungen kein Argument gegen eine sachgerechte Notzeitfütterung.

 

Nicht zu vergessen – zur Rücksichtnahme auf die Überwinterungsstrategien des Wildes zählt natürlich auch eine Abschusserfüllung bis Weihnachten …

 

Dr. Michael Petrak
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 09/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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Literatur

Arnold, W.; Ruf, T.; Reimoser, S.; Tataruch, F.; Onderscheka, K.; Schober, F. (2004): Nocturnal hypometabolism as an overwintering strategy of red deer Am. J. Physiol. Regul. Integr. Comp. Physiol. 286: R 174 - 181

 

Hofmann, R. R., 1985: Digestive Physiology of the Deer – Their Morphophysiological Specialisation and Adaption. Biology of the Deer Production. The Royal Society of New Zealand, Bulletin, 22: 393 - 407

 

Hofmann, R., R., 1989: Evolutionary Steps of ecophysiological adaption and dever sification of ruminants: a comparative view of their Digestive System. Öcologia 78, 443 - 457

 

Petrak, M., Steubing, L., 1985: Inhaltsstoffe und Beäsungsintensität ausgewählter Nahrungspflanzen des Rothirsches (Cervus elaphus Linné, 1758) in der Eifel. Z. f. Jagdwiss. 31, 73 - 82

 

Petrak, M., 1993: Nischenbreite und Nischenüberlappung bei der Nahrungswahl von Rothirsch und Reh in der Nordwesteifel. Z. Jagdwiss. 39, 3, 161 - 170

 

Simon, O., Lang, J., Petrak, M., 2008: Rotwild in der Eifel – Lösungen für die Praxis aus dem Pilotprojekt Monschau- Elsenborn Klitten, Lutra


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