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RWJ 12/2015: Konsequenzen des neuen Landesjagdgesetzes

Klasseneinteilung in Abschussplanung und -durchführung

Mit dem neuen Landesjagdgesetz und der Durchführungsverordnung orientiert sich die Klasseneinteilung beim Schalenwild allein am Alter – mit Konsequenzen für die Jagdpraxis.

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Foto: M. Breuer

Der Auszug aus der DVO ist nachfolgend wörtlich wiedergegeben:

 

Klasseneinteilung, Abschussgrundsätze

(1) Schalenwild wird zur Erhaltung einer artgerechten Altersstruktur in Klassen eingeteilt.

 

(2) Die bei normalem Altersaufbau geltenden Abschussanteile und die Kriterien für den Abschuss ergeben sich aus der Anlage 1. Wird der normale Altersaufbau durch Fallwild oder Fehlabschüsse beeinträchtigt, so ist diese Beeinträchtigung in den Folgejahren bei der Abschussplanung auszugleichen.

 

(3) Abweichend von Abs. 2 können Hegegemeinschaften für ihren Bereich Kriterien für den Abschuss von männlichem Wild zur Erhaltung einer artgerechten Altersstruktur nach Zustimmung der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung und der unteren Jagdbehörde beschließen.

 

Allgemein verbindliche Geweihmerkmale, also Güteklassen sind weggefallen, um Abschusshemmnisse zu beseitigen. Die Güteklassen A und B waren auch in der Vergangenheit stets Hilfsgrößen, die die Altersklassenorientierung bei der Bejagung unterstützen sollten. Die Ansprache des Wildes auf das Alter ist nicht trivial. Wenn mit Rotwild nicht so vertraute Jäger etwa wissen, dass in einem bestimmten Gebiet Hirsche der Klasse III maximal Achter sind, erleichtert dies die Bejagung wesentlich.

 

Mit der Novellierung des Gesetzes wurde die Verantwortung der Hegegemeinschaften gestärkt. Sie können unter der Voraussetzung, dass sie biologischen Kriterien folgen, sich also an der Alters- und Sozialstruktur orientieren, Abschusskriterien auch in Orientierung an Geweihmerkmalen weiter präzisieren. Aktuell haben drei Hegegemeinschaften die Chancen dazu bereits genutzt. Erforderlich sind dafür die Zustimmungen der Unteren Jagdbehörde und der Forschungsstelle.

 

Die Altersklassenorientierung ist in der Anlage 1 zu § 21 DVO LJG NRW zusammengefasst (s. Tabelle/Download).

 

Da auch in der Vergangenheit die Orientierung an den Altersklassen Vorrang hatte, hat sich an der prozentualen Gliederung des Abschusses nichts geändert. Als Grundlage zur besseren Streckenanalyse sind Jährlinge in zwei Klassen aufgeführt: Bezüglich der Freigabe sind sie beim Rotwild etwa in der Altersklasse 3, hinsichtlich der Streckenregistrierung in der Altersklasse 4:

Aus biologischen Gründen macht es Sinn, junge Hirsche in der Klasse 3 für die Freigabe zusammenzufassen.

 

Die Forschungsstelle hat bereits in der Vergangenheit stets darauf verwiesen, dass eine gesonderte Erfassung der Jährlinge entscheidend ist, um für einzelne Wildarten einen Mindest-Alttierbestand zu berechnen: 2013 ergibt sich dieser etwa als Summe der 2013 erlegten Kälber zzgl. der 2014 erlegten Schmaltiere/-spießer. Diese Kalkulation setzt jedoch voraus, dass Spießer auch tatsächlich getrennt erfasst werden.

 

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Beide Hirsche gehören der Altersklasse 2 an - nicht überall lassen sich Hirsche so gut vergleichen wie im Nationalpark Eifel. Fotos (2): Dr. M. Petrak

In einigen Rotwildgebieten war dies aus Einsicht bereits in der Vergangenheit der Fall. Da die fachliche Einsicht nicht immer Praxis und Verwaltung erreichte, wurden in der Anlage zur Klasseneinteilung die Jährlinge als eigene Klasse für die Streckenerfassung eingeführt.

 

Die getrennte Erfassung der Jährlinge beiderlei Geschlechts ist ein eindeutiger Vorteil für die Streckenauswertung!

 

Mit der Novellierung des Landesjagdgesetzes ist die Verantwortung der Unteren Jagdbehörden in Bezug auf die Freigabe gestiegen. In der Vergangenheit wurde es zum Teil riskiert, mehr Hirsche freizugeben, als tatsächlich vorhanden sind. Da mit Geweihmerkmalen eine „Hilfsbremse“ eingebaut war, hatte dies nicht zwangsläufig gravierende Folgen. Allerdings hatten wir bereits früher nachgewiesen, dass eine zu hohe Freigabe in der Klasse 1 das Risiko von Fehlabschüssen in der Klasse 2a erhöht.

 


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Forschungsstelle

Mittelklasse weiter schonen!

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Tagaktives Rotwild erleichtert auch das Ansprechen.

Erhöht wurde mit der Abschaffung der Gütemerkmale die Verantwortung hinsichtlich der Anzahl der Freigabe.

 

Die Argumentation, „man könne ruhig mehr Hirsche der Klasse 2a freigeben (mittelalte Hirsche sind normalerweise zu schonen), da ja kaum so viel Hirsche der Klasse b vorhanden sind, dass zu viele erlegt werden“, ist nicht mehr vertretbar.

 

Im Interesse einer sozial richtigen Abschlussgliederung ist es notwendig, dass in den einzelnen Klassen tatsächlich eine Begrenzung der Stückzahl erfolgt.

 

Wird dies nicht beachtet und führt eine Überfreigabe zum Fehlen reifer Hirsche, ist dies auch unter Tierschutzaspekten äußerst bedenklich, denn reife Hirsche sind wichtig für einen zeitgerechten Brunftablauf und früh gesetzte Kälber.

 

Die Anwendung der neuen Rechtsgrundlagen erfordert auch ein Umdenken. Notwendig ist v. a. auch, alle Jäger einer Region gemeinsam ins Boot zu holen. Nach Erfahrungen der Vergangenheit (landesweit geltende Gütemerkmale waren in bestimmten Rotwildgebieten schon früher an örtliche Begebenheiten angepasst) ist jedoch davon auszugehen, dass nach ein bis zwei Jahren Hegegemeinschaften und Rotwildsachverständige für ihre Bereiche passende Abschusskriterien gefunden haben. Die Forschungsstelle steht zur Beratung gerne zur Verfügung.

 

Einschlägige Veröffentlichungen im Rheinisch-Westfälischen Jäger zur Streckenerfassung und -auswertung gelten weiter.

 

Dr. Michael Petrak
LANUV NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und
Wildschadenverhütung, Pützchens Chaussee 228,
53229 Bonn, E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 12/2015 mit der Tabelle „Klasseneinteilung für Schalenwild“ steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_12/15_Forschungsstelle


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