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RWJ 08/2015: Gestaltung vom Wildwiesen und Äsungsflächen

Gemeinsame Aufgaben für Jagd und Naturschutz

Wildwiesen sind Halbkulturformationen, entstanden durch Mahd auf ehemaligen Waldstandorten. Waldwiesen und Grünäsungsflächen im Wald nehmen eine Schlüsselrolle für die Wald-Wild-Balance und den Artenschutz ein. Die fachgerechte Mahd artenreicher Wiesen bietet die Chance, Naturschutz und die Werbung hochwertigen Heus für die Winterfütterung miteinander zu verknüpfen.

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Stehen dem Rotwild Waldwiesen zur Verfügung, vermindern sie das Risiko von Wildschäden erheblich - und sind auch Drehscheibe für Brunft und Kälberaufzucht. Foto: M. Breuer

Wo Offenland fehlt, schaffen eigens angelegte Grünäsungsflächen Lebensraum für zahlreiche Arten und entlasten den Wald. Eine gemeinsame Fortbildung der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung gemeinsam mit LANUV und dem Regionalforstamt Oberes Sauerland für Waldbesitzer, Forstleute, Berufsjäger, Rotwildsachverständige und Hegegemeinschaften vermittelte Ende Juni 2015 fachliche Grundlagen zu Pflege und Erhalt artenreicher naturnaher Grünlandgesellschaften, Neuanlage von Äsungsflächen und ihrer Integration in den Forst- und Jagdbetrieb. Eine Exkursion schloss eine Maschinenvorführung zur Mahd im Feuchtgrünland ein und vermittelte Praxis auch unter technisch anspruchsvollen Standortverhältnissen.

 

An die Einführung „Die Schlüsselrolle von Wiesen, Waldwiesen und Grünäsungsflächen zur Balance von Wald und Wild“ von Dr. Michael Petrak schloss die „Pflege und Neuanlage von Grünäsungsflächen im Hochwildrevier – Erfahrungen aus der Praxis“ (Wildmeister Peter Markett/Davert Hochwildring) an.

 

Dr. Andreas Neitzke vom Fachbereich Naturschutz ging auf „Synergien von Jagd und Naturschutz im Waldrevier – Erhaltung und Pflege von Grünlandgesellschaften und Fördermöglichkeiten“ ein. Theoretische Grundlagen wurden durch den Vortrag des für den Staatswald verantwortlichen FD Frank Ulrich Cramer „Äsungsflächenmanagement im RFA Oberes Sauerland“ vervollständigt. Die wichtigsten Einsichten für die Praxis werden nachfolgend zusammengefasst.

 

Allgemeine Grundlagen

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Fachgerechte Mahd einer Mädesüß-Flur. Foto: M. Petrak

Wiesen sind Halbkulturformationen, die durch Mahd auf Waldstandorten entstanden sind. In vielen Mittelgebirgen in NRW sind ausgedehnte Wiesenkomplexe entlang der Gewässer in den Wäldern seit Jahrhunderten belegt. Wer heute Grünäsungsflächen gestalten will, kann viel aus ihrer kulturgeschichtlichen Entwicklung lernen. Vor allem beim Grünland gilt – erhalten geht über gestalten. An jedem Standort muss sich die spezifische Flora unter entsprechender Pflege selbst einstellen.

 

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbietet sich dort von selbst:

 

  • Disteln lassen sich durch regelmäßiges Schneiden und Räumen der Fläche bekämpfen – entscheidend ist, dass sie nicht in die Blüte gelangen, -
  • Ampfer muss regelmäßig herausgestochen werden, entscheidend ist auch der richtige Mahdzeitpunkt.

 

Die Angabe eines Datums ist hier eine Richtgröße, für die Praxis sind zwei Kriterien entscheidend:

Pflanzenphysiologisch ist es wichtig, dass die Mahd vor der Fruchtreife wenig beliebter Arten erfolgt, die ansonsten die Äsungspflanzen im Laufe der Zeit verdrängen – also zweckmäßigerweise in der Blühphase der wichtigsten Gräser.

 

Die Zunahme des wenig beliebten Wolligen Honiggrases auf Wiesen und Weiden weist auf zu späte Mähtermine hin. Entscheidend ist die Kontinuität über Jahre hinweg.

 

Unabhängig von Besitzverhältnissen zeigt sich immer wieder, dass Grünlandverschlechterungen ganz überwiegend Folge vernachlässigter Pflege sind. Nachlässigkeit in ein oder zwei Jahren braucht oft mehr als die doppelte Zeit, um den Ursprungszustand wieder zu erreichen. Fehlende Kontinuität aus finanziellen Gründen ist damit extrem unwirtschaftlich.

 

In Naturschutzgebieten sind entsprechende Pflegeauflagen zu berücksichtigen. Gerade als Halbkulturformationen machen Wiesen die zentrale Aussage der Biodiversitätskonvention deutlich – nachhaltige Nutzung dient dem Schutz der Natur.

 

Der Erhalt von Wiesen funktioniert, wenn Wiesen als Äsungsflächen und Heu zur Fütterung von Haustieren oder zur Winterbevorratung geeignet sind. Werden diese Qualitätskriterien nicht mehr erreicht, ist mit der Grünlandfläche etwas schiefgelaufen.

 

In Naturschutzgebieten sind entsprechende Pflegeauflagen zu berücksichtigen. Sofern das Schutzziel im Erhalt der Grünlandgesellschaften besteht, sieht der Pflegeplan häufig eine Mahd jährlich oder in mehrjährigen Abständen vor. Düngung ist meist verboten.

 

Für bestimmte Grünlandgesellschaften ist jährliche Düngung mit Thomaskali (2 dt/ha) nach Kalkung im Abstand von fünf Jahren akzeptabel.

 

Ist der pH-Wert des Bodens erst mal in den sauren Bereich abgerutscht, dauert es mehrere Jahre, bis er wieder zwischen 5 und 6 liegt.

 

Wer viele solcher Flächen im Revier hat (wie Talwiesen im Mittelgebirge) sollte sich bemühen, deren Pflege selbst zu übernehmen. Bei größeren Flächen empfiehlt sich die Kooperation mit Landwirten, gerade in FFH- und Naturschutzgebieten legen die Landkreise vielfach Wert darauf. Professionelle Pflege durch Landwirte kommt auch dem Wild zugute.

 

Wird Heu zur Winterfütterung eingesetzt, ist es wichtig, Talwiesen abschnittsweise in Anhalt an vorhandene Pflanzengemeinschaften zu mähen. Die Grenzen dieser Gemeinschaften erkennen auch Laien am unterschiedlichen Erscheinungsbild der Vegetation. Auf dem Talboden stocken in der Regel Pflanzengemeinschaften, die auf ständige Wasserversorgung angewiesen sind wie Binsengesellschaften, Rohrglanzgras, Röhrichte, Mädesüß-Fluren und Flachmoorgesellschaften. Sofern diese Flächen überhaupt geschnitten werden dürfen, eignet sich ihr Heu nicht zur Winterfütterung.

 

Diese Pflanzengemeinschaften gehen in höheren Tallagen vielfach in Pfeifengraswiesen über, die zu ihrer Erhaltung gemäht werden müssen, jedoch auch maximal Heu von Streuqualität liefern. Alle Pflanzengemeinschaften müssen gemäht und ihr Schnittgut in jedem Fall abtransportiert werden. Wesentliche Kriterien sind am Beispiel eines Merkblattes im HSK wiedergegeben.

 


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Gestaltung vom Wildwiesen und Äsungsflächen

Worauf man achten muss

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Bejagungsfläche im Wald: Die Wuchsform der Buchen wurde verursacht durch Wild und Mensch. Foto: M. Petrak

Zulässige Pflegemaßnahmen (Bodenbearbeitung): Schleppen und Walzen sind bei entsprechendem Bodenzustand vor dem 1. April durchzuführen. Dabei muss der Untergrund so weit abgetrocknet sein, dass beim Befahren keine unnötige Bodenverdichtung oder tiefe Fahrspuren entstehen. Bei ungünstiger Witterung, wie später Schneeschmelze, kann in Abstimmung mit der ULB die Bodenbearbeitung bis zum 15. April noch durchgeführt werden.

 

  • Es besteht Mähpflicht, dazu dürfen keine Maschinen eingesetzt werden.
  • Mähzeit: Die erste Mahd einschließlich Abtransport des Mähgutes ist ab dem 15.7. durchzuführen. Damit dabei keine Wildtiere gefährdet werden, ist eine Ergänzung durch die Orientierung an der Gräserentwicklung sinnvoll.
    Eine zweite Mahd einschließlich Abtransport ist ab dem 1.9. zulässig.
    Die Mahd ist zum Schutz von Wiesenvögeln und anderen Arten von innen nach außen durchzuführen.
  • Nichtnutzung von Randstreifen oder sonstigen Teilflächen zur Bildung von Strukturen (Empfehlung): Die Mähpflicht kann auf einen bis 5 m breiten Randstreifen oder sonstige Teilflächen (nicht mehr als 5 Prozent der Gesamtfläche) entfallen. Diese ungemähten Bereiche sollten entweder beim zweiten Schnitt mitgemäht werden oder die Lage ungemähter Flächen jährlich wechseln.
  • Beweidung der Fläche ist nicht zulässig.
  • Für die Düngung gilt sinngemäß das Erläuterte, auch für Kalkgaben. Gerade im Wald weisen viele Flächen erheblichen Kalkmangel auf.

 

(Pflege)Umbruch, Nachsaat mit zugekauften Mischungen, Wildfütterung, Pflanzenbehandlungsmittel, Entwässerung, Veränderung der Oberflächengestalt, Beseitigung von Heckengehölzen und Lagerung von Siloballen oder Misthaufen sind nicht zulässig. Diese Pflegemaßnahmen sind Bestandteil eines EU-Programmes und der LIFE-Plus. Ein besonderes Problem ist die Verbrachung ehemals intensiv genutzter Wiesen. Honiggrasdominanz mindert den Wert von Flächen für Wild und Haustiere deutlich. Rohrglanzgrasrröhrichte und Mädesüß- Fluren in feuchteren Partien erhöhen die Strukturvielfalt. Mädesüß selbst ist als Äsungspflanze beliebt (Mahd alle zwei bis drei Jahre). Die Standorte sind wegen der guten Wasserversorgung mit normalen Maschinen nicht befahrbar.

 

Die Vorführung einer Mädesüß-Flur- Mahd zeigte anschaulich, dass auch solch nasse Standorte heute kein Problem mehr sind. Die Flächenbelastung des Raupenfahrzeuges ist vernachlässigbar. Positive Erfahrungen liegen nicht nur aus dem Hochsauerland vor, sondern auch aus dem Einzugsbereich des Pilotprojektes Monschau-Elsenborn (Belgien). Äsungsflächen sind nur wirksam, wenn man sie nicht als Jagdflächen missbraucht. Der immer noch gültige „Runderlass des Umweltministeriums Berücksichtigung der Lebensraumansprüche des Wildes bei der Bewirtschaftung des Waldes“ (18.10.1999) fasst dazu alle wesentlichen Punkte zusammen.

 


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Das Zurückschneiden in Kniehöhe liefert Knospenäsung und erhält die Sichtweite. Foto: M. Petrak

Eigens angelegte Kleinflächen zur Jagd in Wäldern sind vielfach notwendig und tragen wesentlich zur Entlastung eigentlicher Äsungsflächen bei. Beim entsprechenden Einsatz der Holzbodenfläche ist es wichtig, die Randbereiche entsprechend zu gestalten. Aufwachsende Naturverjüngung (Schussfeldbehinderung) wird zurückgeschnitten. Erfolgt dies in etwa Kniehöhe und nicht etwa unmittelbar über dem Boden, wird so zusätzlich Knospenäsung bereitgestellt. Auf eigens auf Holzbodenfläche angelegten Standorten können auch übliche Äsungsmischungen ausprobiert werden.

 

Wiesenpflege und Äsungsflächengestaltung/-erhaltung gelingen am besten, wenn man sich an historischen Vorbildern orientiert und dabei auch berücksichtigt, dass das Ergebnis für Wildtiere auch nutzbar ist! Wertvolle Flächen können heute auch als Spenderflächen zur Gewinnung von Heusaat genutzt werden. Zeiten, in denen wertvolle Wiesen gemäht und das Mähgut zur nächsten Mülldeponie gefahren wurde, sind glücklicherweise vorbei.

 

Aber auch bei aktuellen Programmen sind Verbesserungen im Hinblick auf die Nutzung für Tiere noch möglich. Gutes Grünlandmanagement ist vor allem Zeitmanagement im Hinblick auf die Mahdtermine. Kontinuität ist dabei besonders wichtig, damit in artenreichen Wiesen nicht wenig beliebte Pflanzen wie Wolliges Honiggras andere Arten verdrängen oder Problempflanzen wie Disteln und Ampfer zunehmen. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, dass auch kleinere Schlampereien übers Jahr leicht mehrere Jahre nachwirken. Eine Kooperation zwischen Eigentümer, Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz ist bei großen Flächen die beste Lösung. Damit minimiert man auch das Risiko, dass notwendige Maßnahmen allein aus Haushaltsgründen unterbleiben. Die Nutzung kommt im besten Sinne des Wortes Pflanzengemeinschaften, dem Wild und allen Beteiligten und Betroffenen zugute.

 

Dr. Michael Petrak
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228
53229 Bonn

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 08/2015 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_08/15_Forschungsstelle


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