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RWJ 08/14: Wildbrücken in NRW

Eine Erfolgsgeschichte

Mit Mitteln des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung wurden in NRW vier neue Wildbrücken errichtet, erstmals auch über bereits bestehende Fernstraßen – die A 1 bei Nettersheim in der Eifel, die A 3 bei Köln zwischen Königsforst und Wahner Heide, die A 31 bei Schermbeck in der Üfter Mark und die B 64 bei Bad Driburg im Eggegebirge. Die Auswahl folgte den Empfehlungen des Landesjagdbeirates, der schon 2003 eine Prioritätenliste erforderlicher Querungshilfen für Rotwild erstellte.

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Wildbrücken - hier über der A1 bei Nettersheim in der Eifel - bieten sichere Querungsmöglichkeiten für Wildtiere, vernetzen Lebensräume und vermeiden Wildunfälle. Fotos: I. Hucht Ciorga

Bei der Festlegung von Standort und Gestaltung wurde besonders auf die Bedürfnisse des Rotwildes als Zielart für den Biotopverbund eingegangen. Die Wildbrücken in Eifel und Egge wurden zusätzlich in Hinblick auf die Nutzung durch die zweite Zielart Wildkatze optimiert. Wildbrücken bieten durch eine reich strukturierte Oberfläche und abwechslungsreiche Bepflanzung Lebensraum und eine sichere Querungsmöglichkeit für zahlreiche weitere wild lebende Tierarten. Hohe Irritationsschutzwände schirmen die Oberflächen beiderseits von Fahrzeuglärm und Scheinwerferlicht ab.

 

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Damit sich Wildtiere beim Wechseln sicher fühlen, brauchen sie Sichtschutz nach beiden Seiten.

Zielart Rotwild
Als Standort für Wildbrücken mit Rotwild als Zielart eignen sich Bereiche in den Kammlagen von Höhenzügen, die vom Rotwild bevorzugt als Wechsel angenommen werden. Ideal sind Stellen, an denen die Straße in einem Einschnitt verläuft. Freie Sichtachsen sind für das stark optisch orientierte Rotwild von großer Bedeutung. Gehölzpflanzungen wurden deshalb vorwiegend seitlich angelegt. Es gelang bei allen Wildbrücken, steile Anstiege zu vermeiden, die ebenfalls die freie Sicht im Wechselkorridor behindern, und durch breite, abgeflachte Rampen (max. 10 Prozent Steigung) die Zuwege für Rotwild attraktiv zu gestalten.

 

Besonders aufwendig war die Realisierung der Wildbrücke über die B 64, weil dort die Bundesstraße ebenerdig über den Eggekamm verläuft – tausende von Tonnen Erdmaterial musste man anschütten, um den neu geschaffenen Wechselkorridor optimal in die Landschaft einzupassen.

 


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Für Autofahrer sieht das dann so aus.

Zielart Wildkatze
Rotwild und Wildkatze ergänzen sich in ihren Anforderungen an Standort und Gestaltung von Wildbrücken. Der von Experten erstellte „Wildkatzenwegeplan“ deckt sich in vielen Bereichen mit den bekannten Fernwechseln des Rotwildes. Neben dem geeigneten Standort ist für Wildkatzen die Kombination mit einem speziellen Schutzzaun besonders wichtig. Die Ausführung aus engmaschigem Draht mit Überkletter- und Untergrabungsschutz verhindert auf mehrere Kilometer beiderseits der Wildbrücke, dass der Zaun durch- oder überklettert wird bzw. dass Dachs oder Fuchs ihn untergraben. Anders als konventionelle Schutzzäune leitet er auch kleinere Wildarten zur sicheren Querung an der Wildbrücke.

 

Bei der Bauausführung müssen die Anschlüsse an andere Querungsbauwerke (Brücken, Unterführungen) und Durchgänge mit Türen oder Toren besonders sorgfältig durchdacht werden, damit dort keine Klettermöglichkeiten oder Durchschlupfe entstehen.


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Solche Wildkatzen-Schutzzäune können von Raubwild nicht überklettert oder untergraben werden und leiten auch kleine Wildarten zur sicheren Querung an einer Wildbrücke.

Erfolgskontrolle
Seit ihrer Fertigstellung wird die Nutzung der Wildbrücken wissenschaftlich untersucht: Wildwechsel werden kartiert, Fährten, Losungen und Fraßspuren fotografiert und vermessen.

 

Wildkameras erfassen querende Wildtiere und dokumentieren Datum und Uhrzeit. Mit Ausnahme der A 31 werden diese Untersuchungen von der Forschungsstelle durchgeführt. Es zeigte sich, dass alle Wildbrücken schon wenige Tage nach ihrer Öffnung von Rehen, Sauen, Fuchs und Feldhase angenommen wurden. Rothirsche erkundeten die Wildbrücken bereits nach wenigen Wochen, später gefolgt vom Kahlwild. Spätestens nach sechs Monaten wurden alle Brücken regelmäßig von Rothirschen genutzt. Im Laufe der Beobachtungszeit gelangen auch Nachweise weniger häufiger Arten wie Dachs, Baummarder, Steinmarder, Iltis, Waschbär und Wildkatze.


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Wildkameras dokumentieren, dass die Brücken nach einiger Zeit selbst vom sehr traditionsgesteuerten Rotwild gut angenommen werden - erst von den Hirschen und mit Verzögerung schließlich auch vom Kahlwild.

Probleme durch Störungen
Störungen durch den Jagdbetrieb können die Annahme von Wildbrücken dauerhaft beeinträchtigen. Mit Eigentümern und Jagdausübungsberechtigten im nähe ren Umfeld der Wildbrücken wurde daher schon früh ein freiwilliger Jagdverzicht im Umkreis von 300 m vereinbart.

 

Obwohl es verboten ist, betreten leider immer wieder Unbefugte Wildbrücken. Neugierige Spaziergänger und frei laufende Hunde stören im Wildlebensraum besonders, aber auch Wandergruppen, Fahrradfahrer, ja in Einzelfällen sogar Motorradfahrer und Reiter (!) nutzen Wildbrücken, obwohl andere Querungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Durch gezielte Lenkungsmaßnahmen und Aufklärung der Bevölkerung sollte künftig verhindert werden, dass sich hier inoffizielle Wanderrouten etablieren, die nachhaltig die Wirksamkeit der Wildbrücken beeinträchtigen.

 

Bonner Jägertag 2014
Am 16. September findet in der Stadthalle von Bad Godesberg der 37. Bonner Jägertag zum Lebensraumverbund in NRW statt (s. RWJ 7-2014, S. 45). Dabei werden Planungsgrundlagen und prak tische Erfahrungen mit Wildquerungshilfen vorgestellt und diskutiert – die Forschungsstelle bittet um verbindliche Anmeldung bis zum 20. August.

 

Dr. Ingrid Hucht-Ciorga
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228
53229 Bonn
E-Mail: ingrid.hucht-ciorga@lanuv.nrw.de


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 08/2014 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

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