Seite 1

RWJ 07/2015: Landeshegeschau 2015

Bis heute aktuell .

Die 21. Landeshegeschau in Schmallenberg fand in einem der größten Rotwildgebiete Zentraleuropas statt – der Hochsauerlandkreis hat eine besondere Bedeutung auch für die Wildforschung in Nordrhein-Westfalen.

lhs-2

Die Pilotprojekte Winterberg und Glindfeld haben auch international viel beachtete Wege zum Ausgleich der Interessen von Jagd, Forstwirtschaft und Tourismus und zur Balance von Wald und Wild aufgezeigt. Aktuell entwickeln im Modellprojekt Endorf Jagdgenossenschaft, Revierinhaber, Kreisjägerschaft, Hochsauerlandkreis, Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung, Jäger und Forstleute gemeinsame Lösungen zum Ausgleich von Wald und Wild nach Kyrill. Die Forschungsstelle führte verschiedene Vorhaben gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Umweltchemie und Ökotoxikologie in Schmallenberg durch.

 

Sachgerecht durchgeführte Hegeschauen liefern wichtige Kenndaten zur Population, mit modernen genetischen Methoden kann man Geweihe auch für weitergehende Analysen zur Verwandtschaft und damit zur erfolgreichen Umsetzung der Biodiversitätsstrategie nutzen. Eine begleitende Rotwild-Ausstellung der Forschungsstelle und ausgelegte Schriften boten dazu viel Hintergrundinformation

 

Hegeschauen freiwillig fortsetzen

lhs-1

Traditionell werden die Rothirsch-Geweihe bei uns getrennt nach Landesteilen präsentiert - hier die Trophäen aus der Region Siegerland-Wittgenstein und Hochsauerland.

Geweihe haben einen entscheidenden Vorteil für Untersuchungen – man kann sie klimaneutral über lange Zeit sicher lagern, sie sind robust. Vor diesem Hintergrund würden verbindliche Hegeschauen zumindest für Rotwild auch weiter Sinn machen, denn zur Analyse ist die eindeutige Zuordnung zu Verbreitungsgebieten entscheidend.

 

Daher kommt es auch nach dem neuen Landesjagdgesetz darauf an, dass Jäger Hegeschauen auch weiter freiwillig und zuverlässig organisieren, damit ihr Wert zur Einschätzung gesichert bleibt – entscheidend ist der Einsatz für Wild und seine Lebensräume.

 

Für den Erleger ist eine Trophäe die Brücke zur Erinnerung – über diesen persönlichen Wert hinaus ist sie aber auch ein Dokument zum Vorkommen.

 

Rotwild und Wildkatze sind Sympathieträger für den Biotopverbund. Nach den Erfolgen in der Biotopvernetzung mit dem Bau von Grünbrücken (Konjunkturprogramm II) darf man sich nun aber nicht auf dem Erfolg ausruhen. Aktuell geht es darum, Sanierungen an der Sauerlandlinie A 45 für weitere Querungshilfen zu nutzen – so bei Haiger und an der Kalteiche, die Zusammenarbeit von Jagd und Naturschutz vor Ort ist dort vorbildlich.

 

Wechselbeziehungen zwischen Wild und Vegetation, vor allem Wald und Wild und die Verminderung von Wildschäden sind immer wieder aktuell. Die Beratungen zum Leitfaden Wald und Wild für die Praxis (gemeinsame Herausgeber: Deutscher Forstwirtschaftsrat und DJV) beschreiten einen wichtigen Weg.

 

Biologisch betrachtet ist der ländliche Raum mehr als eine schiefe Ebene für Natursportarten und touristische Highlights – dies gilt natürlich auch für Naturschutzprojekte. Wenn regional über zu hohe Wildbestände für den Wald geklagt wird (tatsächlich lebt heute in bestimmten Regionen mehr Rotwild als in den 1990er Jahren) kann es nicht sein, dass dieser höhere Bestand in denselben Regionen heute wegen der touristischen Erschließung weniger pflegewirksam für Offenland-Lebensräume ist als früher.

 

Auch bei Entwicklungsmaßnahmen sollte man also ein Mindestmaß an Deckung belassen, damit aus fördertechnischen Gründen (Flächengröße) nicht auch noch die letzte Fichte entfernt wird.

 


Aktuelle Sorgen

lhs-3

Die stärksten Damschaufler aus NRW stammen aus dem Märkischen Kreis.

Die Landeshegeschau orientiert sich an ganz Nordrhein-Westfalen – da taucht bei mancher Wildart immer wieder die Frage auf, ob diese bei uns denn auch natürlich (autochthon) vorkommt.

 

Mit Blick auf unsere Gesamtverantwortung in einer kleiner werdenden Welt stellt sich aus fachlicher Sicht zunächst die Frage nach der ökologischen Passung: Ökologie als Lehre von den Wechselbeziehungen in der Natur und nicht als politische Denk- oder Glaubensrichtung ist gefragt – dabei ist nicht die Herkunft, sondern die ökologische Passung entscheidend. Bei den Kulturschätzen der Menschheit wird ja durchaus ähnlich argumentiert (gemeinsame internationale Verantwortung) wie aktuelle weltpolitische Diskussionen zeigen.

 

So kam Damwild bis zur Eiszeit auch in Mitteleuropa vor, aktuell ist es in seinen natürlichen Rückzugsgebieten so gefährdet, dass etwa die Türkei die Universität Gießen um Unterstützung gebeten hat.

 

Ähnlich sieht es beim Muffelwild aus – in seinen Rückzugs- (und Ursprungs-) Gebieten auf Korsika und Sardinien ist es erheblich gefährdet. Von daher sind durchaus auch wir in der Pflicht, das Muffelwild hierzulande zu erhalten, wir sollten uns also nicht einengen lassen nach dem Motto „Die Herkunft entscheidet“!

 

Für das Sikawild im Arnsberger Wald gilt dies in gleicher Weise, wobei die Bestandshöhe natürlich passen muss – da gibt es noch Hausaufgaben für die Jagd.

 

Beim Schwarzwild gilt es, mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest dauerhaft wachsam zu bleiben, dazu müssen v. a. Frischlinge bei jeder sich bietenden Gelegenheit intensiv bejagt werden! Schonzeitaufhebungen für Überläufer sind nur die letzte Lösung: Bei uns in NRW sind Sauen im gesamten ersten Lebensjahr Frischlinge – und diese gilt es, auch in ausreichender Anzahl zu erlegen.

 

Wildschweine sind hochintelligent und wo sie neu auftauchen, lernen sie manchmal schneller als die Jäger vor Ort. Das sollte man als Chance nutzen – mit dem Wild zu lernen, ist ja keine Schande, sondern ein Erlebnis …

 

Dr. Michael Petrak
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW,
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung,
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn

 

Tipp: Die Broschüre „Schalenwild in NRW (Ergebnisse der Landeshegeschau 2015)“ bietet eine umfassende Übersicht, vervollständigt mit Übersichten zu Wildarten und Beiträgen zu Herbst- u. Winterjagden (erhältlich bei der LJV-Geschäftsstelle).

 


Download

Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 07/2015 mit einer tabellarischen Übersicht der Ergebnisse der Landeshegeschau 2015 steht  Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ_07/15_Forschungsstelle


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.