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RWJ 11/2017: Bonner Jägertag 2017

Abstimmung als Schlüssel zum Erfolg

Das Leitthema des 40. Bonner Jägertages „Bejagung sozial lebender Wildarten” zog Anfang September knapp 300 Besucher an und unterstrich die Bedeutung revierübergreifender Zusammenarbeit bei Lebensraumgestaltung und Jagd.

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Rund 300 Besucher informierten sich beim diesjährigen Bonner Jägertag über Probleme und Aufgaben bei der Bejagung sozial lebender Wildarten.

Effektivität und Effizienz bei der Jagdausübung erfordern richtiges Handeln in Bezug auf den Eingriff in den Wildbestand sowie unter Tierschutzaspekten. Wildarten mit einem ausgeprägten Sozialverhalten, einer guten Jungenfürsorge und einem effektiven Lernverhalten stellen die Jagd vor besondere Herausforderungen. Zur Begrüßung stellte Dr. Thomas Delschen (Präsident Landesumweltamt NRW) fest, dass der Jägertag die wichtigen Bereiche des Rechts, der Praxis und der Wissenschaft zusammenführe. Fachübergreifende Forschung und Zusammenarbeit von Veterinären und FJW sei durch die Bedrohung der Afrikanischen Schweinepest besonders aktuell.

 

Für den LJV begrüßte Vizepräsident Georg Kurella den Bonner Jägertag als bewährte Begegnung zwischen Wissenschaft und Praxis und betonte angesichts des politischen Wechsels im Land die Bedeutung einer Überarbeitung des Lan- desjagd- und Naturschutzgesetzes. Er begrüßte die Abschaffung der Trichinengebühr für kleine Frischlinge als Beitrag zur nötigen intensiven Sauenbejagung. Dr. Axel Heider (BML) ging auf den Schutz von Elterntieren nach dem Bundesjagdgesetz am Beispiel des Rotwildes ein. Obwohl durch Studien belegt sei, dass Kälber durch den ganzen Winter hindurch der Führung durch das Alttier bedürften, sei durch den juristischen Grundsatz „in dubio pro reo“ bei fehlendem Nachweis schuldhaften Verhaltens kein Strafanspruch zu begründen. Den anerkannten Grundsätzen deutscher Waidgerechtigkeit und deren Umsetzung in der Praxis komme wegen der nicht ganz eindeutigen Formulierung im Bundesjagdgesetz daher besondere Bedeutung zu.

 

Dr. Michael Petrak vertrat kurzfristig Frank-Ulrich Cramer vom Regionalforstamt Oberes Sauerland: Hoher Druck durch Erholungsuchende, forstwirtschaftliche und jagdliche Zielsetzungen und die Ansprüche des Rotwildes zufriedenstellend zu vereinen, ist eine Herausforderung. Damit Jagd nicht zusätzlich zum Störfaktor werde, bedürfe es intelligenter Jagdstrategien, die mit Intervallbejagung und professioneller Einzeljagd auch die Aspekte des Tierschutzes berücksichtigt. Jeder Forstbetrieb müsse klimatische und standörtliche Gegebenheiten sowie den individuellen Erholungsdruck kennen und eigene Lösungen finden. Maßnahmen der Reviergestaltung erleichtern den Ausgleich. Tiere seien lernfähig – Menschen müssten dies auch sein.

 

 

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Ungelöstes Problem – obwohl Wildbiologen und Praktiker vor den furchtbaren Folgen warnen, passiert der Super-GAU immer wieder – und das Muttertier wird vom Kalb weggeschossen.

Der Leiter des Staatlichen Forstamtes Elsenborn (Belgien) René Dahmen hat über 30 Jahre positive Erfahrungen im Hochwildring Hohes Venn mit einfachen qualitativen Hirsch-Abschussrichtlinien, kombiniert mit einem unmittelbaren körperlichen Nachweis und der zusätzlichen Kontrolle bei Hirschen am Erlegungsort sowie einer Bindung des Hirsch an den Kahlwildabschuss des Vorjahres gemacht. Strafzahlungen bei Nichterfüllung des Kahlwildabschusses sowie Schadenersatz bei Schwarzwildschäden im Feld durch die Jagdausübungsberechtigten der Waldreviere kämen der Balance zwischen Wild und Lebensraum zugute.

 

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Berufsjäger Bernd Bahr beleuchtete Erfahrungen aus Rheinland- Pfalz mit Rotwildhegegemeinschaften als Körperschaften öffentlichen Rechts. Neben der Erfüllung vielfältiger Aufgaben, die eine Bejagung großräumig lebender Arten nach einheitlichen Maßstäben gewährleisten soll (wie Erstellung Gesamtabschussplan), wies er darauf hin, dass Hegegemeinschaften dieser Rechtsform an öffentlichen Planungsverfahren beteiligt würden – eine wichtige Möglichkeit jagdlicher Interessenvertretung.

In der gemeinsamen Diskussion des Vormittags wurden rechtliche Aspekte des ersten Vortrages thematisiert. Die Freigabe von Alttieren bei Bewegungsjagden im Herbst/Winter erfordere eine differenzierte Betrachtung der Einzelsituation (bisherige Kahlwildbejagung,Sichtweite im Treiben) und sei kein Aufruf zur Straftat. Entscheidend sei auch, ob die Jagd so angelegt ist, dass Alttiere und Kälber zusammenbleiben – Beispiel dafür sei bei guter Übersichtlichkeit die Freigabe einzelner Tiere vor Beginn des Treiber- und Hundeeinsatzes.

 

Franz v. Plettenberg (Bundesforst Lausitz) ging auf verschiedene Befürchtungen zum Einfluss von Wölfen auf die Bejagung und das Verhalten des Schalenwildes ein. In der Lausitz sei ein solcher Einfluss auf die Streckenentwicklung von Rot-, Schwarz- oder Rehwild bislang nicht erkennbar. Eine erste Studie der TU Dresden zeige keine drastische Veränderung des Raum-Zeit-Verhaltens, in den letzten 15 Jahren sei kein Stöberhund auf einer Jagd durch Wölfe verletzt worden. Wesentlich ist auch eine umsichtige Anlage der Jagd. Es sei wichtig, diesem Thema mit Fakten und Nüchternheit zu begegnen. Der Vortrag berücksichtigte nicht nur die Studie in Dresden, sondern auch über 15 Jahre Erfahrung als Jagdleiter und Wolfsbeauftragter im Wolfsgebiet der Lausitz. 

 

 


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Welche Konsequenzen stark zunehmende Wölfe auf Wildbestände und Jagdbetrieb haben werden, ist nicht absehbar. Die Erfahrungen auf großen Truppenübungsplätzen kann man sicher nicht 1 : 1 auf NRW übertragen. Foto: K. - H. Volkmar

Es folgte ein praxisnaher Vortrag zu effektiver und effizienter Lockjagd auf Gänse durch Sven Lübbers (Jägerlehrhof Springe). Durch Berücksichtigung der Raumnutzung der Gänse, Abstimmung mit Landwirten, koordiniertes Vorgehen in Kleingruppen (max. sieben Jäger), perfekte Tarnung von Jäger und Hund (Gänseliegen, Tarnhütten) sei es möglich, mit höchstmöglicher Effizienz hohe Strecken und wertvolles Wildbret zu erzielen und die Landwirtschaft zu entlasten. Die intelligenteste Art sei die Graugans.

 

Wildmeister Peter Markett (Vors. Landesverband Berufsjäger NRW) betonte zur zeitgemäßen Schwarzwildbejagung, dass ein verpasster Frischlingsabschuss tierschutz- und wildtiergerecht in den höheren Altersklassen kaum nachgeholt werden könne – und so einen Populationsanstieg zur Folge habe. 

 

Revierübergreifende Bejagungskonzepte, die das frühzeitige Auswechseln aus dem Treiben verhindern, seien der notwendige Schlüssel zu hohen Strecken unter Berücksichtigung sozialer Strukturen. In der Diskussion unterstrich Markett, dass dies die einzige nachhaltige Möglichkeit sei, Sauenbestände jagdlich abzusenken. Dr. Michael Petrak ging auf Hegegemeinschaften in NRW als Instrument einer jagdbezirksübergreifenden Bejagung und Hege von Wildarten nach einheitlichen Grundsätzen ein. Elementar sei die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten und Betroffenen aus Jagd, Forst, Naturschutz sowie den Grundeigentümern. Unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen (Nationalpark, Kommunal-, Staatswald) könne mit der Bildung von Teamvorständen begegnet werden. Die Inhalte der Mustersatzung für NRW wurden vorgestellt sowie die Möglichkeit einer Förderung auf Mittel der Jagdabgabe angesprochen. Zur Unterstützung und Beratung stehen die Rotwildsachverständigen und die Forschungsstelle zur Verfügung.

 

Fazit: Der 40. Bonner Jägertag machte mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen deutlich, dass Hege und Bejagung sozial lebender Wildarten einer Entsprechung aufseiten des Menschen bedarf. Kooperation ist zwingende Voraussetzung für den Erfolg und die Akzeptanz der Jagd in die Gesellschaft.

 

Martin Müller, Dr. Michael Petrak LANUV NRW 

Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung

 

 

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Der vollständige Artikel aus Rheinisch-Westfälischer Jäger Ausgabe 11/2017 steht Ihnen nachfolgend als kostenloser Download zur Verfügung.

RWJ 11/17: Bonner Jägertag


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