Seite 1

RWJ 02/2015: Ergebnisse für Nordrhein-Westfalen

40 Jahre Arbeitskreis Wildbiologie an der Universität Gießen

Angesichts eines denkwürdigen Jubiläums fand in Gießen ein wildbiologisches Kolloquium statt – mit vielen Ergebnissen und Projekten, die auch für Nordrhein-Westfalen von Bedeutung sind.

p1150313

Zum runden Jubiläum der Wildforschung trafen sich an der Uni Gießen über 50 Biologen und Wissenschaftler.

Der Arbeitskreis Wildbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, ein deutschlandweit einzigartiger Fächerkanon aus den Lebenswissenschaften, verbindet alle Fachrichtungen, um gemeinsam Projekte zu entwickeln, um letztlich Wildtier und Mensch zu dienen und so zur Konfliktlösung beizutragen. Der Vorsitzende Prof. Dr. Michael Lierz eröffnete das Jubiläumskolloquium.

 

Angesichts der zunehmenden räumlichen Ausdehnung des Menschen und begrenzter Ressourcen trete die Rücksicht auf Wildtiere oft in den Hintergrund. Dies trifft vor allem auch auf Forschungsressourcen in diesem Bereich zu, weshalb die Kompetenzbündelung bei der Wildtierforschung an Bedeutung gewinnt – auch in Zukunft eine der Kernaufgaben des Arbeitskreises. Durch diese Bündelung werde es noch wichtiger, mehrere Forschungsressourcen zu erschließen, wenn dies langfristig nur durch die Etablierung einer eigenen Forschungseinrichtung möglich erscheine.

Grundlegende Forschung - bis heute

In seiner Einführung „Vom Club jagender Professoren zum interdisziplinären Institut“ ging der langjährige Vorsitzende Dr. Klaus Volmer auf die Gründung ein. Entscheidend war von Beginn an die interdisziplinäre Ausrichtung, gekennzeichnet dadurch, dass zu bestimmten Fragestellungen Methoden aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt wurden, im Unterschied zu einem multidisziplinären Nebeneinander.

 

Wegweisend sind bis heute

 

  • Untersuchungen zur Hasenforschung,
  • zur Aufklärung des European Brown Hare Syndrome, 
  • Studien zur funktionellen Anatomie des Verdauungssystems, 
  • das Ökokataster-Projekt zu Rebhuhn und Feldhase,
  • Untersuchungen zu Automardern
  • und die Fledermausforschung.

 

Auch das aktuelle Projekt zum Rückgang des Niederwildes in NRW profitiert von dieser Zusammenarbeit.

 

Der Gründungsvorsitzende Prof. Dr. Reinhold R. Hofmann erläuterte das Wildtiermanagement im Spannungsfeld der Zivilisation mit physiologischen Grundlagen des Stoffwechsels und der Überwinterungsstrategie durch Energieeinsparung und Ruhe, der in vielen Regionen in Deutschland immer noch nicht Rechnung getragen werde. Eine Ursache dafür ist auch, dass Jagd nicht als Landnutzungsform verstanden wird und vordergründige forstwirtschaftliche Interessen dazu führen können, dass Jagdzeiten bis heute oft deutlich zu lang sind.


Saujagd im Vorgarten...

Der Wildtierbeauftragte von Berlin Derk Ehlert nannte als Gründe für Wildtierprobleme im urbanen Raum die fortschreitende menschliche Besiedlung in naturnahen Bereichen, Anpassung der Tiere an die Lebensraumsituation (Kulturfolge), Bodennutzung und das Energie-/ Futterüberangebot. Verschärft wird dies noch durch Fütterung von der Bevölkerung aus falsch verstandener Tierliebe.

 

In Berlin zeigt sich dazu das Phänomen, dass sich Wildtiere aus dem Wald und landwirtschaftlichen Flächen in die vor Jägern sichere Stadt zurückziehen, wo natürliche Feinde fehlen, eine klimatische Winterauslese nicht stattfindet und fehlende öffentliche Akzeptanz gegenüber Wildtieren im Stadtgebiet zuständige Fachdienste vor große Herausforderungen stellt. Obwohl Jagd im befriedeten Bezirk strengen Sicherheitsauflagen unterliegt, löst man dies bei Sauen in der Bundeshauptstadt mittlerweile pragmatisch: In Gärten, wo sie bei den Besuchern unerwünscht sind, werden sie bejagt – und in Ruhe gelassen, wo man sie duldet. Das Schwarzwild ist mittlerweile so lernfähig, dass es „sichere“ Gärten auch zum Frischen nutzt.

 

Diese Leitarten kennen wir auch aus Nordrhein-Westfalen.


Seite 2

Wölfe auf dem Vormarsch

Eckhard Fuhr (WELT) verdeutlichte anhand seines aktuellen Buches Rückkehr der Wölfe, wie ein Heimkehrer unser Leben verändert die aktuelle Situation in Deutschland. Im Unterschied zu historischen Situationen, in denen der Staat auf die Ausrottung der Wölfe hinwirkte, steht heute die Förderung im Vordergrund. Es sei letztlich eine Frage der Kultur und nicht der Natur, ob Mensch und Wolf im Europa des 21. Jahrhunderts auf Dauer koexistieren könnten. Voraussetzung sei ein sinnvolles Konzept, das den Wolf einbindet. Dabei werde es auch darum gehen, dass Wölfe zu Menschen eine gesunde Distanz hielten.

 

Die Relation von Wolf und Rotwild wird häufig diskutiert, Mark Nitze von der Arbeitsgruppe Wildtierforschung (TU Dresden) vermittelte mit seinem Vortrag Rotwildforschung im Wolfsgebiet der Oberlausitz sehr anschaulich, wie Räuber und potenzielle Beute miteinander auskommen. Wolf, Rothirsch und Mensch haben eine lange Zeit gemeinsamer Entwicklungsgeschichte in Mitteleuropa. Demnach haben Begegnungen zwischen Rotwild und Wolf im Tagesrhythmus oft nur geringe Auswirkungen. Das immer wieder angeführte Argument der starken Beunruhigung durch den Wolf sei oft eine subjektive, pauschale Einschätzung des Menschen – Wild im Wolfsgebiet habe sich längst mit der Anwesenheit des Fressfeindes arrangiert. Wölfe als Prädator seien nur einer unter vielen Einflussfaktoren auf den Rotwildbestand. Wissenschaftlich fundierte wildbiologische Erkenntnisse zwischen den Wechselbeziehungen sind unerlässlich als Grundlage eines fundierten artübergreifenden Managements.


Rotwild besser ohne Treiber drücken

Johannes Lang vom Institut für Tierökologie und Naturbildung beleuchtete die Beziehung zwischen Jäger und Wild als „Räuber-Beute-Beziehung“. Von 2009 bis 2013 wurden über kleine Sender über 150 Hunde bei Ansitzdrückund Stöberjagden u. a. im Nationalpark Eifel protokolliert. Jagd ist die wichtigste Todesursache für wild lebende Huftiere in Mitteleuropa. Während ihr Einfluss auf Beutetiere gut erforscht ist, gelte dies für das Verhalten der Jäger weit weniger. Tendenziell zeigen bei Ansitzdrückjagden gewonnene Ergebnisse, dass beim gemeinsamen Durchgehen von Mensch und Hund der Aktionsraum der Hunde nicht so flächendeckend ist wie beim Schnallen vom Stand.

 

Die durchschnittliche Laufgeschwindigkeit der Hunde liegt bei 7 km/h.

Die Relation von erlegtem zu gesehenem Wild ist gerade bei Rotwild beim alleinigen Einsatz von Hunden günstiger als zusammen mit Treibern, da es sich durch Hunde allein nicht sehr stark beunruhigen lasse.


Afrikanische Schweinepest - Jäger müssen mithelfen

Prof. Dr. Franz J. Conraths (Friedrich- Loeffler-Institut) widmete sich der afrikanischen Schweinepest. In Europa wurde die ASP 2007 erstmals in Georgien festgestellt, 2014 erreichte das Seuchengeschehen in Osteuropa erstmals die Europäische Union. Ende Januar 2014 meldeten litauische Behörden zwei positive Wildschweine in der Nähe der Grenze zu Weißrussland, Mitte Februar 2014 wurde ASP erstmals in Polen festgestellt. Seit Juni 2014 kam es zu weiteren Fällen bei Wildschweinen in Lettland, Litauen und Polen. Zusätzlich kam es in diesen Ländern auch zu Ausbrüchen in der Schweinehaltung, in Litauen war ein Betrieb mit 20 000 Schweinen betroffen.

 

In Weißrussland stieg wegen der Ausbrüche bei Hausschweinen der Preis für Schweinefleisch auf 10 Euro je kg. Eine ausreichend sichere Überwachung der Seuche in Weißrussland und der Ukraine fehlt aufgrund der politischen Gesamtsituation.

 

Oberste Priorität muss derzeit die Verhinderung der Einschleppung nach Deutschland und Mitteleuropa haben. Dazu ist strikte Einhaltung aller Hygieneerfordernisse zwingend notwendig.

 

So darf Bekleidung und Ausrüstung, die man zu Jagdreisen in diese Länder mitnahm, nach der Rückkehr erst dann wieder in heimatlichen Revieren eingesetzt werden, wenn sie zuvor gründlich desinfiziert wurde!

 

Ein erhebliches Risiko stellen Transportwege dar, in NRW besonders die A 2 und A 44. Zu vermeiden sind die illegale Entsorgung von Schlachtabfällen und die ohnehin verbotene Verwendung tierischer Abfälle bei der Wildfütterung.

 

Alle Ergebnisse finden sich im Tagungsband 40-jähriges Jubiläum wieder.

 

Bezug: Arbeitskreis Wildbiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (Hrsg) 2014, AKW Gießen, VVB Laubersweiler.

 

Dr. Michael Petrak
Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
Pützchens Chaussee 228, 53229 Bonn
E-Mail: michael.petrak@lanuv.nrw.de


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.