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RWJ 06/2016: DJV-Interview

Erster Fall von Chronischer Auszehrkrankheit in Europa

In Norwegen wurde bei einem Rentier kürzlich die Chronische Auszehrkrankheit (CWD) nachgewiesen – der erste Nachweis dieser Tierseuche in Europa. Was Jäger dazu wissen müssen, erklärt die Leiterin des Nationalen Referenzlabors für Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSEs) Dr. Anne Balkema-Buschmann vom Friedrich-Löffler-Institut (FLI) im Interview.

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Dr. Anne Balkema-Buschmann (BB) leitet das nationale Referenzlabor für Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSEs) am Friedrich-Löffler-Institut (FLI).

DJV: Was ist CWD und woher kommt die Krankheit?

 

BB: CWD steht für Chronic Wasting Disease (chronische Auszehrkrankheit) und gehört zur Gruppe der übertragbaren schwammartigen Hirnleiden, zu denen auch BSE beim Rind zählt. Bis zum Nachweis bei einem Rentier in Norwegen trat diese Krankheit bisher nur in Nordamerika und Korea auf. Anfang der 1980er Jahre wurden erste Fälle bei Wildwiederkäuern bekannt, seitdem wurde die Erkrankung aus 23 USStaaten, zwei kanadische Provinzen sowie Südkorea gemeldet.

 

In Nordamerika wurde CWD bei Wapiti-, Weißwedelund Maultierhirschen sowie Elchen nachgewiesen. Etwa die Hälfte der Fälle trat bisher in Gatterwildhaltungen auf, andere Nachweise erfolgten bei erlegtem bzw. verunfalltem Wild. Da der Erreger mit Speichel, Urin und Kot ausgeschieden wird und im Boden Jahrzehnte stabil ist, kann er in betroffenen Wildbeständen kaum bekämpft werden.

 

 

DJV: Welche Symptome zeigen erkrankte Tiere?

 

BB: Sie verlieren an Kondition (deshalb die Bezeichnung Auszehrkrankheit) und zeigen zentralnervöse Störungen.

 

 

DJV: Was bedeutet der erste Fall für Jäger und Landwirte in Europa?

 

BB: Das ist im Moment schwierig zu beantworten, da bisher nur der eine Fall in Norwegen bekannt ist. Über die Wiedereinführung von Überwachungsprogrammen wird nun diskutiert.

 

 

DJV: Wie wahrscheinlich ist es, dass CWD auch in Deutschland auftritt?

 

BB: Die geografische Lage Norwegens begünstigt eine Übertragung auf das europäische Festland nicht sehr stark.

 

 

DJV: Betrifft CWD ausschließlich Wiederkäuer?

 

BB: Unter natürlichen Bedingungen sind ausschließlich Wiederkäuer betroffen, aber nicht alle Arten sind empfänglich.

 

 

DJV: Welche Arten sind empfänglich? Ist CWD auch zwischen den Arten übertragbar?

 

BB: Unter einheimischen Arten gelten anhand der genetischen Ähnlichkeit zu betroffenen Arten in Nordamerika besonders Rotwild und (in Finnland) Weißwedelhirsche als empfänglich. CWD ist zwischen diesen Arten übertragbar.

 

 

DJV: Besteht die Möglichkeit der Übertragung auf Menschen?

 

BB: Bisher gibt es keine Hinweise auf ein zoonotisches Potenzial des CWD-Erregers. Dennoch wird davon abgeraten, Fleisch klinisch auffälliger Tiere zu verzehren. Auch in betroffenen Regionen Nordamerikas ist kein vermehrtes Auftreten von TSE-Fällen beim Menschen zu verzeichnen.

 

DJV: Sind Haus- u. Wildtiere betroffen?

 

BB: Unter natürlichen Bedingungen sind nur die genannten Arten betroffen, frei lebend wie in Gatterhaltung.

 

 

DJV: Gibt es ein Monitoring in Europa?

 

BB: In der EU und Norwegen wurde 2007–09 (begrenzt bis 2010) ein Überwachungsprogramm durchgeführt. In Deutschland wurden je 498 wild lebende und in Gefangenschaft gehaltene Stücke Rotwild untersucht, EU-weit etwa 13 000 Tiere – alle mit negativem Ergebnis.

 

 

DJV: Was müssen Jäger über CWD wissen, gibt es Verhaltensregeln?

 

BB: Kleidungsstücke, die mit Organen oder Ausscheidungen von Rotwild in Kontakt gekommen sind, sollten gründlich gereinigt werden. Wildbret, Felle und Trophäen (wenn der Schädel nicht geöffnet wurde) aus Endemiegebieten in Nordamerika können in Bezug auf CWD auch weiter eingeführt werden.


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