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RWJ 03/2016: NABU-Workshop zum Wald-Wild-Konflikt

Schalenwild im Fokus

Mitte Februar führte der NABU-Landesverband NRW in Düsseldorf einen interessanten Workshop zum Wald-Wild-Konflikt durch. Besonders aktuelle Zahlen über Verbiss- und Schälschäden ließen aufhorchen.

nabu-heereman

„Alles auf das Wild zu schieben“, sei einfach, aber falsch – so das Credo von Phillip Frhr. Heereman auf dem NABU-Workshop. Das Problem sei der Mensch.

Moderator Konstantin v. Wrede („Waldbesitzer, NABU-Fachausschuss Wald“) begrüßte die Teilnehmer mit dem Wunsch, künftig mehr über waldgerechte statt waidgerechte Jagd nachzudenken. Einführend erläuterte Wildökologe Frank Christian Heute den Sachstand in NRW. Danach gab es zwischen Rhein und Weser nie mehr Schalenwild, besonders in den letzten 10 Jahren habe es stark zugenommen. Speziell die Rotwilddichte sei viel zu hoch. Die Probleme dadurch (Rehe: Entmischung, Rotwild: Schälschäden) seien flächendeckend. Daher müsse man die Bestände landesweit absenken und Jäger besser handwerklich ausbilden, auch die Senkung der Pachtpreise könne ein Mittel sein.

 

Demgegenüber brächten Wildruhezonen dem Wald überhaupt nichts – und auch vom Wunsch, tagaktives Rotwild zu erleben, müsse man sich verabschieden. Dr. Philipp Frhr. Heereman (Vors. Waldbauernverband NRW) begann mit der provokativen Feststellung, der „sog. Wald-Wild-Konflikt“ sei in Wirklichkeit ein Wald-Mensch-Konflikt. Im Privatwald sei für die Eigentümer intelligente Nutzung die Voraussetzung für Schutz und Erholungsfunktionen ihres Besitzes. Ein Verdammen des Wildes helfe nicht weiter, im Fokus aller möglichen Lösungen müsse immer der Mensch stehen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die fatalen Folgen des flächendeckenden Pilzesammelns im Herbst – dies sei zwar verboten, werde aber von den Behörden stillschweigend geduldet. Für ihn gehe Waldschutz auch vor Tierschutz – so müssten etwa auch im Januar noch hochbeschlagene Alttiere geschossen werden. Statt „Wie viel Wild verträgt der Wald ?“ gehe es viel mehr um die Frage „Wie viel Mensch verträgt der Wald?“ Nicht vor seinen Eigentümern müssten Wälder geschützt werden, sondern vor fremden Menschen.

 

Walter Schmitz (Jagdreferent im Umweltministerium NRW) erläuterte, dass die Landesregierung mit dem neuen Jagdgesetz lediglich Rezepte vorgestellt hätte – kochen müssten andere. Thomas Boschen (Vors. ÖJV R-Pf) und Dr. Franz Straubinger (Hatzfeldt-Wildenburg’sche Forstverwaltung) verdeutlichten mit Beispielen aus Rheinland-Pfalz, wie mit scharfer Bejagung die Voraussetzung für stabile, artenreiche Dauerwälder geschaffen wurde. Straubinger: „In unseren Wäldern möchte ich Reh sein – außer bei der Drückjagd.“ Andreas Wiebe (Leiter Landesbetrieb Wald und Holz NRW) stellte Lösungsversuche zum Wald-Wild-Konflikt im Staatswald vor. Angesichts von Rotwild-Großrudeln nicht nur im Nationalpark Eifel (über 100 Stücke!) habe sich der Landesbetrieb das Ziel gesetzt, den Rotwildbestand im Bereich des Hochstiftes (OWL) in den nächsten drei Jahren zu halbieren – und zwar mit allen Mitteln.

 

Markus Wolff (FoA-Leiter Stadt Remscheid) berichtete über Wald-Wild-Konflikte im stadtnahen Erholungswald. Auch wenn dort versucht werde, örtliche Jäger einzubinden, sei nach seinen Worten die „Koalition der Willigen“ noch viel zu klein. Dr. Dirk Bieker (NABU Münsterland) stellte die Bedeutung von Naturverjüngung im Klimawald vor. Demnach seien gemischte, ungleichaltrige Wälder den Herausforderungen des drohenden Klimawandels am besten gewachsen.

 

Bessere Handwerker gefragt

nabu-referenten

Am Ende gabs mit den Referenten eine interessante Diskussion (v. l.): W. Schmitz, M. Wolff, D. Bieker, P. Heereman, F.-C. Heute, T. Boschen, A. Wiebe, F. Straubinger und H. Kowalski.

Die anschließende lebhafte Diskussion entzündete sich zunächst an der These, der Tierschutzgedanke werde oft von konservativen Jägern nur vorgeschoben, um damit eine effektive, stärkere Bejagung abzulehnen. Laut Forst-Chef Wiebe müsse aber v. a. im Januar effektiv auch noch Rotwild gejagt werden, notfalls im Rahmen von Ausnahmegenehmigungen auch über den 15. 1. hinaus. Auch auf dann hochbeschlagene Alttiere könne man dabei keine Rücksicht nehmen. Manfred Gertz (RFA Siegerland) erinnerte an die Schlüsselrolle der Waldeigentümer für die Jagd der Zukunft. Wer sich einen Handwerker bestelle, überlasse dem ja auch nicht die Formulierung des Arbeitsauftrages. Als sich eine GRÜNEN-Abgeordnete der Landtagsfraktion NRW zu Wort meldete, konfrontierte Frhr. Heereman sie mit dem unsäglichen Wortgeschöpf von der „Waldschutzjagd“, mit dem Landesförster viele Jäger gegen sich aufgebracht hätten. Das könne aber gar nicht so schlimm sein, konterte Forstchef Wiebe, denn obwohl das „LJV-Blättchen“ vor dem Abschluss bestimmter Pachtverträge in Rüthen, Warstein und anderswo gewarnt habe, hätten sich die Jäger nicht daran gehalten ...

 

Forstdirektor Johannes Röhl (Wittgenstein-Berleburg‘sche Rentkammer) wies darauf hin, dass es nicht nur in Betrieben mit ÖJV-Jagd gesunde Wälder gäbe. Reduktion von Schalenwild sei kein Selbstzweck, der Eigentümer habe zu entscheiden, wie Wald und Wild auf seinen Flächen harmonierten. Weil Rotwild nur auf großen Flächen sinnvoll bejagt werden könne, sei es besonders bedauerlich, dass mit dem neuen Jagdgesetz in NRW immer noch keine Zwangsmitgliedschaft aller Reviere in Hegegemeinschaften durchgesetzt worden sei. Matthias Kruse (RWJ) setzte sich für einen besseren Dialog zwischen Förstern, Naturschützern und Jägern ein. Neben der Verbesserung der Ausbildung sei es dazu sicher hilfreich, die Sorgen und Nöte der jeweils anderen Seite besser zu verstehen. Während sich Förster über Entmischung und Schälschäden empörten, wäre es für viele Jäger eben nur schwer zu ertragen, beim Versorgen von erlegtem Rotwild im Januar mit dem Aufbruch auch nahezu ausgewachsene ungeborene Kälber „wegzuwerfen“. Nur wer die jeweils andere Seite verstehen könne, hätte eine Motivation, sein eigenes Handeln kritisch zu überprüfen.

 

M. Kruse


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Kommentar

„Mit“einander reden

Wenn man nicht miteinander redet – und mag es um noch so kontroverse Themen gehen – wird man im Sinne der Sache nur schwer weiterkommen. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, warum offizielle Vertreter des Landesjagdverbands zum NABU- Workshop gar nicht eingeladen waren.

 

Was die Verantwortlichen wohl dazu sagen würden, wenn der LJV eine Tagung zu Naturschutz-Themen in NRW durchführte – ohne wie selbstverständlich dazu auch den NABU einzuladen? Heinz Kowalski („NABU-Vizepräsident NRW, Sprecher Landesfachausschuss Wald“) lieferte die Antwort: Nach dem heftigen Streit um das Landesjagdgesetz müssten „die Wunden erst noch heilen“. Wie gut, dass NRW-Chef Tumbrinck im Gegensatz dazu versprach, bei Diskussionen zu jagdrelevanten Themen künftig auch den Landesjagdverband wieder einzuladen.

 

Dazu gäbe es umgehend Gelegenheit – schon am 9./10. März führt der NABU NRW in Kleve eine Prädatoren-Tagung zum Wiesenvogelschutz durch ..

 

Matthias Kruse


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