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RWJ 05/2016: NABU-Tagung Prädatorenmanagement im Wiesenvogelschutz

Ohne Jagd zum Scheitern verurteilt ...

Die Bestände der Wiesenvögel sind auch zwischen Rhein und Weser stark rückläufig – auch in Vogelschutz gebieten. Lässt sich durch ein gezieltes Prädatorenmanagement dieser Entwicklung entgegenwirken? Das war Thema einer großen NABU-Tagung in Kleve.

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Foto: M. Breuer

Ob Uferschnepfe, Kiebitz oder Bekassine – die Bestände der bodenbrütenden Wiesenvögel sind bundesweit stark rückläufig. Als Hauptursache nennen Naturschützer den Verlust an Lebensraum durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die Trockenlegung von Grünland.

 

Doch auch in Gebieten, wo durch Schutzmaßnahmen wie der Vernässung von Flächen und extensive Bewirtschaftung nicht nur den Vögeln ein optimaler Lebensraum geboten wird, reicht der Reproduktions erfolg vielfach nicht aus, um den Bestand zu halten, geschweige denn zu verbessern.

 

Ursache ist der Verlust von Eiern und Küken durch Raub (Prädation). Verantwortlich dafür sind in erster Linie Füchse, aber auch viele andere Wildtiere. Das wurde bei der NABUFachtagung Prädationsmanagement im Wiesenvogelschutz deutlich, die Mitte März in Kleve stattfand. An der zweitägigen Veranstaltung, die gemeinsam von drei Wiesenvogelschutz-Projekten aus NRW, Niedersachsen und Schleswig-Holstein initiiert worden war, nahmen neben Naturschützern auch viele Jäger teil.

 

Durch das neue Ökologische Jagdgesetz in NRW ist es gerade bei der Bauund Fangjagd zu Einschränkungen gekommen – sind dadurch nicht Zielkonflikte mit dem Wiesenvogelschutz vorprogrammiert?

 

Dies verneinte Dr. Martin Woike, Leiter der Naturschutz-Abteilung im Düsseldorfer Umweltministerium – zwar stehe der Fuchs beim Wiesenvogelschutz im Fokus, allerdings sei im Rahmen der sog. Gebietskulisse gerade in Vogelschutzgebieten die Fuchsbejagung im Kunstbau per Allgemeinverfügung in den nächsten vier Jahren gestattet.

Raubsäuger und Vögel

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So langsam „dämmert“ es auch den Naturschützern – bedrohte Wiesenbrüter wie Kiebitze, Uferschnepfen oder der Große Brachvogel werden selbst in Schutzgebieten nur dann eine Chance haben, wenn man den Prädationsdruck von Fuchs, Krähe und Co. spürbar reduziert. Foto: R. Bernhardt

Probleme mit Prädation gibt es in jedem Wiesenvogelschutzgebiet. Dieses Ergebnis zog sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge. Je nach Gebiet spielen unterschiedliche Arten eine Rolle. Während für Dr. Hermann Hötker (Michael-Otto- Institut/NABU) der Fuchs der Schuldige ist, sind es in Mecklenburg-Vorpommern eher Waschbär, Marderhund und Mink, wie Marcus Borchert (TU Dresden) berichtete. Aber auch Rabenkrähe, Mäusebussard, Habicht, Rohrweihe und Wanderfalke wurden von den Wiesenvogelschützern als Prädatoren benannt. Selbst Igel können zum Problem werden, wie der Biologe Hartmut Andretzke am Beispiel ostfriesischer Inseln verdeutlichte.

 

Gelege werden eher von Säugetieren geplündert, bei den Küken kämen dann verstärkt Vögel als Prädatoren ins Spiel. Diese Beobachtung hat Dr. Maja Roodbergen (Vogelforscherin/NL) gemacht:


Störfaktor Nestbesucher

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Foto: H. Pieper

Da an den Ei- und Kükenverlusten ein breites Spektrum von Räubern beteiligt sein könne, müsste zunächst die Situation vor Ort erfasst werden, bevor gebiets spezifische Maßnahmen entwickelt und umgesetzt würden, so die generelle Empfehlung.

 

Um die jeweiligen Prädatoren herauszufinden, überwachen Naturschützer Wiesenvogel-Nester per Kamera – doch dazu muss man zunächst Gelege suchen und finden. Um Prädation zu verringern, spiele jedoch auch der Mensch eine wichtige Rolle, betonte die holländische Wissenschaftlerin. So dürfe man nicht zu oft zu den Gelegen gehen, gab sie den Teilnehmern mit auf den Weg. „Denn bei jedem Besuch erhöht sich die Verlustrate des Geleges um bis zu 15 Prozent“, so Roodbergen.

 

Um den Prädationsdruck effizient vermindern zu können, benötigt man Kenntnisse über das Verhalten des jeweiligen Räubers. Die Landesjägerschaft Bremen initiierte daher Anfang 2014 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover ein Projekt, bei dem das Raum-Zeit-Verhalten von Füchsen im Bremer Blockland untersucht wird. Dazu wurden vier Füchse mit einem Peilsender versehen.

 

Es stellte sich heraus, dass Fähen sehr reviertreu sind, „ihre Bereiche überschneiden sich nicht“, sagte Marcus Henke, Vizepräsident der Bremer Jäger. „Für effektives Prädatorenmanagement muss man Fangjagd in jedem Fuchsrevier betreiben“, betonte er. Weil Telemetrie-Ergebnisse gezeigt hätten, dass dies derzeit nicht der Fall sei, müsse die Fangjagd-Infrastruktur angepasst werden.


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Füchse effektiv bejagen

Der Druck auf Bodenbrüter durch Füchse wird immer größer, hat Jaap Mulder beobachtet. Seit 30 Jahren befasst sich der Niederländer mit Raubsäugern und ihrer Lebensweise. Ab September würden Jungfüchse auf der Suche nach einem eigenen Revier abwandern. Diese Wanderschaft erstrecke sich oft über den gesamten Herbst und Winter und damit die Zeit, in der häufig Füchse erlegt würden. „Doch diese Bejagung ersetzt nur die natürliche Mortalität und reduziert nicht den Frühjahrsbestand“, betonte Mulder. Nur durch eine intensive Bejagung ab Februar bis April sei eine effektive Reduktion des Bestandes möglich. In dieser Ansicht erhielt der Niederländer Unterstützung von Dr. Marcel Holy. Er ist bei der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer für das Prädatorenmanagement zuständig. Dort dürfen Füchse bis zum 15. März bejagt werden.

 

Als Fazit der Tagung lässt sich die Anmerkung eines NABU-Vertreters aus NRW verwenden: „Gerade in Vogelschutzgebieten ist ein gewisses Prädatorenmanagement unumgänglich. Es regelt sich alles von alleine ist eine hochproblematische Sichtweise.“

 

Britta Petercord

 

Link zur Tagungs-Broschüre: http://www.wiesenvoegel-life.de


Anmerkung der Redaktion

Im Nachgang zu der o. g. Veranstaltung richtete der Klever Kreislandwirt Josef Peters ein Schreiben an das NRW-Umweltministerium. Darin wies er darauf hin, dass jenseits landwirtschaftlicher Einflüsse der Schutzzweck von Vogelschutzgebieten geradezu konterkariert werde, wenn nahe gelegene, staatseigene Großwälder quasi zu „Fuchsaufzucht- Regionen“ würden. So dürfen im Reichswald Kleve Füchse im Rahmen sog. Waldschutzjagden genauso wenig erlegt werden wie etwa im Arnsberger Wald – mit fatalen Konsequenzen für Wiesenvögel in nahe gelegenen Naturschutzgebieten (Düffel/KLE, Soester Börde/SO).

 

Das Umweltminsterium hat daraufhin die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung beauftragt, diesen Hinweisen nachzugehen – und ggf. ein Konzept für geänderte Bejagungsregeln für den Fuchs auch im Staatswald zu erarbeiten. Ergebnisse dazu sollen noch vor Beginn der Fuchsjagdzeit (16. Juli) vorgelegt werden. Der RWJ wird dazu aktuell informieren.

 

M. Kruse


Kommentar

Naturschutz paradox

Eigentlich müssten in Vogelschutzgebieten paradiesische Verhältnisse herrschen. Denn dort fehlt der negative Einfluss der intensiven Landwirtschaft. Sie wird von Naturschützern häufig als Hauptursache für den Rückgang der Wiesenvögel genannt. Doch von Paradies kann keine Rede sein, wie die Tagung in Kleve zeigte. Betreiben Wiesenvogelschützer nur Sterbehilfe, wie es der niederländische Referent Jan Mulder anmerkte – und das mit ziemlich viel Geld? Das LIFE+Projekt Grünland für Wiesenvögel am Unteren Niederrhein (Laufzeit: 2012 – 2021) hat immerhin ein Budget von gut 12 Mio. €, das LIFE+ Projekt Wiesenvögel in Niedersachsen (2011 – 2020) sogar 22 Mio. €.

 

Und plötzlich wird der Fuchs zum Schuldigen, zum Bösewicht, der verfolgt werden darf – nein, sogar muss. Auch Mäusebussard oder Rohrweihe, selbst Wanderfalken sammeln bei Wiesenvogelschützern wenig Pluspunkte. Kleine Feldgehölze werden im Namen des Naturschutzes abgeholzt, um den Prädatoren aus der Luft Horstbäume und Ansitzwarten zu nehmen. Mit der Novelle des Jagdgesetzes in NRW sind die Taggreifvögel nicht mehr dem Jagdrecht, sondern dem Naturschutzrecht unterstellt – warum eigentlich?

 

Britta Petercord


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