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RWJ 07/2016: Kitzrettung nach Fahrerflucht

Glück im Unglück

Von einer dramatischen Kitzrettung berichtet Patrick Braun.

Kitzrettung

Lohn aller Mühe – die heute quickfidelen Geschwister haben die Strapazen gut überstanden.

Nach einem langen Pfingstwochenende im Sauerland berichtete ein Jäger aus dem Ort von einem dramatischen Zwischenfall. Am Vortag wurde er kontaktiert, da ein Reh im Straßengraben liegen würde. Er fuhr zur Unfallstelle und konnte nur noch einen Fangschuss antragen. Die verunfallte Ricke musste gerade gesetzt haben, da die Spinne prall gefüllt war. Da es sich um Fahrerflucht handelte, konnte zum Unfallhergang niemand genauer berichten. Wo sollte man anfangen zu suchen – in der Wiese, und was ist, wenn man ein Kitz findet, gehört es auch zu der Ricke oder nimmt man es einer gesunden weg und der Waise verhungert trotzdem? Zudem war Eile geboten, da das frisch gesetzte Kitz mindestens 20 Stunden ohne Milch war.

 

Drei Mann durchkämmten angrenzende Wiesen, weder alte noch frische Plätzstellen waren auszumachen. Nach einiger Zeit fanden wir den Unfallort. Dicke Schweissflecken auf dem Asphalt und unterhalb im Straßengraben ein Wundbett. Auf der Seite zum dichten niederen Bewuchs war ein frischer Wechsel zu erkennen, der zur Straße führte. Etwa 10 m von der Unfallstelle im Bewuchs fanden wir ein kleines getupftes eingerolltes Kitz und nur wenige Metern daneben ein zweites. Beide waren stark ausgetrocknet, man konnte die Rippenbögen zählen. Da der erkennbare Wechsel der Ricke unmittelbar über der Unfallstelle zu den Kitzen geführt hatte, mussten dies die Waisen sein.

 

Ein Zurücklassen kam nicht infrage, wir legten die Kitze in eine mit Gras gepolsterte Kiste, sie waren starr und rührten sich nicht von der Stelle. Wir feuchteten einen Schwamm an, um die Verdauung der Kleinen anzuregen, wie es die Ricke gewöhnlich mit dem Lecker tut. Die Kitze hielten den Äser fest verschlossen, doch als die ersten Tropfen unbehandelter Kuhmilch den Windfang benetzten, gab’s kein Halten mehr – nach fast 24 Stunden endlich wieder Nahrung. Sie sprangen auf ihre wackeligen Läufe und saugten am Finger, beleckten unsere Arme und tranken.

 

Jagdfreunde waren beim Stöbern im Internet zur Aufzucht von Kitzen auf einen Kontakt im Paderborner Land gestoßen. Nach fast zwei Stunden Fahrt kamen wir an und übergaben die Kitze. Ein Jägerpaar, das bereits mehrfach Kitze groß gezogen hat und im Kontakt mit einem Gehege steht, aus dem sie dann später ausgewildert werden können. Erleichtert und zufrieden fuhren wir in Richtung Heimat.

 

Seitdem stehen wir mit der Auffangstelle in Verbindung und den Kitzen geht es prächtig. Sie äsen bereits eigenständig kleine Zweige und erkunden ihre neue Umgebung, bevor sie bald ins Gehege kommen werden. In unserem Fall war eine schnelle Fütterung notwendig, doch stellt Kuhmilch eigentlich keinen geeigneten Nahrungsersatz für Kitze dar. Sie erleiden starken Durchfall. Eine sehr gute Anlaufstelle für solche Fragen bietet die Internetseite www.rehkitzhilfe.de. Es mag ein großer Aufwand gewesen sein, diese Kitze zu retten, doch für uns gehört eine solche Hege mindestens genauso zur Jagd wie jeder Abschuss.

 

Patrick Braun

 

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