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RWJ 07/2017: Rotwild-Pilotprojekt im Siegerland

Erst zählen – dann effektiv jagen

Waldbesitzer und Jäger in Südwestfalen einigen sich 10 Jahre nach Kyrill auf ein gemeinsames Vorgehen zur Anpassung der Rotwildbestände.

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Durch verbesserte Lebensraum­bedingungen nach Kyrill hat sich die Rotwilddichte im Siegerland auf einem sehr hohen Niveau etabliert. Nun wollen Waldbesitzer und Jäger gemeinsam gegensteuern – unter Beachtung von Jagdgesetzen und Waidgerechtigkeit (z. B. beim Muttertier-Schutz). Foto: M. Breuer

Vor gut 10 Jahren veränderte der Orkan „Kyrill“ große Teile der Landschaft in Südwestfalen – ganze Wälder fielen um und viele große Lichtungen entstanden. Auch für Rotwild bildeten sich dadurch hervorragende Äsungs- und Einstandsmöglichkeiten, was zu einer deutlichen Ausbreitung auch in bisher freie Gebiete führte. In der Folge stieg auch die Anzahl an Schäl- und Verbissschäden, bisherige Bejagungsmethoden erwiesen sich als nicht ausreichend. Zwischen dem Umweltministerium NRW (Oberste Jagdbehörde), dem Kreis Siegen-Wittgenstein, der Rotwildhegegemeinschaft Siegerland-Nord, dem Waldbauernverband und dem Landesbetrieb „Wald und Holz“ wurde eine gemeinsame Vereinbarung zur Rotwild-Bewirtschaftung geschlossen, um die Höhe des Bestandes möglichst genau zu bestimmen und in einem überschaubaren Zeitraum an die Lebensraumkapazität anzupassen.

Körperlicher Nachweis und Fütterungskonzept

Landrat Andreas Müller ist zuversichtlich: „Wenn Waldbesitzer und Jäger sich dieser Aufgabe gemeinsam widmen, kann ein Erfolg nicht ausbleiben.“ Im Rahmen eines Lebensraumgutachtens soll eine … angemessene Wilddichte für Kern- und Randreviere festgelegt werden. Nach Verbissgutachten und Schälschadenserhebung wird eine tragbare Zielpopulation festgelegt. Gemeinsam mit externer Beratung erarbeitet die Hegegemeinschaft für 2018 ein Bejagungskonzept. In dessen Rahmen werden Waldbesitzer forstliche und jagdliche Belange mit den Beteiligten abstimmen. Dazu ist jährlich eine zeitliche und örtliche Abstimmung der forstlichen Maßnahmen mit den Bejagungsintervallen notwendig. Zur Zielerreichung sind ausreichend große und geeignete Wildäsungsflächen von Grundeigentümern kostenlos zur Verfügung zu stellen.

 

Die Abschussplanungen der Reviere werden in der Hegegemeinschaft auf die gemeinsamen Ziele hin abgestimmt und festgesetzt. Dazu wird der Abschuss gemeinschaftlich in einem Pool bewirtschaftet. Erlegte Stücke sind innerhalb von 24 Stunden als ganzes Stück vorzuzeigen (körperlicher Nachweis). Die Hegegemeinschaft wird Kriterien zum Abschuss von männlichem Wild zur Erhaltung einer artgerechten Altersstruktur nach Zustimmung durch die Forschungsstelle beschließen. Der Abschuss in der Klasse 2 wird über die Anzahl der zu erlegenden Hirsche begrenzt. Für die ordnungsgemäße Bejagung (Abschusserfüllung, Einhaltung der Vorgaben des Bejagungskonzeptes) soll im Folgejahr durch weitere Freigaben für einzelne Reviere bei Hirschen der Klasse 3/4 ein Bonussystem entwickelt werden.

 

Revierübergreifende Bewirtschaftung: Die Hegegemeinschaft erarbeitet einen jährlichen Jagdkalender unter Einbeziehung revierübergreifender Jagden, um die vorgegebene Abschusshöhe und -struktur zu erreichen. Zur Reduzierung von Störungen erfolgt eine Synchronisation, indem der Beginn der Jagdzeiten einheitlich festgesetzt wird.

 


Durch abgestimmte, revierübergreifende störungsarme Jagden kann besonders der Abschuss von Kälbern und jungen Hirschen konzentriert erfolgen. Entscheidende Stellschraube zur Steuerung des Bestandes ist der Abschuss von Zuwachsträgern, weshalb der Abschuss von Alttieren einen Anteil von 40 bis 45 Prozent am weiblichen Wild umfassen soll. Dieser Abschuss hat wegen der engen Mutter-Kind-Beziehung unter Einhaltung des Muttertierschutzes zu erfolgen. Die Steuerungsgruppe führt jährliche Wildzählungen durch. Das Ergebnis lässt Rückschlüsse auf den Erfolg der Reduktion und die Zielerreichung zu.

 

Der Landesbetrieb Wald und Holz führt Erhebungen (Verbiss- und Schälschadengutachten) zum Einfluss von Schalenwild auf den Zustand der Wälder (Verjüngung, Zustand v. Begleitbaumarten u. -vegetation, Bestandesstabilität) durch und ermöglicht den Beteiligten die Teilnahme an den Außenaufnahmen. Gewonnene Ergebnisse fließen in die weitere Wildbewirtschaftung ein. Die Fütterung des Schalenwildes ist grundsätzlich auf ein Mindestmaß und im Rahmen der gesetzlichen Regelungen zu beschränken. Fütterungszeiträume, Futtermittel, Standorte und Festlegung der Notzeit werden in der Hegegemeinschaft abgestimmt. Fütterungen sind bis zum Ende des gesetzlichen Zeitraumes (bis Ende einer Notzeit) zu beschicken. Standorte werden in einer Karte dargestellt. Regelungen zur Kostenverteilung sind zwischen den Beteiligten abzustimmen. Die Hegegemeinschaft legt mit der Unteren Jagdbehörde Sanktionen bei Verstößen fest. Zur Unterstützung der Beruhigung der Fütterungsstandorte verfügt das Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein auf Antrag bei Vorliegen der Voraussetzungen Waldsperrungen.

 

Zur Vermarktung kann der Aufbau einer gemeinschaftlichen Wildbretvermarktung unterstützt werden. Das Projekt wird nach Möglichkeit aus der Jagdabgabe gefördert und dauert bis zum Ende des Jagdjahres 2023/24.

 

Kreis Siegerland-Wittgenstein


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