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RWJ 06/2017: Wildunfälle

Bitte nur schöne Leichen

Das verstörende Bild eines Wildunfalls sorgte im Bergischen Land für eine erhitzte Diskussion darüber, was Bürgern zuzumuten ist.

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Auch wenn solche Bilder alles andere als schön sind, lassen sich damit vielleicht Menschen­leben retten – die Zigaretten­werbung hat‘s vorgemacht.

Auf unseren Straßen und Autobahnen kommt es pro Jahr zu zigtausend gemeldeten Wildunfällen, von der Dunkelziffer nicht angezeigter Kollisionen gar nicht zu reden. Warum ? Für Fuchs, Hase, Wildschwein, Reh und Co. gilt die Straßenverkehrsordnung nicht – für viele Autofahrer offenbar leider ebenso wenig. Denn die Ursache der meisten Wildunfälle ist schlicht deutlich überhöhte Geschwindigkeit – speziell auf Landstraßen. Naturschützer, Jäger, ADAC, Versicherungen und manch kommunale Einrichtung starteten daher in der Vergangenheit mehr oder weniger aufmerksamkeitsstarke Kampagnen, die an die Einsicht und Verantwortung appellierten – und Raser daran erinnern, den Fuß besonders auf land- und waldgesäumten Passagen vom Gas zu nehmen. Leider vergeblich, wie die Wildunfall- Statistik zeigt, ungezählte Hinweise und Aufrufe verpuffen ungehört.

 

Die Wirkung der Kampagnen ist unzureichend, wie Berufsfeuerwehrmann Eckhardt Weber, Pächter eines Jagdreviers in Radevormwald, findet und deshalb eine drastische Internet-Aktion startete.

 

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf...

Sein Engagement trug ihm jede Menge „Dislikes“ weit unter der Gürtellinie und persönliche Beschimpfungen ein, dazu unverhohlene Droh-Postings in einschlägigen Facebook-Gruppen wie „Du weißt, Du bist Radevormwalder.“ Letzere wurden nach einigem Hin und Her von den Administratoren flugs gelöscht. Das Thema Wildunfälle war der „Community“ offenbar nicht zuzumuten, weil zu realistisch, zu hautnah und zu unangenehm.

 

Durch rasende Autofahrer zerfetzte Tierkörper, aus dem Mutterleib gerissene, ungeborene Rehkitze und das schwer verdauliche Horrorszenario eines Wildunfalls stören offensichtlich die Behaglichkeit und behindern manche Zeitgenossen, alle möglichen, teilweise irrwitzigen Facebook-Contents vom Sofa aus zu kommentieren. Vorausgesetzt man ist nicht direkt betroffen und nur leichtes Schaudern stellt sich ein. Grausige Realitäten vor der Haustür werden ignoriert und mental geblockt, gemäß dem Motto „So was kommt hier eh nicht vor, hier passiert schon nichts …“


WDR wird aufmerksam

Tat es aber doch – am 9. Mai, einem Dienstag, wurde Eckhardt Weber durch die Polizei darüber informiert, dass sich auf der B 229 ein Wildunfall ereignet hatte. Der Fahrer des beteiligten Fahrzeugs war verschwunden (Unfallflucht) und Wild lag tot auf der Straße. Am Unfallort bot sich ein schreckliches und schockierendes Szenario, das von Eckhardt Weber fotografiert wurde. Nachdem die Tierkörper geborgen waren (bereits der 5. Wildunfall auf der B 229 seit dem 1. April 2017 im Revier Radevormwald- Honsberg !) und unter dem Eindruck des Ganzen, postete Eckhardt Weber in Abstimmung mit seinem Mitpächter (Verfasser dieses Beitrags) das Unfallbild.

 

Ergänzt wurde es mit einem erläuternden, warnenden Text in der bereits erwähnten Facebook-Gruppe „Du weißt, Du bist Radevormwalder“ mit gut 6 200 Mitgliedern. Was sich anschließend zutrug, ist kaum zu glauben – innerhalb kürzester Zeit warf man Weber in Kommentaren vor, pervers und obszön zu sein, bezeichnete ihn als „sensationssüchtigen, kranken Typen und ekligen Widerling, der ethischmoralisch zum menschlichen Abschaum zähle“. Nur weil er etwas zeigte, das sich auf Straßen in Radevormwald tatsächlich abspielt. Eine derartige Diskussion im Gruppen-Forum war unerwünscht und wurde deshalb entfernt. Mittlerweile war allerdings auch der WDR auf den Sachverhalt aufmerksam geworden und begann zu recherchieren. Erste Ergebnisse wurden im TV-Regionalprogramm „Aktuelle Stunde Bergisch Land“ am 10. Mai ausgestrahlt.

 

Die betroffenen Jagdpächter haben sich entschlossen, das umstrittene Bild einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit das Thema Wildunfälle präsent bleibt. Ein Wildunfall ist nicht nur eine Durchsage im Radio über ein totes Reh oder Wildschwein auf der Fahrbahn, ein Hasenkadaver am Straßenrand, einen zermalmten Bussard auf dem Mittel- oder einen überfahrenen Fuchs auf dem Überholstreifen. Es ist eine blutige Angelegenheit, hervorgerufen zumeist durch überhöhte Geschwindigkeit und plötzlich auftauchendes Wild. Tiere als primär bedrohte „Teilnehmer“ solcher Katastrophen erreichen auch gut gemachte Internet-Kampagnen nicht. Menschen schon.

 

Jörg Krogull


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