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RWJ 07/2017: Leserbrief

Fern der Wirklichkeit

Trotz einer stetig steigenden Population in vielen Bereichen in NRW wird am Lüneburger Modell festgehalten. Im Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreis hatten wir im letzten Jagdjahr Reviere mit Wildschäden von über 10 €/ha. In diesem Jahr sind die Bestände aufgrund der Vollmast noch einmal drastisch angestiegen, praktisch jede Bache in einer Rotte führt Frischlinge.

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Der nordrhein-westfälische Sonderweg zur Bejagung der Überläufer wird nach wie vor unter Schwarzwildjägern heftig diskutiert. Auch auf der LJV-Mitgliederversammlung in Gütersloh wurde die LJV-Spitze aufgefordert, sich erneut damit auseinanderzusetzen.

Zunehmend dringen Sauen in befriedete Bezirke am Stadtrand vor, Großrotten tauchen plötzlich auf und hinterlassen Schäden von mehreren hundert Euro. Was ist zu tun? Fachleute wie Happ, Briedermann, Hespeler, Neef, Keuling, Hellmann u. a. fordern, bei Überbeständen den Bachenabschuss zu verstärken. Besonders Frischlings- und Überläuferbachen müssten bei jeder sich bietenden Gelegenheit erlegt werden. Die beste Zeit dafür ist das zeitige Frühjahr – genau da beginnt bereits die Schonzeit in NRW. Schon der gesunde Menschenverstand sagt doch, dass es eher möglich und effektiver ist, im Februar eine Bache zu erlegen als acht Frischlinge im Jahresverlauf. Kein einziges Bundesland hat die Schonzeitregelung von NRW übernommen. Im neuen ökologischen Jagdgesetz von Baden-Württemberg wurde die Schonzeit im Feld komplett aufgehoben.

 

Der Abschuss weniger Wochen alter Frischlinge im Wald ist kontraproduktiv, er vergrößert Grünlandschäden eher. Viel effektiver ist es, weibliche Überläufer im Frühjahr zu schießen. Es bleibt deshalb zu hoffen, dass sich auch in NRW die Vernunft durchsetzt und die in den anderen Ländern bewährten und wissenschaftlich untermauerten Regelungen übernommen werden. Sonst werden wir Maßnahmen wie in Berlin bekommen, wo Schwarzwild in Fallen gefangen wird. Und Reviere, für die kein Pachtangebot mehr abgegeben wird. Revierübergreifende Kooperationen sind notwendig, noch wichtiger ist aber die Zusammenarbeit mit den Landwirten. Es gibt zur verstärkten Bachenbejagung keine vernünftige Alternative – einfach gesagt: Die gezielte Erlegung junger ausgewachsener Bachen hat den größten Einfluss auf mögliche Kinder und Kindeskinder! Beste Zeit dafür ist von November bis März: Der Mond steht hoch, Frost und Schnee verbessern die Sicht und die Vegetation ist niedrig.

 

Es gibt also für eine Schonzeitverlängerung in NRW kein einziges Argument. Die Deutsche Wildtierstiftung hat auf Anfrage bestritten, eine solche für Sauen gefordert zu haben, die Forderung bezog sich ausschließlich auf Rotwild. Der Abschuss von Elterntieren ist ganzjährig strafbar, er kann nicht durch Schonzeiten bei einer Wildart verhindert werden, die ganzjährig setzt. Viel wichtiger sind Nachtsichtgeräte und die konsequente Schonung einzeln anwechselnder Stücke, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar ist. Es ist höchste Zeit, die Diskussion auf wissenschaftlich belegte Fakten zurückzuführen und die Bejagung entsprechend anzupassen.

 

D. Schleenstein, 51519 Odenthal

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