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RWJ 12/2016: Ein etwas anderer Heiliger Abend

Jäger-Weihnacht

Verfasser dieser Geschichte ist der Jäger, Jagdmaler und Ausbilder Christian Schreck aus Unterfranken in Bayern – mit dem HR Vorgebirge (BN) wünscht er allen RWJ-Lesern und ihren Familien eine besinnliche Weihnachtszeit.

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Foto: M. Breuer

Langsam und nachdenklich stapft er durch den frisch gefallenen Schnee und überlegt, wann zum letzten Mal zu Weihnachten so viel Schnee lag. Blütenweiß liegen die Wiesen am Waldrand vor ihm, bedeckt von einer unberührten Schneedecke. Die jungen Fichten sehen mit ihren Hauben aus wie weiß überzogene riesige Marzipan- Lebkuchen, Bäume und Sträucher hat der Zuckerüberzug verzaubert.

All diese Schönheiten sieht Franz nicht, er ist Jäger und einen Tag vor Heiligabend auf dem Weg ins Revier. Dabei steht ihm der Sinn gar nicht nach Schießen und Beute. Die urwüchsige Freude an Wald und Wild und das leidenschaftliche, intensive Gefühl, Teil dieser Natur zu sein, fehlt ihm schon lange. In Wirklichkeit ist er nur unterwegs, um fort zu sein. Fort von daheim.

 

Daheim, das ist sein Einfamilienhäuschen am Rande des einsamen Dorfes. Daheim, das ist auch seine Frau Bruni, das sind die Kinder Max und Denise, 11 und 15 Jahre alt. Die drei sitzen in der Stube und spielen Karten. Der Kachelofen macht wohlig warm. Das Jahr über sorgt Franz für genügend Brennholz, damit diese heimelige Wärme jetzt im Winter möglich ist.

Eine andere Wärme, die menschliche, die die Familie von ihrem Vater kannte, lässt er schon länger vermissen. Auch Bruni fehlt seine warmherzige Art, die immer alles so schön machte und viele Probleme kleiner werden ließ. Angenehm warm fühlt sich Franz in seinem dicken Lodenmantel. Er hat sich auf einer niedrigen Leiter im Jägerpfad für den Ansitz eingerichtet und schlägt den Kragen hoch, um sich vor dem leichten Ostwind zu schützen. Doch immer wieder fliehen seine Gedanken zum Häuschen im Dorf und seiner Arbeit in der fernen Großstadt, als Techniker in einem Planungsbüro. Das Zauberwort „Globalisierung“ macht seinen täglichen Job nicht einfacher. Zukunftsängste erfassen ihn, das stundenlange Pendeln mit dem Pkw Tag für Tag fordert seinen Tribut und belastet Nerven, Körper und Gemüt.

 

Sind das die Ursachen für die ständig größer werdende Distanz zu den Kindern, stimmt sein Eindruck, dass sie ihm heimlich aus dem Weg gehen? Warum haben sich Bruni und er so auseinandergelebt? Er sieht ihre traurigen rehbraunen Augen vor sich, aber findet keine Antwort. Die Gedanken kreisen in seinem Kopf, lassen sich nicht mehr steuern. Soll oder kann er mit Mitte vierzig noch mal neu beginnen – neu anfangen, zu leben, vielleicht mit der hübschen Sekretärin im Büro, mit der er gelegentlich schon mal ausgegangen ist ?

 

„Weihnachten schickt Gott seine Engel auf die Erde, sie rühren jedes Herz, sprechen alle an, jeden auf seine Weise“

 

Sein Gedankenkarussell wird jäh gestoppt, als aus der Kultur ein Reh auf die schneeverwehte Lichtung zieht – eine Ricke, unmittelbar dahinter ein kleineres Stück. Der Blick durchs Fernglas bestätigt seinen ersten Eindruck – das Kitz ist sehr schwach und zu klein für die Jahreszeit. Keine Frage, dass es biologisch sinnvoll ist, der Wildbahn dieses schwache Stück zu entnehmen, weil es eh den Winter kaum überleben wird.

 

Franz zögert, als sich die Ricke so rührend um ihr Kleines kümmert. Es schmiegt sich an die Mutter und reibt sein Köpfchen an ihrem Hals. Es sucht und findet die Wärme, die zum Leben genauso wichtig ist wie Nahrung. Sie stehen sich gegenüber, ihre Windfänge berühren sich, als wollten sie sich küssen.

Früher hat auch er mit seinen Kindern so zärtlich gekuschelt.

 

Er lässt die Büchse sinken und beobachtet weiter das liebevolle Miteinander der Rehe. Diese Begegnung verändert ihn, ihm ist nicht mehr wohl in seiner Haut. Selbst im dicken Lodenmantel greift eine eisige Kälte an sein Herz – und eine innere Unruhe packt ihn. „Wenn ich mich beeile“, denkt er, „kann ich vielleicht zum Abendessen noch daheim sein. Und wenn ich einen Umweg fahre, finde ich unterwegs vielleicht noch ein paar kleine Geschenke“.

 

Wie ein Fremdkörper wirkt Franz in Lodengewand und Jagdstiefeln nur wenig später im gleißenden Licht der Ladengalerie. Im Vorbeigehen sieht er einen weißen Weihnachtsstern, genau richtig für Bruni. Ratlos sucht er Geschenke für die Kinder – wie weit ist es gekommen, dass er nicht mehr weiß, worüber sie sich wohl freuen ? Doch eine nette Verkäuferin hilft bei der Auswahl, sie finden für Max ein Naturlexikon und für seine Tochter eine DVD mit einem tollen Film.

 

Drei Augenpaare schauen ungläubig, als sich noch früh am Abend die Haustür öffnet und der Vater in die warme Stube tritt. Wortlos nimmt er seine Frau in die Arme, streichelt und küsst sie wie früher. In ihren braunen Augen schimmern Tränen: „Ich bin so glücklich, dass du wieder daheim bist !“

Dann nimmt er auch seine Kinder in den Arm, verspricht ihnen, morgen gemeinsam den Christbaum zu schmücken – und freut sich nach Jahren erstmals wieder richtig.

Auf frohe Weihnachten..

 

 

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