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RWJ 11/2017: Ein etwas anderer Abendansitz

Heute nicht ...

Herbst ist Jagdzeit, orangefarben gekleidete Leute mit Hunden sind unterwegs – zu Treibjagden auf Hase und Fasan im Feld und Drückjagden im Wald. Das alles gabs auch schon im achten Jahrhundert, zu Lebzeiten des späteren Bischofs Hubertus. In diesen dunklen Zeiten des Mittelalters war Jagd höfisches Unter­ haltungsprogramm. Die Landbevölkerung blieb dabei außen vor, durfte allenfalls als Treiber im Dienste adeliger Jäger dabei sein.

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Heute hat Jagd eine ganz andere Bedeutung – Wildbestände wer­ den bewirtschaftet, ihr Abschuss wird geplant, nach Alter und Geschlecht genau getrennt. Es gibt auch neue Wort­ schöpfungen wie Regie-, Waldschutz- und Effizienzjagd.

Zig Gesetze und Verordnungen regeln unser Tun, für alles gibts Prüfungen – für Jäger, Falkner, Fallensteller, Jagdauf­ seher und Hunde. Dabei gestalten wir Lebensräume und schützen unser Wild. Wir sind die ersten organisierten und geprüften Naturschützer, besuchen Kinder mit Rollenden Waldschulen und bergen im Straßenverkehr überfahrenes Wild. Für all das geben wir auch noch Geld aus ...

 

Wahre Sternstunde

Neulich war ich auf dem Abendan­ sitz. Unbequem wars, die Leiter hatte ich im Sommer zwar selbst gebaut – noch war der Stolz darauf stärker als die Rückenschmerzen. Beeilt hatte ich mich, nach Büroschluss noch bei gutem Licht im Revier zu sein. Es sollten noch weibliche Rehe geschossen werden und wir brauchten auch noch ein Stück für die Gefriertruhe. Nachdem ich mich eingerichtet, die Waffe geladen und seufzend entspannt hatte, sortierte ich die Gedanken der letzten Woche. Schnell noch ein, zwei SMS geschrieben, doch dann endlich die Ruhe und Aus­ zeit, wegen der ich ja eigentlich hier war. Wirklich deswegen, warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben? Ach ja, das fehlende Reh ...

 

Während mir viel Unerledigtes durch den Kopf ging, landeten meine Grübe­ leien beim anstehenden Hubertustag. Wie würde es mir wohl gehen, wenn sich plötzlich da vorn ein prächtiger Hirsch auf beste Schussentfernung breit stellen würde? Ich nahm das Fernglas hoch und beobachtete den Waldrand – nichts. Vielleicht wurde Hubertus ja da­ mals von der tief stehenden Sonne ge­ blendet, vielleicht hatte er einfach auch schlechte Augen. Dazu war die Welt des Mittelalters ja voll von Aberglauben und wirren Ge­schichten, mit denen man sich kalte,dunkle Abendstunden in zugigen Gemäuern vertrieb – ohne Strom, Smartphone und Fernsehen ... Was haben wir im 21. Jahrhundert noch zu tun mit diesem Wilden Jäger aus dem achten Jahrhundert? Plötzlich sah der sich einem kapitalen Hirsch ge­genüber, ein leuchtendes Kreuz im Ge­weih. Was hat er da wohl wirklich gese­hen, warum legte er nach dieser Begeg­nung die Armbrust für immer aus der Hand und wurde ein frommer Mann? Diese Fragen stellen wir Jäger uns jedes Jahr – und feiern am 3. November Hubertus­ Gottesdienst.

 


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Zurück zu meinem unbequemen An­sitz – ich glaste den Waldrand ab, da war doch was. Eine Ricke trat aus, ge­folgt von zwei Kitzen. Ohne hektische Bewegungen beobachtete ich alles in Ruhe durchs Fernglas. Der Auftrag war klar – man schießt zuerst das Kitz, von zweien das schwächere, dann die Ricke. Aber nur, wenn alle breit stehen, also nicht verdeckt. Die Truppe begann zu äsen, die Ricke sicherte aufmerksam, ihre Lauscher drehten sich, wenn sie den Waldrand immer wieder fixierte. Die Kitze sprangen verspielt umher. Eins schien etwas schwächer zu sein. Ich tauschte das Fernglas mit der Waffe.

Im Zielfernrohr schien meine Beute zum Greifen nah. Jetzt stand das schwa­che Kitz breit! Ich justierte den rechten Ellenbogen zur sicheren Dreipunkt­ Auflage. Jetzt stand es wieder schräg, dann wieder gerade, dann die Ricke da­hinter ...

 

Irgendwann passte endlich alles. Doch der Befehl vom Großhirn zum Zeigefinger kam diesmal nicht. War es wirklich das schwächere Kitz? Doch, ich war sicher. Alles passte, auch ge­ wachsener Boden als Kugelfang, Sicher­heit war kein Thema. Aber der Finger krümmte sich nicht. So äste die Reh­-Familie friedlich wei­ter. Wie hätte sie auch ahnen können, dass nur ein halber Millimeter der Krümmung meines Fingers zwischen ihrem Leben und Tod entschied? Irgendwann wurde es mir zu unbe­quem, ich nahm wieder das Fernglas zur Hand und blieb noch eine ganze Weile unbemerkter Beobachter des friedlichen Idylls. Heute nicht.

 

Das Licht schwand, irgendwann zo­gen die Rehe langsam zu Holze. Nach­ dem sich ihre Körper im Dunkel des Waldes aufgelöst hatten, blieb ich noch eine Weile und dachte einfach ... an nichts. Meinen Jagdfreunden erzählte ich nur, dass es ein schöner Abendan­sitz war. Wild war zwar da, aber irgend­wie passte es nicht. „Bin nicht richtig fertig geworden und dann wars zu dun­kel, nächste Tage werde ichs noch mal probiern“ ...

 


Wenn wir weiter jagen wollen

Eigentlich habe ich schon viele Rehe geschossen. Ich bin schon lange Jäger. Wie mein Vater, Großvater, Bruder, On­kel – und viele Freunde, die auch Jäger sind. Ich bin ganz sicher, viele von ih­nen haben solche Momente auch schon erlebt. Vielleicht behalten sie solch wahre Sternstunden nur verschämt für sich, weil sie denken, dass sowas nicht in un­sere Zeit passt. Macht nichts. Ich bin mir ganz sicher – jedes Zögern angesichts der Frage, ob wir etwas Richtiges oder Falsches im Sinn haben, ist Ausdruck unseres Gewissens. Wir Jäger müssen uns das fragen – jedes Mal, wenn wir zur Jagd gehen. Hubertus und seine leicht übertriebene Legende fordern dieses Gewissen ein. Wer das nicht vergisst, kann Hubertus­ Gottesdienst feiern. Und stolz darauf, Jäger zu sein.

 

Walter Hubertus Jäcker


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