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RWJ 01/2016: Welt-Uraufführung in der „Kölner Busch-Bühne“

Wenn 300 Kaninchen zur Nebensache werden...

Was Rheinländer manchmal unter „guter Vorbereitung“ einer Treibjagd verstehen, soll man nicht für möglich halten – doch ungezählte Mitverschwörer können bezeugen, dass sich die folgende Episode vor wenigen Jahren im Schatten des Kölner Doms wirklich zugetragen hat.

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Was würden Sie als Erstes denken, wenn Sie mitten in einem laufenden Treiben auf so ein schauriges Szenario treffen würden? Zeichnung: R. Kohl

Auf diesen Anruf freue ich mich jeden Winter ganz besonders. Mehr als über jede Drückjagd-Einladung garantiert er fröhliche Stunden im Schatten des Kölner Doms. Karnickel gibts um die Siedlungen der rheinischen Metropole so viele, dass ihre scharfe Bejagung für die Beständer geradezu Pflicht ist, wollen sie es sich mit den Anwohnern nicht verderben. Höhepunkt ist eine große Treibjagd, bei am Ende 300 Lapuze auf der Strecke nicht Ungewöhnliches sind! Wer bei so einem perfekt organisierten Tag mal dabei sein durfte, vergisst es sein Leben lang nicht. Was nicht nur mit der wahrlich außergewöhnlichen Strecke zu tun hat.

 

Wo kann man in heimischen Revieren heute schon noch mit der Flinte aus dem Vollen schöpfen, von Ringeltauben vielleicht mal abgesehen? Einzelne Treiben, wo ausgedehnte Brombeerverhaue den grauen Flitzern sonst sichere Heimstatt bieten, hat der Jagdherr mit einer ungewöhnlichen Maßnahme jagdlich „erschlossen“ – Drückjagdstände für Karnickel hab ich jedenfalls noch nirgends sonst gesehen. Vier Meter hoch und alle 20 m bilden sie entlang des Brombeerverhaus die Gewähr für sicheren Kugelfang – und hohe Strecken, wenn die Besatzung der „Türme“ ihre Flinten zu führen weiß. Wer da schon mal dabei sein durfte, weiß ganz schnell, warum Insider dort fast ausschließlich halbautomatische Waffen führen.

 

Doch neben Flinten-Waidwerk vom Allerfeinsten ist es vor allem der Kölsche Frohsinn, der diese Begegnungen zu Höhepunkten im Jagdjahr macht. Selbst für eher dröge Westfalen. Der Menschenschlag entlang des Rheins ist einfach ein besonders liebenswerter. Wer den Karneval „dat janze Jahr üvver“ als eigentlichen Daseinsgrund geradezu zelebriert, sprich im Alltag lebt, der ist auch als Jagdfreund von besonderem Wert. Beispiele gefällig ?

 

Die Kulisse und …

 

Bei der großen Karnickeljagd werden zu Beginn zwei Gruppen gebildet, damit die zahlreichen Ecken um die Siedlungsbereiche zügig und effektiv bejagt werden können. Die beiden Trupps agieren mit ihren Führern und Fahrzeugen unabhängig voneinander, was sich bewährt hat. Damit bei all den Treiben auch „rischtisch watt rum kütt“ (sprich möglichst viele Kaninchen zur Strecke kommen), muss zur Vorbereitung eine Menge getan werden. Mit einer Art „taktischem Anmähen“ – einem durchdachten System freigeschnittener Schuss-Schneisen, beweist mein Freund Thorsten jedes Jahr aufs Neue seine besondere Gabe des erfolgsorientierten Vordenkens. „Antizipieren“ nennen Sportreporter die Fähigkeit von Tennisspielern, zu erahnen, wohin der Gegner den Ball als Nächstes spielen wird.

 

Thorsten ist ein Meister des Antizipierens. Das hat aber mit grünen Filzkugeln weniger zu tun. Eher mit glänzenden Bleikugeln. Er weiß mit unheimlicher Präzision, wie, wann und wohin die flinken Flitzer flitzen, wenn man ihnen mit guten Hunden auf den Pelz rückt. Es ist eine ganz besondere Freude, ihn am Jagdtag zu erleben. Wie ein großer General führt er seine Truppen zu Felde, als Marschallstab sein abgegriffener Halbautomat, mit denen er an Rückwechseln, von deren Existenz wir normalen Gäste nicht mal ahnten, mit traumwandlerischer Sicherheit einen Lapuz nach dem anderen rollieren lässt.

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Einem Teil der Verschwörer stand nach dem Einsammeln der Beute eines einzigen Treibens (!) die diebische Freude über die bühnenreife Veräppelung ihres Jagdkumpels noch ins Gesicht geschrieben …

… ein Drehbuch in allerbester Hollywood-Manier

 

Aus irgendeinem Grund, der nichts zur Sache tut, hatte der verschworene Klüngel um meinen Kumpel einen der ihren (nennen wir ihn der Einfachheit halber Pitter) auf dem Kieker. De Pitter hatte jedenfalls „einen gut“, will sagen, er war fällig für einen Streich der ganz besonderen Art – der rheinischen Extraklasse. Bei der großen Karnickeljagd waren die Rollen klar verteilt – die Einen stellen an, andere „sichern“ die Ränder des jeweiligen Treibens am Rand der Wohnbebauung gegen Spaziergänger und Jogger und die nächsten sorgen dafür, dass die zahlreichen Kanine zwischen den Treiben zügig auf den Wildwagen kommen. Pitters Aufgabe war reizvoll und anstrengend zugleich – an der Seite von Jagdchef Thorsten wühlte er sich durch die zentralen Büschkes und Unterhölzer in der Mitte der Treiben, um unter den grauen Flitzern für die nötige Unruhe zu sorgen – ein schweißtreibender Job selbst im Winter, weil das zum Schutz gegen die Dornen ohne besonders dicke Hosen nicht zu machen war. So auch dieses Jahr. Mitten im dichten Unterholz schrie Pitter plötzlich gellend auf.

 

Schnell eilte Thorsten herbei: „Wat hässe Pitter?“ Kreidebleich deutete der auf einen zerwühlten Sandhügel: „Ddda vvorn lischt eener – ‚ne Tote, ‚en Lleisch!“ Unwirsch zog ihn Thorsten weiter: „Driss Füx, wühlen immer alles russ …“ Pitter war mit den Nerven am Ende: „Watt heiss hier Füx? Da lisch en Leisch, isch han ‚ne Han und dä Kopp jesien – ma müss sofort de Bullerei holn !“ Thorsten druckste so komisch herum: „Nää, bluss kien Polezzei. Ja, isch weiß ... dat is de Jupp. War ‚ne blöde Sache mit dä Jachtumfall damolls. Wat hätt‘ ma ahnres mache sull? Dat krischd doch auch kinner mä russ, wenn nisch dauernd de blöde Füx …“ Pitter schrie entsetzt auf: „Dat könnta donnisch mach, emfach enne dod Fründ verschorre, do mussisch …“ „Jaanix musse – Schnüss holt“ beendete Thorsten Pitters Panikattacke kurzerhand und scharrte mit dem Jagdstiefel ausreichend Sand über einen Totenschädel und die skelettierte Hand, die fahl schimmernd aus der Erde ragten: „Weiter joots, sonss kütt dat janze Drivve duschanand!“

 

Als das Treiben abgeblasen war, musterte ein Handvoll Verschworener aufmerksam und verstohlen den armen Pitter. Weiß wie die Wand und mit den Nerven völlig am Ende kriegte der davon natürlich nix mit. Wohin war er da geraten – OK, dass die Kumpels eher von der harten Sorte waren, war ihm auch nicht entgangen. De Pitter war ja selbst kein Kind von Traurigkeit. Aber das war ’ne andere Nummer, ein Kapitalverbrechen, Jagdunfall hin oder her – man kann doch nicht einfach hier Leute verschwinden lassen.

 

Des Rätsels Lösung

 

Irgendwann hielts einer der Kumpels nicht länger aus und prustete laut los. Da brachen alle Dämme und fünf, sechs andere krümmten sich vor Lachen. Der Rest der Korona verstand nur Bahnhof. Einem Treiber gings erkennbar nicht gut, der Arme hatte ganz offensichtlich ein massives körperliches Problem – und fünf andere lachten sich darüber auch noch kaputt! Des Rätsels Lösung kam ganz schnell, als einer der „Verschwörer“ mit listiger Miene in seinem Rucksack kramte und – begleitet vom entsetzten Aufschrei der Umstehenden – einen schaurig-schimmernden Totenschädel und einen skelettierten Unterarm hervorzog – eindeutig menschlichen Ursprungs.

 

„Täuschend äschd odda ?“ grinste Thorsten, „Hädd uns bim Karnevalsläddsche rischtisch wat jekoss. Dä billje Schina-Driss hätt de Pitter ja sofort erkannt ..!“ Der Gefoppte wechselte gerade wieder die Gesichtsfarbe. Da musst Du erst mal drauf kommen – von langer Hand vorbereitet hatten die Verschwörer mitten im Busch die schaurig wirkenden „Leichenteile“ so in Szene gesetzt, dass der arme Pitter quasi darüber stolpern musste. Thorsten hatte die schauspielerisch anspruchsvollste Rolle übernommen – als Jagdleiter musste er nicht nur dafür sorgen, dass de Pitter auch auf dem „richtigen Weg“ lief, sondern ihm nach dem sauber vorbereiteten Fund der „Leichenteile“ mit todernster Miene die Story vom Jagdunfall, Jupp und den Füchsen unterjubeln …

 

Es braucht nicht extra erwähnt zu werden, dass die wieder mal grandiose Strecke von über 300 Karnickeln an diesem Jagdtag zur völligen Nebensache wurde. Die Freunde zelebrierten den Erfolg ihrer Oskar-reifen Komödie in vollen Zügen. Womit? Mit Recht. Mit geradezu manisch-krimineller Energie hatte die Truppe das Ganze geplant und eiskalt durchgezogen. Man konnte sich unschwer vorstellen, wie viel Fässchen Kölsch allein schon in den Wochen der hämischen Vorfreude dran glauben mussten. Wer bei dieser Welturaufführung in der „Kölner Busch-Bühne“ dabei sein durfte, braucht jedenfalls nie mehr zu jammern, wenns am Wagner-Hügel in Bayreuth wieder mal keine Karten mehr gibt …

 

Matthias Kruse

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