Seite 1

RWJ 06/2016: Ein denkwürdiges Blattjagd-Wochenende

Jagdkönigin

Anfang August ist die hohe Zeit im Rehwild-Revier. Diesmal gings mit einer bunten Truppe begeisterter Jägerinnen (alle unbekannt) in wildreiche Reviere in der Wesermarsch (auch alle unbekannt). Was aus dieser Gleichung mit den vielen Unbekannten werden sollte, war im Vorfeld nicht wirklich absehbar:

jk-4

Ansitz auf der Veranda der Jagdhütte auf Hausbock Rudi …

Die Paarungszeit beim Rehwild heißt biologisch richtig schlicht und ergreifend Brunft. Und nicht Blattzeit. Denn damit wird nur das etwa letzte Drittel der Rehwildbrunft beschrieben. Wenn die meisten Ricken bereits beschlagen sind. Und die Böcke bedingt durch die dann nicht mehr so große Auswahl anfällig werden für akustische Reize. Dann springen sie „aufs Blatt“ – in grauer Vorzeit wortwörtlich zu nehmen: Unsere Urväter benutzten ein zwischen die Daumen-Innenseiten gespanntes Buchenblatt, brachten es durch vorsichtiges Durchpusten zum Klingen – und warteten auf liebestolle Böcke. Funktioniert bis heute. Wenn mans kann. Und zur richtigen Zeit kommt.

 

Obwohl die Instrumente zum Anlocken der Böcke heute zigfach verfeinert wurden (wer nimmt schon noch ein Buchenblatt?), bleiben die Mysterien der Blattzeit bis in die Neuzeit ein Buch mit sieben Siegeln. Für für die allermeisten Jäger jedenfalls. Und die allermeisten Jägerinnen auch. Wegen dieser gesicherten Erkenntnis werden jedes Jahr im Juni Blattjagd- Seminare angeboten, bei denen man die richtige Melodie und die todsicheren Tipps zum Umgang mit einem ganzen Orchester von Lockjagdinstrumenten erlernen soll.

 

Angefangen vom Zweistunden-Vortrag im Wirtshaus (mehr Gaudi) bis zu Tagesveranstaltungen mit Einzel-Unterricht im Busch (schon mehr Praxis-Wert). Was es so gut wie gar nicht gibt, sind echte Praxis-Seminare, bei denen man das Erlernte gleich im Jagdalltag umsetzen kann. Und zwar aus gutem Grund.

 

Praxis-Seminar „in echt“

Selbst ernannte und wirkliche Lockjagd- Profis gibts sicher etliche. Einige davon sind auch durchaus bereit, ihr Wissen weiterzugeben. Nicht nur wegen des Honorars, sondern dazu mit der Chance, „ihr“ todsicheres Instrument bei dieser Gelegenheit anzupreisen und unter die Leute zu bringen. Experten vom Schlag eines Klaus Weisskirchen, Klaus Demmel oder Konrad Esterl haben dabei so viel Unterhaltungswert „an sich“, dass es sich allein schon daher lohnt, ihnen bei der Vermittlung unzähliger Erlebnisse, Anekdoten und jahrzehntelanger Erfahrungen zu lauschen.

 

Allein, um eines handelt es sich bei all dem nicht – um gesicherte Erkenntnisse. Also abrufbare, wiederholbare Mechanismen, mit denen wir Lockjagd-Laien jeden noch so abgezockten Altbock aus den Büschen zaubern. Und das ist auch gut so. Es ist der Grund, warum sich auch noch in 100 Jahren Jäger dafür interessieren werden, warum all das Gepiepe ausgerechnet bei ihnen, in ihrem Revier, gerade nicht funktioniert. Auch wenn das über Handy-Apps und elektronische Locker in ganz naher Zukunft wahrscheinlich kaum noch jemand mit dem eigenen Mund versuchen wird.

 

Gelegenheiten, neue „todsichere“ Geheim-Melodien gleich mal „in echt“ auszuprobieren, erst recht im Rahmen eines solchen Seminars, gibt es so gut wie nie. Wie auch? Das Einzige, was denkbar wäre, sind Ansitzwochenenden irgendwo im Landesforst. Haben wir auch schon probiert. Weil dort der Jagdbetrieb aus nachvollziehbaren Gründen allerdings ganz anderen Zielen dient – und infolgedessen auch ganz anders organisiert wird, ordne ich einige Versuche dieser Art heute ernüchtert unter der Rubrik Lehrgeld gezahlt ab. Was nutzen noch so nette Förster und noch so nette Abende in froher Runde, wenn nach vier Jagdtagen mit 20 Mann nur abgezählte zwei Jährlingsspießer „zur Strecke“ liegen? Peinlich.

 

Nicht nur für die Teilnehmer, denen wir sicher Besseres gewünscht hätten. Und sei es nur Anblick. Sondern noch viel mehr für denjenigen, der ein solches „Praxis-Seminar“ konzipiert und Jäger dafür im Vorfeld begeistert hat. Und sich das auch noch bezahlen lässt. Sie kennen das – wenn man erst mal Lehrgeld bezahlt hat, lässt man erst mal die Finger davon. Was nützt die Vision vom „Wär’ doch schön“, wenn man überhaupt keine rechte Vorstellung davon hat, wie man einer Gruppe Interessierter über ein langes Wochenende nicht wenigstens eine gute Chance bieten kann, auch auf einen passenden männlichen Vertreter der Gattung Capreolus zu Schuss zu kommen?

 

All dies als gebranntes Kind im Hinterkopf, tüftelte ich Jahre darauf mit einem lieben Bekannten an einem ganz anderen Plan – der Organisation eines mehrtägigen Herbst-Seminars mit Auftakt im Schießkino, zwei Nächten in einem Top- Hotel (bestenfalls ein kleines, gemütliches Schloss) und zwei wirklich guten Drückjagden. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwann kam die Rede auf unser Lehrgeld mit den sprichwörtlich „verbockten“ Blattjagd- Seminaren im Staatsforst. „Och,“ meinte mein Kumpel Bernd nur ganz trocken, „dat kring wa woll’ hin!“ Mehr als ungläubig starrte ich ihn an.

 

OK, einigermaßen gute Drückjagden lassen sich organisieren, aber Bockansitze mit 15 Teilnehmern an einem langen Wochenende, mit vertretbaren Chancen auf Erfolg – wie sollte das denn wuppen? Des Rätsels Lösung war eine sehr ungewöhnliche Jagdkameradschaft, zu der befreundete Pächter mehrerer Reviere mit über 5 000 ha Fläche gehörten. Für diese Kumpels standen die Saujagd und einige gemeinsame Treibjagden ganz oben auf ihrer gemeinsamen Werte-Skala. Und nicht die Böcke. Wenn mein Kumpel mit denen reden würde, könnte sich da „was zusammenschieben“.

 

Immer noch ungläubig, ermunterte ich ihn, das doch mal ganz vorsichtig anzufragen. Oder – um’s ein bisschen konkreter zu machen: „Frag doch mal Deine Spezis, ob sie sich vorstellen können, dass wir in der ersten Augustwoche von Donnerstag bis Sonntag mit 15 Jägerinnen bei Euch ein Blattjagd-Seminar anbieten. Mit einem Bock pro Jägerin !“

Seite 2

Viel Arbeit in der Wesermarsch

Bevor die Mädels für ein exklusives Praxis-Seminar der RWJ-Akademie schließlich mehr als ein halbes Jahr später in der Wesermarsch zwischen Bremen und Hamburg anrücken konnten, galt es allerdings, eine Unmenge organisatorischer Aufgaben abzuarbeiten. Das Einzige, was sicher feststand, waren ein paar Rahmendaten: Teilnehmerinnen: 15, Jagdziel: jede einen Bock, Seminar-Einheiten während der vier Tage: 1. Einweisung in die Blattjagd, 2. Aufbrechen ohne Schloss-Aufbrechen (Ringeln), 3. Herrichten einer Bock-Trophäe, Ablauf: Donnerstagmorgen individuelle Anreise, Beziehen der Quartiere, Kontrollschießen der Waffen, Einweisung und Verteilung auf die Reviere, Morgen- und Abendansitze, individuelle Jagd auch tagsüber möglich, jeden Abend Erfahrungsaustausch, Samstagabend: Schlussfest, Sonntagmorgen: Abschlussbesprechung, Ausgabe der Trophäen, individuelle Abreise.

 

So weit, so klar. Zumindest die Quartierfrage war ganz schnell geklärt: ein gemütliches Landhaus im Grünen, zentral in der Mitte der beteiligten Reviere, mit gutem Essen, Hunde kein Problem – und bezahlbar. Bingo, nehmen wir. Ein halbes Jahr vorher wurde das entsprechende Zimmerkontingent gebucht, damit da schon mal nichts mehr anbrennen konnte. Parallel dazu machte sich mein Kumpel Bernd an die Hauptarbeit: Auf einem nahe gelegenen Schießstand blockte er die 100m-Bahn und orderte uns einen Imbiss. Mit seinen Revierpächtern ging er immer weiter ins Detail, je näher die Blattzeit rückte. Böcke wurden bestätigt – und konsequent geschont, Pirschbezirke für die Jägerinnen festgelegt, Hochsitze in Karten eingetragen und diese wetterfest laminiert, Referenten für die Seminar- Einheiten gesucht und und und …

 

Aus der Ferne erschien das Ganze immer unglaublicher, je weiter die Detailplanung voranschritt. Irgendwann begann ich daran zu glauben, dass man ein solches Abenteuer wagen konnte. Denn schließlich musste dieses wahrlich ungewöhnliche Praxis-Seminar nur für Jägerinnen ja auch erst einmal ausgeschrieben und angeboten werden. Wer konnte schon wissen, ob es dafür überhaupt Interesse geben würde ? Irgendwann musste natürlich auch über Zahlen – sprich Geld – geredet werden, denn diese sind schließlich die Grundlagen der Kalkulation eines Seminars, das de facto schon sehr deutlich Richtung „Event“ abdriftete.

 

An dieser Stelle gings mit den Unglaublichkeiten weiter: Die beteiligten Reviere boten uns nicht nur gegen einen wirklich fairen Preis 15 Böcke zum Abschuss an, sondern noch viel mehr: Wer keinen Bock erlegen konnte, bekam einen namhaften Betrag rückerstattet. Jede Erlegerin erhielt zusätzlich zur Trophäe auch noch vorzerlegt und vakuumiert das Wildbret ihres Bockes zum Mitnehmen! Fast zu schön, um wahr zu sein.

 

Aber die Beständer meinten es wirklich ernst damit, versicherte mir mein Kumpel trotz mehrmaliger ungläubiger Nachfrage. Das Gesamtpaket wurde geschnürt und im Frühjahr für insgesamt immer noch sehr günstige 800 Euro angeboten – tutti completti ! Eigentlich also kein Wunder, dass die Veranstaltung nach kurzer Zeit ausgebucht war. Auch wenn einige Männer daran nicht so recht glauben wollten. Wahrscheinlich hatte es aber mehr mit Jagdneid zu tun, dass ernsthaft einige Spaßvögel bei der RWJAkademie anriefen und großzügige Hilfe anboten, weil ja sowieso nicht genügend Jägerinnen zusammenkommen würden… Wir mussten sie enttäuschen.


Drama kurz vor Tores-Schluss

Als alles wohlbereitet war, wir also die Tage bis zum Start zählen konnten und verstohlen begannen, in einschlägigen Fachseiten im Internet nach dem erwarteten Wetter Ausschau zu halten, kam völlig aus dem Nichts die Hiobsbotschaft: Unser Quartier, das gemütliche Landhaus im Grünen, sagte uns keine 14 Tage vor Beginn der ausgebuchten Veranstaltung ab! Unvorhergesehene Verzögerungen und Probleme mit den Baubehörden würden die längst überfällige Fertigstellung eines Neubau-Traktes verhindern. Es täte ihnen leid. Und uns erst. Wie sollte das denn gehen – für drei Nächte ein neues Hotel für 17 Leute auf den letzten Drücker finden und möglichst noch so, dass man von dort einigermaßen flott in die Reviere kommt? Wir waren mehr als froh, überhaupt noch was zu finden. Abstriche an der ein oder anderen Stelle musste man machen, so viel war klar. Selbst mit dem Preis (in Relation zur Kalkulation) kamen wir einigermaßen hin. In der Not frisst der Teufel bekanntlich …

 

Die Show konnte beginnen. Einigermaßen pünktlich trafen die Damen am Treffpunkt eine halbe Stunde nördlich von Bremen ein. Nur kurz die Klamotten auf die Zimmer, Fahrgemeinschaften bilden und ab mit Jagdschein, Waffe und Munition auf den Schießstand. Ich bin mir sehr sicher, dass dies keines der Kriterien ist, anhand derer sich männliche von weiblichen Jägern unterscheiden, aber in den nächsten Stunden sollte sich erweisen, wie wichtig es war, von jeder Teilnehmerin generell einen Kontrollschuss abgeben zu lassen. Manche Waffe musste komplett neu eingeschossen werden, bei anderen war der Abzug defekt, wieder eine andere hatte Munition im falschen Kaliber dabei … – alle Probleme konnten mithilfe des freundlichen Standpersonals zufriedenstellend gelöst werden. Wie gut, dass keine Jägerin und erst recht nicht von ihnen anvisiertes Wild den ursprünglichen Zustand der Waffen auszubaden hatte!

 

Bei der anschließenden Besprechung mit Jagdscheinkontrolle gings v. a. um die Freigabe – in nahtloser Konsequenz zu allen bisherigen Vorbesprechungen war auch sie äußerst großzügig: Frei waren alle Böcke – bis auf schwarze und zweijährige Sechser. Bei den Schwatten bat man um Verständnis, solche Raritäten wollte man gern selber bejagen. Und dass kein Beständer von Flensburg bis Garmisch Zukunftsböcke par excellence (also vielversprechende Sechser mit dünnen Stangen) im jugendlichen Alter meucheln lassen will, bedurfte keiner weiteren Erläuterung. Eigentlich.

 

Welchen Verdruss uns diese Selbstverständlichkeit noch einhandeln sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen … Nur der Vollständigkeit halber erwähnten die Verantwortlichen die weitere Freigabe: alles Raubwild (Füchse, Waschbären und Marderhunde), keine Schmalrehe, kein Damwild, dafür aber alle Sauen außer erkennbar führenden Bachen – Jägerherz, was willst Du mehr? Krähen. Ja, wirklich. Was denn mit Krähen sei, wollte eine Dame allen Ernstes wissen, angereist wie alle anderen mit der großen Kugel. Nach dieser Frage herrschte in der Runde der Beständer einen Moment lang lähmendes Entsetzen (manch einer musste sich erkennbar auf die Zunge beißen, um nicht laut loszuprusten). Mit allem nötigen Ernst vermittelten wir der passionierten Niederwildretterin, dass es allein schon aus Sicherheitsaspekten denkbar ungünstig sei, eine .30-06 auf eine Rabenkrähe zu richten …

 

Unmittelbar vor dem Aufbruch zum ersten Ansitz kam der nächste Nackenschlag – der Wirt unseres Ersatzgasthauses teilte uns ohne eine Miene zu verziehen mit, dass es ab 21.30 Uhr (und damit schon lange vor Ende unserer Ansitze) bei ihm nichts mehr zu trinken gäbe – der Super-GAU, eine Truppe, die sich nach den vielen Einzelabenteuern beim Ansitz viel zu erzählen hat und dann nichts zu trinken. Ganz egal, ob Jägerinnen oder Jäger – das ging ja gar nicht !


Seite 3

Beides geht nicht

„Improvisation ist die eigentliche Kunst des Genies“ – das jedenfalls bewies mein Kumpel Bernd in diesem Moment: „Ist doch überhaupt kein Problem – wir treffen uns alle nach der Jagd am Kühlhaus. Davor machen wir ein Feuer, stellen ein paar Stühle drum und ich besorg gleich bei der Tankstelle noch zwei Kisten Bier. Alles wird gut!“ Genialer Plan, wie ich fand – aus der Not ’ne Tugend gemacht und anspruchsvoll sind Jäger ja sowieso nicht.

 

Viel Zeit für langes Rumüberlegen blieb sowieso nicht mehr. Vor dem Hotel fuhr ein Jagdführer nach dem anderen mit seinem Trupp Jägerinnen los. Ich hoffte nur, dass unsere passionierten Damen das mit der Einweisung wirklich ernst nahmen. Sich bei bestem Licht auf eine Kanzel setzen zu lassen, ist das eine – aber genau den gleichen Sitz am nächsten Morgen ohne Begleitung im Dunkeln wiederzufinden, was ganz anderes. Geschweige denn einen, auf dem man noch nie gewesen war.

 

Es war für mich persönlich jedenfalls völlig klar, dass es an diesem hektischen ersten Abend eigentlich nur darum gehen konnte, genau diese Hektik ganz bewusst rauszunehmen. Nachdem die beiden Mitfahrerinnen in meinem Wagen auf ihren Hochsitzen saßen und mich der Ansteller zur Eile drängte, machte ich ihm genau das klar. Wirklich vorbildlich hatte jeder Gastjäger eine laminierte Revierkarte mit allen vorgesehenen Ansitzeinrichtungen bekommen. Und die wollte ich auch sehen. Alle – jede Leiter und jede Kanzel einschließlich der jeweils besten Anfahrt bei Tag und in der Dunkelheit. Mein freundlicher Ansteller wurde zunehmend unruhig: „Dann brauchst Du Dich gar nicht erst raus setzen, bei uns kommen die Böcke im Wald früh …“ Das war mir völlig egal. Wie oft schon war ich morgens im Dunkeln in fremden Revieren herumgeirrt, in denen nach Kartenlage doch eigentlich „alles klar“ sein sollte. Es war gerade mal der erste Ansitz und als Verantwortlicher unserer Dreier-Truppe wollte wenigstens ich als Fahrer am nächsten Morgen wissen, wie ich zu fahren hatte. Die Dreiviertelstunde dafür war gut investiert.

 

Fand ich. Dem Ansteller wurde es schließlich doch zu bunt: „Wenn Du Dich jetzt nicht ansetzt, vergiss es gleich ganz.“ Mitten im Wald ließ er mich allein, in knapp 300 m Luftlinie wollte er sich selber auf Sauen ansetzen. „Waidmannsheil“ – und weg war er. Überhaupt nicht bei der Sache, die eingeschweißte Karte in der Hand und mit den Gedanken schon in der Dunkelheit des nächsten Morgens, taperte ich laut krachend durch den Wald zu der beschriebenen Kanzel. Mitten im dichten Fichtenforst. Wohl in 150 m Entfernung war der Feldrand zu erahnen. Die Kanzel stand an der Kreuzung zweier Holzrückegassen, jede vielleicht fünf Meter breit. All das wirkte nicht gerade besonders spektakulär. Aber die Kanzel war in einem guten Zustand, alle Fenster ließen sich problemlos öffnen und die Bank war bequem. Hoffentlich hatten es unsere Jägerinnen ebenso gut angetroffen, gings mir durch den Kopf, als ich zufrieden auf meinem Refugium angekommen, den Repetierer seufzend in die Ecke stellte.

 

Doch plötzlich zuckte ich zusammen – was hatte Bernd eben mit seiner Stuhlkreis- am-Feuer-Idee zu den Getränken gesagt ? „…hol ich an der Tanke zwei Kisten Bier und alles wird gut“. Das reicht ja auch völlig aus, wenn sich Jäger nach der Jagd zusammenhocken. Aber nicht Jägerinnen ! Die Trinkgewohnheiten der Damen waren zu diesem Zeitpunkt ja noch weitgehend unbekannt, beim Mittagsimbiss am Schießstand war jedenfalls nicht mal ein Mischbier im Spiel gewesen, geschweige denn echte Gerstenkaltschale.

 

So‘n Mist, mit „zwei Kisten Bier“ würden wir nachher nicht weit kommen. Hoffentlich hatte Bernd die Getränke noch nicht besorgt. Gottseidank hatte das Handy Netzverbindung, also Fernglas ablegen, Brille auf und dem Kumpel ‘ne SMS schreiben: „Bier allein reicht nicht (sind ja alles Damen). Bring bitte zusätzlich… Mitten in dieser Getränkebestellung und noch keine 2 Minuten auf der Kanzel wurde meine Konzentration gestört.


jk-2

Das kommt dabei heraus, wenn man vom Ansitz aus noch zig Sachen organisieren will … fast wäre es zu spät gewesen.

Durch irgendwas. Ich kann nicht mal genau sagen, was – auf jeden Fall unterbrach ich die Tipperei und schaute eher zufällig durch das vordere Fenster der Kanzel. Vor Schreck fiel mir fast das Handy aus der Hand – auf weniger als 60 m passierte die vor mir liegende kleine Schneise ein BOCK. Woher der gekommen war? Keine Ahnung. Was der dort wollte? Woher sollte ich das wissen, ums Fressen konnte es jedenfalls nicht gehen, weil attraktive Äsung im finsteren Fichtenforst Mangelware war. Wahrscheinlich suchte er Mädels, schließlich war ja Blattzeit. Das Einzige, was schon im allerersten Moment klar war – dieser Bock war ein echter Kracher. Stark im Wildbret, mit locker doppelt lauscherhohen, dicken Stangen. Da er ganz sicher nicht vorhatte, sich auf der Mini-Schneise länger aufzuhalten, war allerdings auch klar, dass er in wenigen Sekunden – typisch Waldgespenst – wieder verschwunden sein würde. Wie oft schon hatte ich meinen Jagdfreunden nach solch unverhofften Begegnungen die Standard-Story erzählen müssen: „Ihr glaubt nicht, was mir vorgekommen ist … und weg war er !“

 

Lehrgeld genug ist in über 30 Jägerjahren dabei zusammengekommen. Wenn diese Begegnung zu einem anderen Ende führen sollte, musste es jetzt wirklich schnell gehen. Zuvor allerdings galt es noch, eine letzte, wahrlich nicht ganz unwichtige Frage zu klären – wie alt war dieser Bock? Ich hatte in diesem Revier, ja generell in der Wesermarsch zwischen Bremen und Hamburg noch nie gejagt, null Erfahrung. Woher sollte ich nun genau wissen, wie dort ein junger Zukunftsbock aussieht? Nichts wäre jedenfalls peinlicher, als mit genau einem solchen am Kühlhaus aufzutauchen, so viel war klar.

 

All dies raste in Sekundenbruchteilen durch meine Gedanken, längst lag der Repetierer im Anschlag, eher unbewusst wurde in der fließenden Bewegung der Handspanner nach vorn gedrückt. Gottseidank hatte ich das variable Zielfernrohr noch vor dem Besteigen der Kanzel automatisch auf eine kleine Vergrößerung gestellt, weil man dort sowieso nicht weit schießen konnte. Für irgendeine Fummelei wäre jetzt nämlich wirklich keine Zeit mehr gewesen. „Bevorzugtes Ansprechverfahren: monokular“ nenne ich solche Momente, in denen es ganz schnell gehen muss. Dann muss der Blick durch die Zieloptik die Infos liefern, die noch fehlen – oder der Finger gerade bleiben.


Seite 4

Und die Infos kamen:

Rosenstöcke dicker als Fünfmarkstücke präsentierte mir das Waldgespenst – und solche konnten selbst auf den fruchtbaren Böden der Wesermarsch unmöglich zweijährige Böcke tragen. Als diese Erkenntnis mein Zentralhirn erreichte, tauchte das Haupt des Bocks schon wieder in den schützenden Fichtentrauf. Mehr intuitiv wie bei der Drückjagd wischte das Absehen aufs Blatt und raus war der Schuss! Unwirkliche Stille breitete sich aus. Neben mir auf dem Sitzbrett blinkte noch immer der Cursor der Handy- Leuchtanzeige hinter dem Wort ZUSÄTZLICH aus der unvollendeten Getränke- Nachbestellung, nach den wenigen Sekunden war das Gerät noch nicht einmal im Stand-by-Modus.

 

In welchem Modus ich selber war, wusste ich immer noch nicht. War das alles wirklich passiert? Den Kopf ganz woanders als im Jagdbetrieb, kommt da auf einmal dieser Kracherbock und verschwindet fast genauso gespensterhaft wie er gekommen war. Aber nur fast. Da vorne lag er, so viel stand fest. Nun aber pulste das Adrenalin kräftig über meinen verschwitzten Rücken. So richtig freuen konnte ich mich aber immer noch nicht. Eigentlich hasse ich solche Situationen. Man kann nicht alles gleichzeitig haben – aufregende Jagd mit vollem Herzen und gleichzeitig noch unendlich viel Kleinsch … organisieren. Beides geht nicht. Eben. Und doch lag da vorn in Steinwurfweite ein Bock der Extraklasse. Wie stark er wohl wirklich war?

 

„Jetzt aber wieder Struktur in den Abend bringen“, rief ich mich zur Ordnung – und vollendete die Getränke- SMS: „bring bitte zusätzlich … Mischbier, ein paar Flaschen Wasser und ‚ne Pulle Bessen-Genever mit. Ach übrigens: Bock tot!“ Weil ich nun allerdings keine Ruhe mehr hatte und in der Hitze des Augustabends den Bock auch nicht länger als nötig unversorgt lassen wollte, rief ich als Nächstes meinen ungeduldigen Ansteller an, der mich ja erst vor wenigen Minuten aus dem Wagen gelassen hatte. Er vermutete, ich sei wohl beim Besteigen der Kanzel unabsichtlich an den Abzug gekommen – er selbst habe noch gar nicht gesessen, als es schon knallte.


Meisterin am Skizzenblock

Auf dem Weg zum Kühlhaus stieg die Spannung – wie viele von unseren Jägerinnen wohl erfolgreich waren? Eine nach der anderen trudelte am Feuer ein. Bis auf eine … alle ohne Beute – das konnte doch nicht wahr sein. Tat aber der guten Laune keinen Abbruch. Rund ums Lagerfeuer war alles in heller Aufregung. Was die alles gesehen hatten – Knopfböcke, Jährlingsspießer, Ernteböcke. Alle zu weit, zu unsicher, zu kurz.

 

Besonders stolz war eine wirklich toughe Mitt-Fünfzigerin, die wir schon von einigen Seminaren kannten. Keine Jungjägerin, selbst Revierinhaberin und im echten Leben erfolgreiche, promovierte Unternehmensberaterin. Freudestrahlend blätterte sie in ihrem Notizblock und präsentierte der Runde formvollendete Gehörnskizzen eines braven, knuffigen Gablers. Aus diversen Blickwinkeln. „Und“, wollte ich wissen, „wo hängt er ?“ „Nee, der lebt noch, den schieß’ ich erst morgen“ gluckste die Künstlerin ganz beseelt von ihren Zeichenkünsten. „Ja bist Du denn bescheuert?“ entfuhr es mir. Erschrocken über die eigene Wortwahl entschuldigte ich mich dafür im gleichen Atemzug. Aber sauer war ich trotzdem: „Du sollst hier keinen auf Rien Portvlieet machen ... sondern einfach nur ein Loch an den Bock. Danach kannst Du ihn malen, bis der Bleistift kratzt …“ Auf die beiden Böcke – und v. a. eine offenbar dringend benötigte stärkere jagdliche Entschlossenheit der Damen- Truppe – haben wir rund ums Feuer an diesem Abend danach noch manches Trinkopfer gebracht.

 

Daran kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass am nächsten Morgen trotz bester Bedingungen (Traumwetter, Blattzeit voll am Laufen) bei 15 Jägerinnen ... nicht ein einziger Bock zur Strecke kam. Es war wie verhext. Wieder hatten fast alle guten Anblick gehabt, aber keine hatte sich gelöst. Am frühen Nachmittag entschloss ich mich mit dem Chef-Organisator vor Ort zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Aufgeregte Fußballspieler bilden unmittelbar vor einem wichtigen Spiel am Anstoßkreis noch mal einen entschlossenen Ring, um sich Mut zu machen. So was brauchten wir jetzt auch, sonst drohte unser Abenteuer komplett aus dem Ruder zu laufen. Trotz all der engagierten Top- Vorbereitung. Das konnte doch alles nicht sein.

 

Ich war mit den Nerven fast am Ende. Nur wer selbst schon mal in ‘ner ähnlichen Situation stand, wird das nachvollziehen können – da reißt man sich den H ... auf, versammelt eine unglaubliche Truppe gastfreundlicher Jagdpächter, unternimmt wirklich alles, damit die Jägerinnen auch Erfolg haben – und dann malen die Gehörnskizzen. Es war wirklich besser, dass ich in der Runde Bernd das Wort überließ. Der fing erst mal mit ‘nem lockeren Erfahrungsaustausch an. Wie’s denn bisher so gewesen sei, ob alle zufrieden wären, ob wir noch neue Sitze bräuchten ?

 

Von einer Dame wusste ich schon, was kommen würde. Sie hatte sich bei mir und anderen darüber beschwert, dass ihr Ansteller, der sie auf Wunsch sogar beim Ansitz auf ihren ersten Bock begleitet hatte (!), ihr genau diesen aber beim Erscheinen ärgerlicherweise nicht freigegeben habe. Obwohl der doch passend gewesen sei. Keine Frage, dass wir zuallererst mal den Ansteller befragten. Ja – der Bock sei durchaus passend gewesen. Dennoch habe er ihn der Jungjägerin unmöglich freigeben können.

 

Aber warum denn nicht, wollte die wissen. „Ganz einfach“, sagte Bernd ganz dröge, „weil der über 230 m weit weg war.“ Dennoch war die aufgeregte Novizin kaum zu besänftigen. Den anderen allerdings redeten wir ins Gewissen: „Mädels, die Böcke sind da. Ihr habt sie alle schon gesehen. Also – bitte jede Übervorsicht, schamhafte Zurückhaltung und vor allem Skizzenblöcke beiseitelegen – und zünden ! Waidmannsheil beim Abendansitz !“


Seite 5

Überraschungen an der Oste

jk-3

Vielleicht sind Sie ja auch schon einmal von einem lieben Jagdfreund „auf seine Hütte“ eingeladen worden, bestenfalls mitten in der Jagd, weitab vom nächsten Dorf. Weil unter den Besitzern solcher Hütten – vorsichtig formuliert – Hartz IV-Empfänger signifikant unterrepräsentiert sind, handelt es sich dabei in den meisten Fällen auch nicht um Hütten im eigentlichen Sinn. Selbst die Bezeichnung Jagdhaus trifft Lage und Komfort solcher Anwesen meist nur unzureichend…

 

Zur grundsätzlichen Einstellung solch netter Jagdherren (verbunden mit dem wirtschaftlichen Hintergrund, sich solch Großzügigkeit leisten zu können) gehört es oft auch, rund um die Hütte eine Art Jagdbann (gerne etwa ein Kilometer Umkreis) zu legen. Das kriegt Wild natürlich sofort spitz. Mit dem gewünschten Resultat, dass es sich auf der Wiese vor der Hütte schon bald unglaublich vertraut zeigt. Einschließlich Hüttenhirsch Schorsch oder Hausbock Rudi. So ähnlich muss man sich die direkte Umgebung vorstellen, in der eine unserer Jägerinnen eingewiesen worden war. Ihr Ansitz war weder eine geschlossene Kanzel, keine offene Leiter, kein Drückjagdbock und auch kein Erdschirm. Sie saß auf der Veranda eines solchen Jagdhauses. Ganz allein. Mitten in einem wahren Naturparadies in der Weichholz- Aue des kleinen Flüsschens Oste, das sich im Hintergrund lieblich durch ihr Ansitzpanorama schlängelte.

 

Dieses kleine Gewässer ist einer der saubersten und naturbelassensten Flüsse Norddeutschlands. Seine wirklich besondere Stellung konnte man unschwer etwa an einem Verkehrsschild erkennen, das bis dahin keine unserer Jägerinnen jemals gesehen hatte: Vorsicht – Otterwechsel ! Inmitten dieses Naturparadieses saß also unsere Jägerin und wartete auf den Hausbock Rudi – der ihr tatsächlich von einem unserer Pächter freigegeben worden war. Unfassbar. Sie wartete und wartete im bequemen Rattan-Gestühl auf der Terrasse. Mit den entsprechenden Polstern versteht sich. Als ich die ungewöhnliche Ansitzumgebung mittags mal besichtigte, drängte sich ein eiskalter Aperol Spritz, eine Gala nebst einer Landlust auf dem Gartentisch in meine Gedanken (zu ihrer Ehrenrettung – wahrscheinlich wird da nur die Waffe gelegen haben).

 

Aber Rudi ließ sich nicht blicken. Bei unserer Halbzeitbilanz-Runde haben wir sie freundlich gefragt, ob sie vielleicht einmal auf einen „richtigen“ Hochsitz wechseln wolle. Ihr freundlich dahingelächeltes NÖ war ebenso kurz wie eindeutig. Am nächsten Abend hat sie Rudi dann mit einem sauberen Blattschuss erlegt. Genauso wie sieben ihrer Mitstreiterinnen ihre Böcke. Ebenso verhext wie an den ersten beiden Ansitzen rappelte es nun genau umgekehrt – am Freitagabend und Samstagmorgen hatten fast alle ihren Bock. Darunter auch die quengelnde Jungjägerin, die mittags noch ein unfreiwilliges Beispiel dafür abgegeben hatte, warum Laser- Entfernungsmesser nicht nur bei der Gamsjagd ganz ausgezeichnete Jagdhelfer sein können …

 

Ausgerechnet an ihrem Geburtstag konnte sie wenige Stunden später dem Ersehnten eine saubere Kugel antragen. Daraufhin wurde sie mit einer offensichtlichen Überdosis Glückshormonen von Stund an in eine Art Trancezustand versetzt. Der tagelang anhielt und am Ende noch fatale Konsequenzen haben sollte.


Ende mit Schrecken

jk-1

„Männliche Jagdkönigin“ kommt irgendwie nicht gut – doch der tolle „Getränke-Bock“ entschädigte. Zeichnungen: R. Kohl

Nur eine Jägerin war immer noch ohne Bock – genau, unsere Frau Dr. Meisterzeichnerin. Die „gleich am nächsten Morgen“ ihren im Michelangelo-Stil aus allen Winkeln aufs Papier gebannten knuffigen Gabler erlegen wollte. Aber Jagd ist keine Hallensportart. Gottseidank. Und der Bock verschwand auf Nimmerwiedersehn. Mit Ansage quasi. So kam der letzte Ansitz. Als moralischer Beistand und Glücksbringer brachte ich sie persönlich auf jenen Schicksalssitz, von dem aus sie den Braven am ersten Abend lieber zeichnen statt erlegen wollte.

 

„Und denk dran – keine Gefangenen, wird schon gut gehn !“ entließ ich die heftig mit sich Hadernde zum letzten Akt. Keine zwei Stunden später hatte ich die Aufgeregte am Telefon – heftig, laut, fast weinend, kaum zu beruhigen: „Ich hab ihn … glaubst es nicht … kein guter Schuss … was hab ich nur …“ Dann brach die Verbindung ab. Als ich Frau Doktor aus besseren Kreisen Stunden später auf unserem Abschlussfest wiedertraf, erkannte ich sie kaum wieder. Sonst nur an Apfelschorle nippend, hatte sie schon die zweite Buddel „Hörner-Whisky“ (sprich Jägermeister) in Umlauf gebracht und offenbar eigenhändig einen nicht unerheblichen Teil zum Versiegen der klebrigen Plörre beigetragen. Stilvoller formuliert – sie hatte sich unmittelbar nach der doch noch schicksalhaft-glücklichen Erlegung des Wunschbocks (dazu musste Diana wirklich zweimal kräftig geblinzelt haben) auf Wolke 7 zurückgezogen und sich dort häuslich eingerichtet. Jeder, der ihre wundersame Erlegungsgeschichte hören wollte (oder auch nicht), wurde mit lautem Waidmannsheil ! auf ihre Wolke genötigt – und von ihr eigenhändig mit Jägermeister abgefüllt.

 

Nicht nur deshalb wurde es ein rauschendes Fest. Den Abschlag für den nicht erlegten Bock bekam nur eine Jägerin zurück – eine Traumquote, und das nach dem Start. Gleich mehrere Damen wurden für die erste Erlegung eines männlichen Vertreters der Trughirsch-Gattung Capreolus feierlich und stilvoll mit einem Hirschfänger (auf die Schulter, versteht sich !) zur Bock-Jägerin geschlagen. Kein Wunder also, dass nach einem ausgeprägten Waidmannsdank an unsere unglaublichen Revierinhaber die fröhliche Runde bis in die frühen Morgenstunden verhockte – und manches Auto weit entfernt vom Hotel stehen bleiben musste. Mithilfe diverser Taxis und belebendem Röstkaffee brachten wir am späten Sonntagmorgen alles wieder in die richtige Spur. Soweit das möglich war.


jagdkönigin

Der Vollständigkeit halber muss natürlich noch eine Geschichte zu Ende erzählt werden – die vom Getränke-Bock am ersten Abend: Es war natürlich kein Zweijähriger (das hätte auch noch gefehlt), die Einheimischen schätzten ihn auf sechs Jahre. Sein stolzes Gehörn wog abgekocht mit kleinem Schädel (brettfertig ohne Oberkiefer) immer noch 420 g ...

 

Und so kam es, wie es kommen musste – mit dem in über 30 Jägerjahren zweitstärksten je von mir gestreckten Bock wurde ich zur Jagdkönigin dieser wirklich ungewöhnlichen Damen-Jagd gekürt. Ein zweifelhaftes Vergnügen, auch wenn ich mich über die Zufallsbeute natürlich sehr gefreut habe – besonders wegen ihrer mehr als denkwürdigen Erlegungsumstände. Mehr schon mittags verließen wir Organisatoren nach dem Aus-Checken und Bezahlen als Letzte erschöpft, aber glücklich unser Hotel Richtung Kühlhaus, um die Trophäe abzuholen. Auf dem Weg dorthin folgte die finale Katastrophe – mein Bock war weg !

 

Mein Kumpel rang am Telefon sichtlich um Fassung: „Die Verrückte, tschuldigung, ich mein die mit dem Geburtstagsbock, hat einfach DEINEN mitgenommen. Die war so schnell weg, dass ich das erst gar nicht registriert hab …“ Während aus dem Freisprecher diese unglaubliche Story dudelte, schrie Lydia, die Leiterin der RWJ-Akademie, plötzlich los: „Da ist sie, da ist sie, dreh um !“ Mit einer für Frauen eher seltenen Präzision hatte sie das Auto der „Tausch-Täterin“ im Gegenverkehr geortet. Daraufhin fand das Telefonat ein jähes Ende und wir rasten wie einst Kojak mit quietschenden Reifen hinter dem Glücks-Junkie her. Konfrontiert mit der Sachlage, fiel die aus allen Wolken und schluchzte: „Aber ich hab doch nur einen Bock !“ Das stimmte auch. Es war nur nicht ihrer, wie wir ihr kurz darauf am Kühlhaus glaubhaft machen konnten.

 

Als sie dort eingetroffen war, lagen da nur noch zwei Böcke. Davon musste der Stärkere ja zweifellos ihrer sein (sie hatte doch so einen tollen ersten Bock erlegt) – und schwupps, weg war sie damit. Gottseidank haben wir sie noch rechtzeitig erwischt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn man ihr den sauber auf einem Ehrenbrett präparierten Mordsbock daheim von der Wohnzimmerwand hätte nehmen müssen. So etwas macht man einfach nicht als Jagdkönigin …

 

Matthias Kruse


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.