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RWJ 09/2017: Editorial

Scheu-Klappen

Im Gegensatz zu den östlichen Bundesländern und Niedersachsen ist Nordrhein-Westfalen nur ein „Wolfs-Erwartungsland“. Mit diesem verbalen Ungetüm soll zum Ausdruck kommen, dass sich bei uns weder feste Rudel etabliert haben noch Welpen zur Welt gekommen sind. Jedenfalls bisher.

Das Foto zeigt Mathias Kruse, Chefredakteur Rheinisch-Westfälischer Jäger.

Matthias Kruse, Chefredakteur Rheinisch-Westfälischer Jäger

Es konnte nicht verwundern, dass die Medien – allen voran der WDR – mit Rieseninteresse auf ein Gutachten zum Thema Wolf ansprangen, das der Bauernverband in Westfalen-Lippe Anfang August vorstellte. Gemeinsam mit dem Verband der Jagdgenossenschaften (VJE) wird darin gefordert, den Abschuss von Wölfen nicht zu tabuisieren. Dafür gibts viele gute Gründe, die es sich lohnt, einmal in Ruhe nachzulesen (PDF). Von besonderer Bedeutung war die Einleitung, mit der der Brandenburger Wildtier-Experte Prof. Pfannenstiel seine Überlegungen vorstellte: Als im 19. Jahrhundert der letzte Wolf im Münsterland getötet und zu Zeiten der DDR jeder Grauhund erlegt wurde, der die Elbe Richtung Westen durchrann, geschah dies in „völliger Übereinstimmung“ mit dem Wunsch der Menschen jener Zeit, für die jeder Wolf schlicht „böse“ war. Darüber herrschte gesellschaftlicher Konsens. Und heute ? Ginge es nach dem WDR und fast allen anderen Meinungsbildnern, ist heute jedermann „böse“, der auch nur darüber nachdenkt, bestimmten Tieren Grenzen zu setzen, sei es regional oder grundsätzlich. Völlig zurecht wies der VJEVorsitzende Clemens Frhr. von Oer bei der Vorstellung des Gutachtens darauf hin, dass niemand Wölfe in NRW ausrotten wolle – auch wenn die Kulturlandschaft zwischen Rhein und Weser sicher kein Optimalbiotop für sie sei.

 

Betrachtet man die Probleme in den östlichen Bundesländern und Niedersachsen, muss auffallen, dass es im Kern um ein biologisches Faktum geht, das sich durch keine Spitzfindigkeit wegdiskutieren lässt: Im Gegensatz zu wesentlich menschenärmeren Regionen Osteuropas reagieren Wölfe in Deutschland rasend schnell auf die Tatsache, dass sie bei uns mit einer Art „Willkommenskultur“ begrüßt werden. Dieser Begriff aus dem Umfeld der Flüchtlingsdebatte wurde von „interessierten Kreisen“ schamlos auf „Bruder Wolf“ erweitert … Sie verlieren so etwas, was eigentlich untrennbar mit ihrem Wesen verbunden ist – jede Art von natürlicher Scheu. Wenn man sie selbst in der unmittelbaren Nähe von Weidevieh duldet (E-Zäune und exklusive Hüte-Hunde sind für Wölfe keine echten Hindernisse), lernen sie schnell, sich an diesen „McDonalds-Filialen“ zu bedienen.

 

Verdienen Wölfe, die am helllichten Tag durch Siedlungen und völlig ohne Scheu auf Menschen und Haustiere zulaufen, wirklich die Bezeichnung „wild“? Man muss nicht den Teufel an die Wand malen („... lass den Wolf erst das erste Baby aus dem Kinderwagen holen ...“), aber eines scheint völlig klar zu sein: Wenn man freilebenden Tieren in unserer Kulturlandschaft keine Grenzen setzt, nutzen diese das umgehend aus:

- das erfahren wir in den letzten Jahren leidvoll mit Wildschweinen

- fast unlösbare Probleme erwarten uns demnächst mit Nutrias

- in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holsten sorgt eine völlig aus dem Ruder gelaufene Willkommenskultur dafür, dass sich Nandus (!) unkontrolliert ausbreiten.

 

„Wie“ man Wölfe auch bei uns wieder scheu bekommt, ist eine ganz andere Frage. Müssen wir Jäger uns wieder für die „A“...-Karte anstellen wie bei den vermaledeiten Katzen ? Vielleicht sollten das lieber bestens vorbereitete staatliche Experten übernehmen. Wölfe wurden 2017 in NRW bisher ganze sieben beobachtet, Wolfsberater gibts hier schon 23. Die sollten sich mit Vergrämung bestens auskennen. Letal oder nicht letal.

 

Matthias Kruse

 

 

Wölfe in NRW

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