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RWJ 02/2018: Editorial

Das Undenkbare denken – und handeln

Mit der Aufhebung aller Schonzeiten für Schwarzwild reagiert das NRW-Umweltministerium auf die nach wie vor sehr besorgniserregende Situation des möglichen Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest auch in Deutschland und NRW.

Das Foto zeigt Ralph Müller-Schallenberg - Präsident des Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen.

Ralph Müller-Schallenberg, Präsident des Landesjagdverbandes NRW.

Zum Schutz dieser faszinierenden Wildart, aber v. a. der schweinehaltenden Landwirte, des Handels, der Fleischindustrie – und Tausender Existenzen, die von diesen Wirtschaftszweigen unmittelbar abhängen, sind wir Jäger aufgerufen, die hohen Schwarzwildbestände weiter massiv abzusenken. Und zwar mit (fast) allen Mitteln. Damit meine ich ausdrücklich auch solche, die für uns bis vor kurzem undenkbar waren:

 

Das heißt, dass wir in den nächsten Wochen, die wir sonst mit Recht als Schonzeit bezeichnet haben, weiter intensiv versuchen müssen, jeder Sau habhaft zu werden, natürlich wie schon bisher zuerst und v. a. in der Jugendklasse.

 

Weiter jagen bei hoher Schneelage im Februar und März – undenkbar ? Eben nicht. Es geht in den nächsten Wochen nicht um das Ende aller Waidgerechtigkeit und auch nicht um einen Krieg gegen das Schwarzwild. Was Behörden, Wirtschaft und Politik jetzt von uns einfordern, ist unsere umfassende Hilfe im Rahmen der Seuchen-Prävention. Angesichts dieser gesellschaftspolitischen Mammut-Aufgabe muss es erlaubt sein, traditionelle (also auch weiter richtige) Grundeinstellungen „befristet“ hintanzustellen. Dazu zählt die Beachtung des Ruhebedürfnisses aller Schalenwildarten von Mitte Januar bis Ende April, besonders bei hohen Schneelagen – und die Einhaltung von Schonzeiten. Ende Januar befasst sich das DJV-Präsidium außerdem ausführlich mit dem Für und Wider von Nachtzielgeräten – und der Frage, ob und wie uns diese bislang durch Bundesrecht verbotene Technik momentan weiterhelfen kann.

 

Weitere immer wieder geforderte Alternativen brächten dagegen unweigerlich ganz andere Steine ins Rollen – so würde ein pharmakologischer Einsatz („Pille für die Sau“) den sowieso schon stark schwächelnden Absatz von Wildschwein-Fleisch völlig zum Erliegen bringen. Auch den Einsatz sog. Saufänge (Großfallen mit anschließender Massen-Exekution) kann kein echter Jäger ernsthaft befürworten. Nicht zuletzt ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass wir als Gesprächspartner für solche Fragen zukünftig nicht mehr ernst genommen werden, wenn das Sauenproblem über Jahre mit „jagdlichen“ Mitteln nicht gelöst werden kann. Der Landesjagdverband NRW setzt sich in diesen Tagen an allen nur denkbaren Fronten gemeinsam mit der Landesregierung, den Landwirten, Veterinären und dem Fleischhandel für pragmatische Lösungen in dieser höchst schwierigen Situation ein.

 

So fordern wir von den Behörden die sofortige Befreiung von Gebühren für die Untersuchung von Trichinenproben für „alle“ erlegten Sauen. Parallel dazu arbeiten wir mit dem Umweltministerium und der Fleischindustrie an einem Konzept zur Stützung des massiv einbrechenden Marktes für Wildschwein- Fleisch – Entwicklungen wie in einigen ostdeutschen Regionen, wo der Handel für ein Kilo in der Schwarte gerade noch 0,20 € zahlt, sind angesichts der gerade jetzt unbedingt nötigen scharfen Bejagung extrem kontraproduktiv. Dass unmittelbar nach Weihnachten und Silvester der klassische Wildbret-Markt sowieso schwächelt, spielt uns dabei nicht gerade in die Karten. Genauso wie das in dieser Saison extrem jagdunfreundliche Wetter mit Dauerregen (kaum nutzbare Mondphasen) und kaum Frost und Schnee. Hoffentlich ändert sich das im Februar und März.

 

Die Forschungsstelle hat für das „Undenkbare“, was dann auf uns wartet, einige Empfehlungen zusammengestellt – bitte handeln Sie danach und erlegen auch in den nächsten Wochen so viele Wildscheine, wie nur irgendwie möglich.

 

Ganz bewusst davon auszunehmen sind einzeln kommende Sauen – diese sollten wir in den nächsten Wochen generell schonen, da sonst die Gefahr, führende Stücke zu erlegen, unkalkulierbar wäre. Selbst in Zeiten drohender Seuchen bin ich nicht bereit, den Muttertierschutz – und damit einen Grundpfeiler unseres waidmännischen Handelns, zur Debatte zu stellen.

 

Wir werden auf der Messe „Jagd & Hund“, im RWJ und der LJV-Homepage über aktuelle Entwicklungen weiter informieren.

 

 

Afrikanische Schweinepest

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