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RWJ 08/2017: Editorial

Aus dem Vollen

Der Höhepunkt der Blattzeit in diesen schweißtreibenden Tagen ist für viele Jäger gleichzeitig „das“ Highlight in ihrem persönlichen Jagdjahr – sicher kennen Sie auch Freunde, die sich extra dafür Urlaub nehmen. Spannende Erlebnisse auf den treibenden Bock seien ihnen gegönnt, mit Blick auf das große Ganze ist die Bedeutung daraus resultierender Abschüsse allerdings genauso begrenzt wie die schon in wenigen Wochen anstehende „hohe Zeit“ im Rotwild-Revier. Aus ganz verschiedenen Gründen sollten wir aber gerade in diesen Wochen unsere eigentliche „Arbeit“ nicht aus dem Auge verlieren:

Das Foto zeigt Mathias Kruse, Chefredakteur Rheinisch-Westfälischer Jäger.

Matthias Kruse, Chefredakteur Rheinisch-Westfälischer Jäger

In Revieren mit Schwarzwild bedeutet das nicht nur wegen drohender Wildschäden nächtelanges „Bewachen“ bedrohter Feldschläge und flexibles Reagieren auf kurzfristig angesetzte Erntemaßnahmen. In solchen Momenten kann es zur skurrilen Situation kommen, dass im Weizen ein begehrenswerter Bock treibt, dessen Erlegung allerdings das jähe Ende der „Sau-Wache“ bedeuten würde, weil man bei diesen Temperaturen danach unmittelbar zum Kühlraum muss – keine leichte Entscheidung … Apropos Ernte – auch wenn eine gütige Macht dafür sorgt, dass es meist „grad noch mal gut geht“, sind Erntejagden eine der gefährlichsten Jagdarten überhaupt.

 

Wenn nach stundenlangem Warten im Staub des Mähdreschers aus den letzten Halm-Reihen die Sauen quellen, kommt es leider immer wieder zu Kurzschluss-Reaktionen: „Durch die Reihe ziehen“ und „in Richtung Feld schießen“ sind mit Abstand die schlimmsten davon. Bewahren Sie also kühlen Kopf (im wahrsten Sinne des Wortes – halten Sie ausreichend Wasser bereit !) – und nutzen auch dabei den Sicherheitsvorteil mobiler Ansitzhilfen.

 

In traditionell geführten Rotwild-Revieren fällt vor der Brunft kein Schuss – „Ruhe, Ruhe und nochmal Ruhe“ heißt das dortige Evangelium. Das ist solange vertretbar, wie der weibliche Abschuss auch danach noch mit waidgerechten Mitteln und ohne Zeitdruck möglich ist. Fakt ist, dass dies in einigen Regionen zwischen Rhein und Weser ganz offenbar nicht immer gelingt. Wie sonst käme es in unschöner Regelmäßigkeit zum waidmännischen und wildbiologischen Super-GAU – dem Abschuss führender Tiere bei Bewegungsjagden im Herbst und Winter ? Es nützt aber rein gar nichts, sich darüber Jahr für Jahr an Stammtischen und auf Hegeschauen in Rage zu reden und mit dem Finger auf „den Staat“ oder andere große Waldbesitzer zu zeigen.

 

JETZT im Hochsommer, wenn wir oft nur die Blattzeit im Kopf haben, muss die Voraussetzung dafür geschaffen werden, mit erkennbar weniger weiblichem Wild in den Herbst zu gehen. Sammelansitze auf weibliches Wild sind dazu das ideale Mittel. Losgelöst von der unübersichtlichen Situation vorbeihuschender Großrudel kommen dabei im optimalen Fall saubere Dubletten zur Strecke. Und davon braucht es möglichst viele – um danach wieder Ruhe einkehren zu lassen.

 

Gleiches gilt für den weiblichen Abschuss im Rehwildrevier – wer gleich Anfang September Kitz-Ricken-Dubletten erwischt, ist ganz weit vorne. Das Pseudo- Argument, die Kitze sollten erst noch „ein bisschen Speck auf die Rippen bekommen“, erledigt sich bei genauerem Hinschauen – natürlich wiegen November-Kitze mehr, aber diese ein, zwei Kilo landen leider … nahezu komplett in der Winterdecke ! Genießen Sie unvergessliche Momente beim Blatten auf den roten Bock und beim Rufen des urigen Hirsches. Aber vergessen wir dabei nicht unseren Hauptauftrag: Aus dem Vollen schöpfen. Zum Wohle des Wildes. Dazu ein kräftiges Waidmannsheil !

 

Matthias Kruse

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