Seite 1

RWJ 01/2018: Internationale Experten-Tagung

Wirkung von Wildwarnreflektoren weiter unklar

Vorgestellte Studien zeigen, dass blaue Reflektoren Wildunfälle senken können, die Wirkweise ist allerdings umstritten. Rund 200 Experten nahmen an der Fachtagung von ADAC und DJV teil.

djv reflektoren id63764

Wirksam oder nicht? Dieser Frage ging eine Experten-Tagung in Hannover nach.

Am Rand der Messe Pferd und Jagd diskutierten Anfang Dezember rund 200 Experten aus Wissenschaft, Behörden und Verbänden über die Wirksamkeit von Wildwarnreflektoren. Wissenschaftler des Instituts für Wildbiologie Göttingen und Dresden stellten das Ergebnis einer Langzeitstudie aus Schleswig-Holstein vor, die ADAC, DJV und weitere Partner unterstützten: Auf mit Reflektoren ausgestatteten Strecken wurden im Schnitt 60 Prozent weniger Wildunfälle registriert. Während vier Jahren trat weder ein Gewöhnungseffekt noch eine Verlagerung des Unfallgeschehens auf.

 

„Unsere Studien zeigen, wenn der richtige Reflektor richtig eingesetzt, montiert und gewartet wird, dann wirkt er.“ Mag. Wolfgang Steiner, Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft, BOKU Wien

 

Über ähnlich hohe Rückgänge bei Wildunfällen berichteten die Initiatoren der Aktion Lichtzaun (Baden-Württemberg), die auf 4 000 Straßenkilometern Reflektoren angebracht hatten. Ein Langzeitprojekt der Universität für Bodenkultur in Wien kommt zum Schluss, dass richtige Reflektoren – richtig eingesetzt, montiert und gewartet – auch wirken. Jäger, Verwaltung, Polizei und Tierschützer müssten mehr kooperieren, um Unfälle effektiv zu reduzieren. Deutlich kritischer beurteilten Vertreter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV), Technische Universität (TU) Dresden sowie Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden- Württemberg (FVA) die Wirksamkeit von Wildwarnreflektoren. Der FVA-Wissenschaftler wies nach, dass Blau für Rehe keine Warnfarbe ist. Bei verschiedenen Versuchen zeigten sie weder Verhaltensänderung noch Fluchtreflexe.

 


„Die Anwendung von Reflektoren ist fraglich, wenn es darum geht, Wildunfälle zu vermeiden.“ Dr. Falko Brieger, FVA

 

Der GDV-Vertreter konnte noch keine Ergebnisse der eigenen Untersuchung präsentieren, verwies aber auf internationale Studien, die mehrheitlich keine Wirksamkeit von Reflektoren nachweisen konnten. Eine lichttechnische Untersuchung der TU Dresden zeigte, dass Wildwarnreflektoren überhaupt keine für Wildtiere wahrnehmbaren Lichtreflexe in den Straßenseitenraum abstrahlen können. Allerdings ergab eine kleine Befragung unter Autofahrern, dass 70 Prozent aufmerksamer oder langsamer fahren, wenn sie Reflektoren wahrnehmen. Bei künftigen Forschungsprojekten sollte der Faktor Mensch entsprechend stärker berücksichtigt werden.

 

Einig waren sich die Teilnehmer, dass es nicht eine Präventionsmaßnahme gibt, die für alle Situationen geeignet ist. Vielmehr müsse je nach Verkehrssituation und Rahmenbedingungen ein Maßnahmenpaket geschnürt werden. So sollten Fehler bei der Straßenrandbegrünung vermieden werden. Attraktive Futterpflanzen wie Hartriegel oder Obstbäume wirken wie Magnete auf Rehe und andere Pflanzenfresser, ebenso viele Kräuter- und Grasmischungen. Daher sollte man Pflanzen mit hohem Bitterstoffgehalt einsetzen. Ähnliches gilt auch für Streusalz.

 


„Es ist enorm wichtig, keine Futterpflanzen wie Hartriegel am Straßenrand zu pflanzen. Diese wirken wie ein Magnet auf Rehe.“ Wilfried Müller, LJV Baden- Württemberg

 

Teilnehmer äußerten die Sorge, dass Straßenbauverwaltungen auf Grundlage der vorgestellten Untersuchungen die Duldung von Wildwarnreflektoren widerrufen könnten. Auch wenn deren Wirkweise nicht abschließend geklärt sei, könne eine Wirkung nicht ausgeschlossen werden. Eine Tierschützerin ergänzte, dass jeder verhinderte Wildunfall als Erfolg gewertet werden müsse.

 

Am Rande der Tagung stellte der DJV das Tierfund-Kataster (tierfund-kataster. de) vor: Über Internet und App können Verkehrsteilnehmer Wildunfälle melden. Sogar ein Foto lässt sich zur besseren Tier-Bestimmung hochladen. Wissenschaftler der Uni Kiel werten die Daten aus, um Wildunfallschwerpunkte zu ermitteln und schließlich zu entschärfen. Mehr als 40 000 Datensätze liegen inzwischen bundesweit vor.

 

Die Vorträge aus der Fachveranstaltung: http://bit.ly/WU-Tagung_Vorträge Videoaufzeichnung der Podiumsdiskussion: http://bit.ly/WU-Tagung_Video Fotostrecke mit wichtigen Zitaten der Experten: http://bit.ly/WU-Tagung_Fotos


Aktiv nur für Mitglieder!

Bitte melden Sie sich an, oder werden Sie Mitglied.