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RWJ 12/2017: LJV-Chronik

Mit der jagdlichen Wiederbewaffnung fing alles an

Historiker der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster verfassen die Chronik des Landesjagdverbandes NRW über 50 Jahre Nachkriegszeit.

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Sichten und ordnen, lesen und schreiben – die Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting und Oliver Lorenz (links) verfassen die Chronik des Landesjagdverbandes NRW.

Wer schreibt, der bleibt. Das ist für seriöse Geschichtsschreibung ein keckes, aber kein schlechtes Motiv. Auch Verbände vergewissern sich gern ihrer Herkunft als Basis für Kommendes. „Das Interesse an Geschichte hat allgemein stark zugenommen. Immer mehr Verbände und Unternehmen kümmern sich um die Einordnung ihrer eigenen Historie“, sagt Prof. Dr. Thomas Großbölting. Der Histo riker für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Münster hat die akademische Oberaufsicht über die Erfassung einer Chronik des Landesjagdverbandes NRW. Das Werk umfasst die Nachkriegszeit seit 1945 bis 1995, wird rund 100 Seiten umfassen und soll im Frühjahr 2018 fertiggestellt sein.

 

Bis dahin muss die Promotion von Oliver Lorenz ein bisschen warten. Denn drei von fünf Wochenarbeitstagen wälzt der Münsteraner Junghistoriker derzeit im LJV-Archiv Akten, Protokolle, Verbandsmitteilungen und Korrespondenzen. „200 Ordner und einige Rollschränke kommen da schon zusammen“, berichtet der gebürtige Wuppertaler. Sein Doktorvater Großbölting garantiert den wissenschaftlichen Anspruch, betont aber auch die Lesbarkeit der Verbandschronik, die der LJV bei ihm in Auftrag gegeben hat. Hauptgeschäftsführer Christof Marpmann hatte mehrere historische Institute angefragt und landete am Ende bei den renommierten Historikern der Uni Münster für die Autorschaft der Verbandschronik.

Sie soll vor allem drei Aspekte in den Blick nehmen – Jagdpolitik, innerverbandliche Arbeit und zeitgeschichtliche wie kulturelle Bedingungen von Jagd und Jägern. Als offizielles Gründungsjahr des Landesjagdverbandes gilt 1947, auch wenn es dann noch drei Jahrzehnte dauern sollte, ehe die beiden Landesgruppen Rheinland und Westfalen unter dem legendären Präsidenten Constantin Frhr. Heereman 1976 in eine einzige, gemeinsame Marschformation gebracht wurden.

 

Interessant findet vermutlich nicht nur LJV-Chronist Lorenz, welche Probleme die Jagdverbandsgewaltigen nach dem Krieg so hatten. Da tobte ein erbitterter Streit, ob die Mitglieder der britischen Besatzungsmacht zur Jagd in rheinische und westfälische Reviere eingeladen werden sollten – nicht nur zwecks Völkerverständigung, sondern wohl auch mit dem Hintergedanken, die eigene jagdliche Wiederbewaffnung zu beschleunigen.

Denn nach der bedingungslosen Kapitulation des Hitler-Staates hatten die Deutschen alles, was auch nur nach einem Gewehr aussah, erst einmal bei den Siegermächten abzuliefern. In den 1980er Jahren bekamen Fragen des ökologischen Gleichgewichts auch für die Jagd eine zunehmend relevante Größe. „Direkt nach 1945 war die Jagd noch erkennbar eine Sache der Ernährungsgrundlage, was bald nicht mehr so große Bedeutung besaß“, so Großbölting. Ob der Professor und sein Doktorand auch selber schon mit Jagd und Jägern zu tun hatten, ehe sie mit der Chronisten arbeit über deren Verband loslegten? „Nein“, sagt Thomas Großbölting, „aber das Thema fand ich auf Anhieb reizvoll.“ Oliver Lorenz rieb sich beim Studium der LJV-Archivalien manches Mal die Augen, wenn die Jägersprache tolle Blüten trieb. Marpmann und seine Stellvertreterin Barbara Antes waren dann stets hilfreiche Dolmetscher. „Notfalls ging auch das Internet als Übersetzungshilfe.“

 

Wenn die LJV-Chronik als Geschichte der Jagd und ihres Verbandes in NRW mit Texten, Fotos und Grafiken fertiggestellt sein wird, soll sie nicht ins Archiv entschwinden, woher ein Großteil ihres Basismaterials stammt. Mit dem Landwirtschaftsverlag Münster ist bereits eine Buchfassung für einen größeren Lektürekreis verabredet. Schließlich gilt auch – wer liest, gewinnt.

 

LB

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