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RWJ 06/2016: Festredner beim Landesjägertag

„Das Land muss sich zu Wort melden“

Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes (RLV), spricht auf dem Landesjägertag in Aachen und beantwortete dem RWJ im Vorfeld einige Fragen.

ljt conzen

Der Präsident der Landwirte im Rheinland, Bernhard Conzen, ist in diesem Jahr der Festredner am 25. Juni auf dem Landes­jägertag in Aachen. Im RWJ-Interview ­verdeutlicht er die aktuellen Sorgen der Landwirte und wirbt um ein verstärktes Miteinander mit den Jägern.

RWJ: Worin sehen Sie aktuell die größten Chancen und Risiken der heimischen Landwirtschaft ?

 

Conzen: Die Preise sind zurzeit in allen Agrarbereichen sehr niedrig und nicht kostendeckend. Der Absatz ist sehr schwach aufgrund des Russlandembargos und Chinas geringerer Nachfrage. Die Preise befinden sich nach wie vor auf einem für eine rentable Produktion viel zu niedrigen Niveau. Für unsere Schweinehalter dauert diese Phase jetzt schon mehr als zwei Jahre. Seit der Verhängung der seuchenhygienischen Restriktionen durch Russland Anfang 2014 dümpeln die Erlöse für Ferkel bei um die 45 € das Stück und für Schweinefleisch bei rund 1,30 € je kg. Unter diesen Bedingungen sind Sauenhaltung und Schweinemast wirtschaftlich nicht aufrechtzuerhalten.

 

Mit besonderer Härte bekommen derzeit die Milcherzeuger die Marktkrise zu spüren. Mit Beginn des neuen Jahres haben die Milcherzeuger in der EU gut fünf Prozent mehr Milch als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres produziert. Uns allen muss klar sein: Mit dem Auslaufen der Quotenregelung liegt die Verantwortung für den Umgang mit Preisschwankungen in den Händen der Marktakteure, also der Milcherzeuger und Molkereien. Aus meiner Sicht spricht – auch angesichts des Weges, den wir bei Zucker gegangen sind – vieles dafür, dass im Milchbereich die Marktakteure gemeinsam Instrumente zum Umgang mit Marktschwankungen abstimmen und auf den Weg bringen können.

 

Da in der Region eine überwiegend genossenschaftliche Struktur vorhanden sei, lassen sich innerhalb der Molkereien in Abstimmung mit den Erzeugern auch ohne politische Vorgaben neue Wege finden. Umso mehr hoffe ich, dass die Politik sich nicht veranlasst sieht, wieder in den Milchmarkt einzugreifen.

 

RWJ: Welche Bedeutung messen Sie Jagd und Jägern bei?

 

Conzen: Betriebe, die Landwirtschaft und Gartenbau erfolgreich betreiben wollen, brauchen engagierte Jäger, damit die Feldkulturen vor größeren Wildschäden bewahrt bleiben. Dies ist umso mehr erforderlich, als nicht jeder Wildschaden durch den Jagdpächter bzw. die Jagdgenossenschaft kraft Gesetzes ersatzpflichtig ist. Etwa für Sonderkulturen – das sind praktisch alle Gartengewächse, die zwar verbreitet feldmäßig angebaut werden, aber deshalb noch kein Gewicht von regionaler Bedeutung erlangt haben – besteht keine gesetzliche Wildschadenersatzpflicht.

 

Diese würde ohnehin nur für Schalenwild (vor allem Schwarzwild), Fasanen und Wildkaninchen in Betracht kommen. Aber auch die Jäger brauchen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Landnutzern und Bewirtschaftern, bildet deren Grund und Boden doch zugleich die Lebensgrundlage für das Wild.

 

RWJ: Welche Rolle spielt das Aktionsbündnis Ländlicher Raum ?

 

Conzen: Vor diesem Hintergrund haben sich schon vor Monaten 17 Landnutzer- Verbände in Nordrhein-Westfalen zum "Aktionsbündnis Ländlicher Raum" zusammengeschlossen, um Stellung gegen eine Politik zu beziehen, die mit einem ideologischen Ansatz Natur- und Tierschutz gestalten will und überwiegend von der städtischen Bevölkerung verfolgt wird. Die gegen das Ökologische Jagdgesetz NRW gerichtete und bestens gelungene Großdemonstration der Jägerschaft in unserem Bundesland im März 2015 war so etwas wie der Startschuss zur Initiative Aktionsbündnis Ländlicher Raum. Bekanntlich befindet sich gegenwärtig das neue Landesnaturschutzgesetz im Gesetzgebungsverfahren des nordrheinwestfälischen Landtages, das ebenso wie die Novelle des Landeswassergesetzes teilweise dieselbe ideologische Ausrichtung hat.

 

Eben deshalb war es erforderlich, dass sich auch das nicht städtische Umfeld, also das Land, mit dem Aktionsbündnis Ländlicher Raum zu Wort meldet. Nach dem gegenwärtigen Stand dieser beiden Gesetzgebungsverfahren dürfen wir inzwischen ein wenig Zuversicht haben, dass zumindest die schlimmsten ideologischen Prägungen aus den Gesetzentwürfen gestrichen werden. Unternehmer der Landwirtschaft und des Gartenbaus sowie die Jäger brauchen einander. Sie sollten wechselseitig das nötige Verständnis für die jeweiligen Belange und Interessen aufbringen, kommt dies doch allen zugute.

 

RWJ: Was muss sich in Nordrhein- Westfalen ändern für Land und Leute?

 

Conzen: Die vor uns liegenden Monate werden für unsere Betriebe schwierig. Ich bin sehr in Sorge, dass angesichts der wirtschaftlichen Situation vermehrt Betriebe aus der Tierhaltung aussteigen werden. Leider kann ich derzeit kaum Hoffnung oder positive Signale vermitteln. Es gibt in keinem Produktbereich verlässliche Anhaltspunkte für eine Verbesserung der Situation. Für unsere berufsständische Arbeit wird die Herausforderung in den vor uns liegenden Monaten darin bestehen, Politik und beteiligte Wirtschaft an ihre Mitverantwortung zu erinnern.

 

Die Fragen stellte Ludger Baumeister.

 

Landesjägertag in Aachen

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